Gratwanderer auf diplomatischer Bühne

Botschafter Luis Winter

«Chile hatte viele Jahre Afrika den Rücken gekehrt, und es war nun der Zeitpunkt gekommen, sich umzudrehen, um gemeinsam einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung entgegenzuarbeiten», erklärt Luis Winter im Cóndor-Gespräch. Foto: Walter Krumbach
«Chile hatte viele Jahre Afrika den Rücken gekehrt, und es war nun der Zeitpunkt gekommen, sich umzudrehen, um gemeinsam einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung entgegenzuarbeiten», erklärt Luis Winter im Cóndor-Gespräch. Foto: Walter Krumbach

 

Am 2. November 1990 trafen sich an der chilenisch-peruanischen Grenze offizielle Delegationen beider Länder. Im Rahmen der Überprüfung und Reparatur der Grenzsteine, die zwei Wochen vorher erfolgt war, sollte mit der gemeinsamen Inspektion der heiklen Mission offiziell ein Ende gesetzt werden. Leiter der chilenischen Abordnung war Botschafter Luis Winter, dessen Aufgabe darin bestand, die geleistete Arbeit zu beglaubigen und die Protokolle zu unterzeichnen.

 

Von Walter Krumbach

Winter nahm im chilenischen Geländewagen neben dem Fahrer Platz. Auf der hinteren Sitzreihe fuhren drei erfahrene Mitarbeiter der Dirección de Fronteras y Límites mit. Unversehens berührte der rechte Vorderreifen eine Mine. Es folgte eine furchtbare Explosion, die den Wagen erhob und Sekunden später in Schrottzustand auf den Boden warf.

Am schwersten traf es Winter, den die Detonation direkt getroffen hatte. Die Peruaner alarmierten sofort die Polizei und diese das Hospital Juan Noé von Arica. Mit äußerster Vorsicht – um nicht eine weitere Mine hochgehen zu lassen – wurde der Schwerverletzte in den Unfallwagen getragen, der alsbald vorgefahren war. Im Krankenhaus nahmen die Ärzte sofort eine Notoperation vor. Beide Beine mussten amputiert werden.

Der Fall war äußerst komplex und ernst. Eine baldige Reise nach Santiago war angeraten, um Winter in einem hochspezialisierten Gesundheitszentrum nachbehandeln zu können. In Eile bereiteten die involvierten Behörden seine Überführung vor. Bald wurde er ins Hospital Militar nach Santiago geflogen, wo ein zweiter chirurgischer Eingriff unternommen werden musste. Danach atmeten seine Familienmitglieder, die Ärzte und seine Kollegen auf. Winters Leben war gerettet, die Rehabilitierungsmaßnahmen konnten beginnen.

Luis Winter wurde in Viña del Mar geboren. Er wuchs in der mondänen Küstenstadt auf, wo er die Schule Padres Franceses besuchte. Bereits als Kind «interessierte ich mich für internationale Dinge», erinnert er sich; «ich hörte auf Kurzwelle ausländische Sender, um auf dem Laufenden zu sein, was auf der Welt geschah».

Bei den Padres Franceses machte er sich mit dem Dienst am Nächsten vertraut, was sich für seine spätere Berufung entscheidend auswirken sollte. Er hatte verschiedene französische Priester als Lehrer, die ihm mit ihrem persönlichen Beispiel die Bestimmung zum Einsatz für die Mitmenschen vorlebten. Außerdem interessierte er sich für Politik.

Ein Bruder seines Vaters war Oberbürgermeister von Valparaíso gewesen, «und bereits als Kind war ich meiner Oma und diesem Onkel sehr nahe, der mein Konfirmationspate war, den ich immer beobachten konnte, wie er sich um die politischen Geschicke der Stadt kümmerte. Dabei habe ich auch gelernt, dass das politische Leben einen direkten Zusammenhang mit der Anwaltschaft hat». So kam es, dass Luis sich für ein Jura-Studium an der Universidad Católica de Valparaíso entschied.

Schon als Student begann er, für eine Anwaltskanzlei zu arbeiten und relativ früh widmete er sich zusätzlich einem Aufgabengebiet, das ihn bis heute nicht loslassen sollte, nämlich als Dozent für Völkerrecht.

Im Jahre 1973, als der große politische Umsturz kam, war Luis Winter im Centro de Estudios del Pacífico mit Entwicklungsangelegenheiten der Länder der Pazifik-Zone beschäftigt. Bald erfolgte ein Ruf vom Außenministerium, was zur Folge hat, dass Luis Winter nunmehr seinen Arbeitsplatz nach Santiago verlegen musste. Er wurde als Teil eines Ausschusses eingesetzt, um Bewerber der Academia Diplomática zu prüfen. Danach lehrte er an der Diplomatenausbildungsstätte internationales Recht und internationale Beziehungen und erfüllte zusätzliche Aufgaben am Außenministerium.

