Pfarrerin Hanna Schramm – Anteilnahme am Leben der Menschen

Hanna Schramm: «Warum ist der Mensch religiös, weshalb glaubt er, was bedeutet das?» Foto: Walter Krumbach
Hanna Schramm: «Warum ist der Mensch religiös, weshalb glaubt er, was bedeutet das?» Foto: Walter Krumbach

 

Im Jahr 2008 betrat die geborene Dresdnerin zum ersten Mal chilenischen Boden. Sie absolvierte an der Versöhnungsgemeinde «eine Art soziales Praktikum», wie sie es nennt. Auf diese Kirche kam Hanna Schramm über das Internet. Sie fragte an, ob sie ein Volontariat wahrnehme könnte, worauf eine eine positive Antwort kam.

 

Von Walter Krumbach

Die Erfahrung fiel durchaus positiv aus, weshalb einige Jahre danach Hanna Schramm in Leipzig, wo sie studierte, mit Jürgen Leibbrandt Kontakt aufnahm. Der damalige Vorsitzende der Erlösergemeinde war entgegenkommend: «Ja, wir könnten neue Leute gebrauchen», meinte er, was die Studentin anspornte, erneut nach Chile zu reisen.

2010 kam sie in Santiago mit dem damaligen Aushilfsbischof Siegfried Sander ins Gespräch. Kirchen schauen sich heutzutage oft nach theologischem Nachwuchs um. Die Erlösergemeinde war in diesem Sinne keine Ausnahme. Studentin und Pfarrer wurden sich einig, weshalb 2012 Hanna Schramm ihr Vikariat in Santiago beginnen konnte:

«Das ist im Grunde eine Art Praktikum, wo man das theoretisch gelernte mit der Begleitung eines Mentors anwenden muss», erläutert sie. Im März 2014 wurde sie von Pastor Sander ordiniert. Hanna Schramm ist seit nunmehr sechs Jahren ein fester Bestandteil der Santiaguiner Erlösergemeinde.

 

Lutherische Kirche in Chile – eine besondere Situation

In Sachsen hat der lutherische Glaube eine jahrhundertelange Tradition. Was für einen Eindruck gewinnt ein Mensch, der aus diesem Umfeld kommt, von einer religiösen Gemeinschaft wie sie in Santiago anzutreffen ist? Hanna Schramm überlegt einen Moment, bevor sie mit Bestimmtheit antwortet:

«Die besondere Situation hier in Chile und vielleicht auch in anderen lutherischen Gemeinden in anderen Ländern ist, dass wir in einer sozialen, kulturellen Mischung sind. Diese Kirche gehört zu Menschen, die ihren Ursprung in Deutschland und mittlerweile hier schon Enkel haben. Zum anderen haben wir hier auch Chilenen und somit ist die Gemeinde eine Mischung an verschiedenen Ausprägungen, Ideen, Vorstellungen und Wünschen. Da muss man berücksichtigen, was die Leute für Bedürfnisse haben». Dazu sind die meisten Gemeindemitglieder es nicht gewohnt, dass der Pfarrer eine Frau ist: «Das fällt auf und einige sind zunächst sehr zurückhaltend mir gegenüber.»

Eine größere Bedeutung misst sie jedoch den Gemeinsamkeiten zu. Die finden sich «in der Lithurgie, in bestimmten Veranstaltungen, oder in Angeboten, die in Deutschland wie auch hier gleich gemacht und umgesetzt werden. Es könnte natürlich sein, dass ich vom sprachlichen her eine andere Art habe, bestimmte Ideen zu formulieren. Das kann für die Menschen eine Herausforderung sein, um mich zu verstehen».

 

Sich für Gott und den Glauben interessieren

In der Gegenwart wird in zunehmendem Maße die Meinung laut, der Mensch kehre sich von den geistigen Werten ab und wende sich bevorzugt dem Materialismus zu. Hanna Schramm sieht das anders: «Es gibt immer einen Kern von Menschen, egal zu welcher sozioökonomischen Klasse sie gehören, die sich für geistige Dinge interessieren, die die Form, die wir anbieten, mit Gott sich zu verbinden, mögen und denen das wichtig ist. Diese Gruppe gibt es und ich gebe mir Mühe, diesen Menschen ein Angebot zu machen und mit ihnen gemeinsam etwas zu gestalten».

