Hamburger mag es kernig

Wie ist es möglich, dass ein deutscher Kunde im Winter in einen knackfrischen Apfel beißt, obwohl doch die Ernte erst im Herbst ansteht? Der Hamburger Rolf Mißler kennt das Geheimnis: Er importiert Obst und Früchte aus Chile.

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Und das geht so: Die Äpfel werden praktisch im Frühjahr in Chile geerntet und kommen dann in spezielle Kühlcontainer (Reefer), in denen sie auf 0,5 Grad Celsius gekühlt werden. In diesen Dornröschenschlaf versetzt schlummern die Äpfel auf der langen Fahrt bis zum Hafen von Rotterdam. Erst wenn sie zu den Endverbrauchern gefahren werden, reifen sie wieder und landen schließlich zum Verzehr bissfertig auf der Ladentheke.
Und somit können Rolf Mißlers Kunden auch im europäischen Winter frische Ware aus Übersee anbieten. Der gebürtige Hamburger beliefert mit seiner Firma Fresh Connection Fruchtimport GmbH vor allem Supermarktketten in Deutschland und Skandinavien sowie in Österreich bis nach Norditalien/Südtirol. Neu dabei ist zudem der slowenische Markt. Die diversen Lieferprogramme mit seinen chilenischen Geschäftspartnern umfassen Äpfel, Birnen und Weintrauben sowie Nektarinen.
«Chile hat sich enorm entwickelt und ist heute neben Südafrika der bedeutendste Fruchtexporteur der Welt», erzählt Rolf Mißler, der seit mehr als 40 Jahren in dieser Branche tätig ist. Noch bis Ende der 60er Jahre habe das Andenland kaum eine Rolle bei den Fruchtimporten gespielt. Eher waren Australien, Argentinien und Südafrika in diesem Business tonangebend.
Doch Chile holte Mitte der 70er Jahre «schnell und effizient» auf, so Rolf Mißler. Erst waren es Äpfel, Birnen und Trauben, mit denen das Land auf die Märkte drängte. Später kamen auch Kiwis, Blaubeeren (arándano) und Avocados in den Export hinzu. «Bezüglich Anbau, Qualität und Verpackung arbeiten die Chilenen wirklich sehr professionell.» Waren vor 20 Jahren die USA und Europa die einzigen wichtigen Abnehmer, sei Chile nun weltweit aktiv. «Der Exportmarkt wird sich weiter ändern: Das aufstrebende Indien verfügt mittlerweile über eine Mittelschicht von 400 Millionen Personen. Stellen Sie sich mal vor, wenn die alle jeden Woche auch nur einen Apfel essen würden.»