Im Laufe der Zeit folgten verschiedene Bestimmungen mit wachsender Bedeutung. Winter galt als seriös und gewissenhaft. So kam es, dass eines guten Tages seine diplomatische Laufbahn mit der Beförderung zum Botschafter gekrönt wurde.

Auf die Frage, welche seiner Bestimmungsorte die interessantesten gewesen seien, antwortet er offenherzig, es sei «sehr schwierig, von angenehmen oder unangenehmen Bestimmungen zu reden. Alle haben ihren erfreulichen und wichtigen Teil, sowie auch das Wechselhafte, das diesen Aufgaben innewohnt. Ich könnte mich über keine einzige beklagen».

Was die Arbeit anbetrifft, «hatte ich Bestimmungen, die hochproduktiv und interessant waren, wie zum Beispiel in Genf, wo ich Chile vor internationalen Organisationen vertrat», berichtet er. «Dort entwickelt sich ein großer Teil der multilateralen Tätigkeit. Von dieser Plattform strahlt das Image der Länder in die Welt und von da aus wird abgeschätzt, welche Wichtigkeit ein Land auf den verschiedenen Gebieten besitzt».

Seinen Einstand als Botschafter hatte er an der Elfenbeinküste, übrigens als erster chilenischer Botschafter, welcher in dieses westafrikanische Land entsandt wurde. «Afrika ist eine schöne, attraktive Welt», erinnert er sich, «und die Elfenbeinküste war für mich eine Offenbarung. Damals war sie der Hauptkakaoproduzent der Welt und der dritte unter den Kaffeelieferern».

In zweieinhalb Jahren knüpfte er zunächst Kontakte im Diplomatischen Corps «und dann, was nicht einfach ist, innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen des Landes». Damit nicht genug, drehte er «mit den bescheidenen, mir zur Verfügung stehenden Mitteln» einen Dokumentarfilm über Afrika. Den zeigte er seinen Kollegen während eines Abendessens, womit sich sein Interesse am Kontinent wie ein Lauffeuer herumsprach.

Luis Winter verwandelte sich nun in einen gefragten Ansprechpartner, um den Außenhandel anzukurbeln. Winter war der Ansicht, «dass Chile viele Jahre Afrika den Rücken gekehrt hatte und dass nun der Zeitpunkt gekommen war, sich umzudrehen, um gemeinsam einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung entgegenzuarbeiten». Dieses wirkte sich in einem wachsenden Handel und Kooperationsprogrammen aus.

Zweieinhalb Jahre dauerte seine Mission an. Nach ihrer Beendigung reiste Luis Winter zurück nach Santiago, um das Amt des Verwaltungsgeneraldirektors im Außenministerium zu übernehmen. Eine höchst komplexe Aufgabe, erinnert sich Winter, bei der die überaus verwickelten Zusammenhänge zwischen den verwaltungstechnischen und den finanziellen Gegebenheiten gehandhabt werden müssen. Nach einem Jahr übernahm er die Politische Leitung des Amtes.

Anfang der 1990er Jahre wurde ihm angetragen, die noch offenen Fragen des im Jahre 1929 von Chile und Peru unterzeichneten Staatsvertrages zu bearbeiten. So kam es zu dem schicksalhaften Zwischenfall, der Botschafter Winter fast das Leben gekostet hätte. 

Ein Jahr lang musste er sich den Behandlungen und Rehabilitierungsmaßnahmen unterziehen. Es war ein anstrengender Zeitraum, der sich jedoch lohnte, wie der Diplomat im Nachhinein feststellen konnte. Nach Beendigung der Intensivbehandlung konnte er mit Prothesen nicht nur normal gehen, sondern auch Auto fahren und Tennisspielen. Übrigens beendete er die auf dramatische Weise unterbrochene Mission, indem er die Protokolle im Nachhinein unterzeichnete.

Heute ist der 77-Jährige weiterhin aktiv. Seine langjährige Erfahrung, verzwickte Angelegenheiten zu bearbeiten hat ihm einen weiteren Auftrag dieser Art beschert: Luis Winter arbeitet derzeitig am Fall Chile-Bolivien. Da kann man ihm nur Glück wünschen, obwohl im Rückblick auf das bisher Geleistete kein Zweifel besteht, dass diese Angelegenheit in den besten Händen ist.  

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