Gleichzeitig meint sie, dass es «immer schwieriger wird, die Menschen für die Glaubensthemen zu interessieren und zu motivieren.» Zum anderen «ist diese Stadt so groß und es ist kompliziert, sich fortzubewegen. Viele Leute wollen nach einem langen, stressigen Arbeitstag lieber zu Hause bleiben und sich ausruhen».

Die Erlösergemeinde ist seit ihrer Gründung eine traditionsbewusste Gruppierung gewesen. Das hat sich bis heute nicht verändert. So hat sich zum Beispiel trotz des allgemeinen Rückgangs der deutschen Sprache im Inland der deutschsprachige Gottesdienst halten können. Hanna Schramm «kann das Bedürfnis, dass die Leute den Gottesdienst auf Deutsch haben wollen, nachvollziehen. Wenn auf eine bestimmte Art und Weise sich bei mir im Herzen, in der Stimmung etwas rührt, dann ist es ganz natürlich, dass ich das so haben will».

Gefühlsregung entsteht aber bekanntlich nicht nur durch Worte oder die Verwendung einer bestimmten Sprache. Das veranschaulicht sie mit einer Entscheidung, die sie vor einigen Wochen traf: «Ich habe am vergangenen Karfreitag am Ende die Glocken läuten lassen und dann den Altar abgedeckt. Mehrere Leute haben mir danach gesagt, dass sie das sehr berührt habe. Man muss ja im Gottesdienst nicht nur mit Worten anrühren. Wenn es Gesten gibt, die bei den Menschen etwas anregen, dann ist es gut, das zu tun.»

 

Das Vaterunser auf Deutsch

Das gilt auch für die Sprache, meint sie: «Wenn die Leute mir sagen, sie beten das Vaterunser auf Deutsch, weil sie es so kennengelernt haben, dann kann ich das natürlich verstehen. Wenn es immer noch eine gute Gruppe von Menschen gibt, denen das wichtig ist, dann finde ich, sollte man das nicht völlig weglassen».

Hanna Schramms durchaus nicht gewöhnliche Berufsentscheidung nahm – es mag paradox klingen – wie selbstverständlich Gestalt an: «Meine beiden Eltern sind immer sehr kirchlich gewesen, mein Vater kommt aus einem Pfarrhaus und seine Brüder sind alle Pfarrer geworden». In dieser Atmosphäre wuchs Hanna auf: «Ich habe mich immer für die Themen der Kirche interessiert, habe mich gefragt, warum ist der Mensch religiös, weshalb glaubt er, was bedeutet das eigentlich?»

Trotz der ständigen Beschäftigung mit der geistigen Thematik und den regelmäßigen Gottesdienstbesuchen wollte sie «zunächst einmal nicht daran denken, Pfarrerin zu werden, weil vor diesem Beruf Respekt habe. Pfarrer sein wollen wächst eigentlich erst mit dem mehr Kennenlernen, dem Gemeindepraktikum. Es ist ein Beruf, der viel Lebenserfahrung voraussetzt».

Heute ist sie für die Erlösergemeinde in Santiago in vollem Einsatz, was sie nicht daran hindert, mit ihrer Landeskirche in Deutschland Kontakt zu pflegen. Vorerst «möchte ich hier noch 10 bis 20 Jahre bleiben», versichert sie, «aber ich brauche die Vorstellung, dass ich einmal zurückgehen kann».

Pastoren sind die Psychologen von anno dazumal, heißt es. Sie sind Seelsorger, nur ist ihr Tätigkeitsspektrum viel größer als das der Seelenkundler. Sie unterrichten, predigen, taufen, trauen, beerdigen, müssen einigermaßen gut vorsingen können und sich in verwaltungstechnischen Dingen auskennen.

Was macht Hanna Schramm bei der Ausübung ihres Berufes am meisten Spaß? Ohne lange zu überlegen antwortet sie: «Die Gespräche mit den Leuten», womit sie sowohl die Vorbereitungen auf eine Kindstaufe als auch Beerdigungsgespräche meint, «weil man unheimlich viel lernt und von den Menschen erfährt». Ebenso die Gesprächskreise, bei denen es «ein Privileg ist, Anteil zu haben am Leben von anderen Menschen».

Diese Kontaktfreudigkeit lebt sie besonders in Projekten aus, die sie mit Gemeindemitgliedern zusammen ausarbeitet: «Wenn Menschen ihre Talente einbringen und ihre Hilfe anbieten, dann ist man froh und dankbar!»      

 

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