Von der Pike auf gelernt
Rolf Mißler kommt aus Hamburg, einer Stadt, in der südlich der Elbe im Alten Land bereits im 17. Jahrhundert großflächig Äpfel und Kirschen angebaut wurden. Doch auf die Frage, ob es denn nicht preisgünstiger sei, dort aus der nahe gelegenen Elbmarsch Obst zu beziehen, anstatt die Ware vom Ende der Welt anschippern zu lassen, winkt er nur ab: Ob die Äpfel aus Neuseeland, Chile oder dem Alten Land südlich von Hamburg kämen, sei heutzutage weder bei den Kosten noch bei der Verringerung des Kohlendioxidausstoßes durch Transport und Lagerung von Bedeutung. Vielmehr käme es darauf an, den Kunden zu jeder Jahreszeit frisches Obst anzubieten.
Der Hamburger hat das Geschäft von der Pike auf gelernt. Mitte der 60er Jahre herrschte in Deutschland während der starken Aufschwungphase Arbeitskräftemangel, so dass die Unternehmen bereits bei den Schulen anklopften und um zukünftige Lehrlinge warben. Rolf Mißler lernte Außenhandelskaufmann bei einem Fruchtimporteur, der vor allem Früchte aus Argentinien, Australien und Tasmanien bezog. «Ich habe sogar im Hafen Fracht entladen. Computer gab es damals noch nicht, wir mussten alles per Kopfrechnen machen.»
Nach seinem 18-monatigen Grundwehrdienst bei der Deutschen Marine in Kiel, Eckernförde und Flensburg kehrte der Hamburger wieder in das Geschäft zurück und blieb dieser Branche – einschließlich einiger Firmenwechsel – bis heute treu. «Dieser Bereich macht regelrecht süchtig. Ich habe in all den Jahren immer viel Spaß dabei gehabt.» So viel Spaß, dass er vor zwölf Jahren beschloss, seinen eigenen geschäftlichen Weg zu gehen und die Firma Fresh Connection Fruchtimport GmbH zu gründen.
«Im Nachhinein war das verrückt, ich war damals Anfang 50», erklärt der heute 65-Jährige. Doch das Vorhaben hatte Erfolg, auch dank der chilenischen Lieferanten, so Rolf Mißler, die ihm vertrauten und Ware lieferten. Mittlerweile sind aus diesen Geschäftskontakten gute Freundschaften geworden. Ein- bis zweimal im Jahr besuchen er und seine Ehefrau Jasmin, die im Großraum Hamburg die Zeitung «Nordwirtschaft» herausgibt, Chile und treffen hier ihre Bekannten.»Heute gibt es zwar E-Mails und natürlich das Telefon. Doch der persönliche Kontakt ist wichtig.»

Nicht typisch südamerikanisch
Wenn Rolf Mißler über Chile gefragt wird, dann ist er voll des Lobes, ja, er gerät fast ins Schwärmen. Das erste Mal als er mit dem Flugzeug in Santiago landete, habe ihn ein Land empfangen, das nach damaliger weitläufiger Auffassung «eben typisch südamerikanisch» gewesen sei. «Der Flughafen war nichts mehr als eine Baracke, sehr einfach gestaltet. Bei Autofahrten durch das Land sah ich viele brach liegende Felder.» Doch mit jedem neuen Besuch veränderte sich das Bild allmählich. Chiles Hauptstadt sei gewachsen und eine moderne Stadt geworden. «Wir sind sehr gerne hier und fühlen uns in Chile sicher und wohl.» Die Infrastruktur sei fantastisch, von den touristischen Zentren in der Atacama-Wüste bis hin ins grüne Südchile ganz zu schweigen.
Und wo wir schon beim Thema sind: Man soll zwar keine Äpfel mit Birnen vergleichen, doch einige Worte zum Nachbarland Argentinien hat der Hamburger doch übrig. «Es handelt sich um ein Land mit so viel Bodenschätzen und ländlichen Ressourcen, das zudem einmal als die Kornkammer Südamerikas bezeichnet wurde. Doch leider kann ich dort im Augenblick keine Geschäfte tätigen.» Die Infrastruktur ließe das einfach nicht zu.
Das sei in Chile anders. «Es gab nie Probleme. Meine Lieferanten waren immer pünktlich, zuverlässig und hatten zudem ein großes Qualitätsbewusstsein.»
Und so kann er sich gut vorstellen, zwar noch lange zu arbeiten und seinen Geschäften nachzugehen, irgendwann aber mit mehr Zeit die düsteren, verregneten Wintermonate in Norddeutschland lieber in Chile zu verbringen. Der Mann aus Alstertal spielt zwar Golf und ist Mitglied im Uhlenhorster Hockey Club. Doch bei schlechtem Wetter würden solche sportlichen Aktivitäten weniger Spaß bereiten.
Ob er sich allerdings vorstellen könnte für immer in Chile zu leben, bezweifelt er. «Sie kennen das doch sicherlich auch: Wenn Sie gefragt werden, woher Sie kommen, dann sagen Sie nicht Deutschland, sondern Hamburg. Ich bin stolz darauf, ein waschechter Hanseat zu sein und fühle mich in Hamburg wohl. Und es würde mich immer wieder dorthin zurückziehen.»

Arne Dettmann

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