Goethe-Institut als Lebensstil

30. September 2011 von

Seit zwei Monaten ist Volker Redder als neuer Leiter des Goethe-Instituts Santiago im Amt. Als echtes «Goethe-Urgestein» bringt er langjährige Erfahrung in der Förderung deutscher Sprache und Kultur im Ausland mit nach Chile. Der Cóndor hat ihn an seinem neuen Arbeitsplatz besucht.

Volker Redder ist neuer Leiter des Goethe-Instituts

 

Wenige Stunden nach einer etwas heftigeren Erderschütterung in der Nacht zum 14. September sitzt Volker Redder entspannt hinter seinem Schreibtisch in den neu bezogenen Räumlichkeiten des Goethe-Instituts in der Avenida Holanda. Auf die Frage, ob das heute Nacht sein erstes Temblor gewesen sei – normalerweise eine obligatorische Frage an alle neu angekommenen Ausländer in Chile – überrascht er mit seiner Antwort.

«Nein, ich habe bereits eine sehr schreckliche Erfahrung beim Erdbeben 2003 in Algerien gemacht. Ich war zu der Zeit Kulturreferent an der Deutschen Botschaft und gleichzeitig Leiter des Goethe-Instituts. Ich hatte die Aufgabe, das Institut nach den Jahren des Bürgerkriegs wieder aufzubauen. Genau in jenem Jahr gab es ein großes Erdbeben. Wir saßen gerade im Rahmen der deutschen Filmwoche in einem Kino, als es los ging. Zum Glück ist uns nichts passiert, aber es war schrecklich. Und die zahlreichen Nachbeben waren wirklich nervenaufreibend.»

 

Alptraum Umzug

Schlechte Träume bescheren dem neuen Leiter des Goethe-Instituts mittlerweile jedoch andere Dinge. «Wenn ich nachts träume, dann von Umzugskartons», lacht Redder. Noch immer stehen ein paar zum Auspacken vor seinem Schreibtisch. Und auch Zuhause muss der eigene Umzug noch komplett über die Bühne gebracht werden. Mit Unterstützung der argentinischen Schwiegermutter stehen die Chancen dafür wohl ganz gut.

Ein kurzer Blick auf Volker Redders Vita zeigt: Auslandsaufenthalte und Umzüge gehören für ihn zur Routine. Bereits 1993 trat er seine erste Goethe-Stelle als Deutschlehrer am Institut in Göttingen an. Es folgten Brüssel, Algier, Paris und München. Der Start in Santiago fiel nun mitten in die Umzugsphase der hiesigen Niederlassung: Das Goethe-Institut hat während der Renovierungsarbeiten am Hauptsitz in Esmeralda vorrübergehend eine Zwischenunterkunft in der Straße Holanda bezogen. Doch das war nicht der einzige Grund, warum sich Redders Amtsantritt in Chiles Hauptstadt verzögert hat.

So hatte auch die Goethe-Zentrale in München ihrem scheidenden Leiter der Abteilung «Sonderaufgaben des Vorstands» ein besonderes Abschiedsgeschenk gemacht: Redder wurde als letzte Amtshandlung die Organisation des parlamentarischen Sommerfestes in Berlin anvertraut. Dazu kam gleichzeitig noch die Feier des 60-jährigen Jubiläums des Goethe-Instituts mit 1.200 hochkarätigen Gästen. Viel Arbeit also für Volker Redder – und das Ganze noch vor der Abreise nach Chile.

«Es kommen Persönlichkeiten des Kulturlebens wie Intendanten, Musiker und Komponisten und natürlich Parlamentarier. Vor allem der Ausschuss für Kultur und Medien ist für das Goethe Institut ganz wichtig. Wir arbeiten vor allem mit dem Auswärtigen Amt zusammen, das einen Großteil des Etats bereitstellt, aber auch der parlamentarische Rückhalt ist ganz wichtig. Das hat sich schon ein paar Mal gezeigt, als es Krisen gab und das Goethe-Institut in der Diskussion stand. Da kam dann große Unterstützung aus dem Parlament.»

 

Bewusste Entscheidung für Chile

Für die neue Stelle hat sich Volker Redder ganz bewusst entschieden: «Ich wollte nach Chile. Südamerika rückt in den letzten Jahren wieder stärker in den Fokus. Gerade Chile, das ja sozusagen auf dem aufsteigenden Ast ist. Und meine Frau, die aus Buenos Aires stammt, hatte großes Interesse nach Chile zu gehen. Unsere beiden Kinder wachsen zweisprachig auf. Natürlich spielen Familienentscheidungen auch immer eine Rolle.»

Es sei zudem auch die Politik des Institutes, neue Leute nach Lateinamerika zu schicken. «Leute, die eine frische Perspektive mitbringen und noch nicht so festgelegt sind. Durch die lange Zeit in Algerien lag mein Fokus natürlich auf der arabischen Welt sowie Europa. Das waren meine beiden speziellen Regionen, kann man sagen.» Durch seine Arbeit in Brüssel – Redder arbeitete am dortigen Goethe-Institut als Leiter der Sprachabteilung – und an der European Union National Institutes for Culture (Eunic) sei seine «Perspektive stark europäisch», ergänzt er.

Die Eunic ist ein Zusammenschluss der führenden Kulturinstitute Europas mit dem Ziel, Kulturschaffende untereinander zu vernetzen und gemeinsame Projekte auf internationaler Ebene auf die Beine zu stellen. Während der Präsidentschaft des Goethe-Institutes hatte Redder als Koordinator verschiedene Eunic-Projekte betreut. Kann man also nun damit rechnen, dass das Goethe-Institut in Santiago unter Volker Redder eine europäische geprägte Ausrichtung erhält?

«Es gibt bereits sehr viel gesamteuropäische Zusammenarbeit wie das Dramaturgie-Festival, das Europäische Filmfest oder das European Jazz Festival. Aber genau das gehört auch zu den Zielen, die das Goethe-Institut sich zusammen mit dem Auswärtigen Amt gesetzt hat. Wir repräsentieren einerseits Deutschland, andererseits sind wir als Land aber auch Mitglied der Europäischen Union. Und das ist Teil unserer Politik, unserer Perspektive und unserer Themen. Das möchte ich natürlich auch gerne hier in Santiago vorantreiben.»

 

Großes Interesse an deutscher Kultur

Die gegebenen Voraussetzungen dafür scheinen günstig. «Mein erster Eindruck ist, dass es hier ein Rieseninteresse an Kultur aus Deutschland gibt. Und was mir außerdem aufgefallen ist: Alle sind immer sehr gut informiert. Es existiert zum Beispiel ein großes Wissen über Musik und Theater-Szene.»

Volker Redder meint damit vor allem große Institutionen wie das Theaterfestival «Santiago a mil», in dessen Rahmen Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne Anfang Oktober seine Inszenierung des «Hamlet» im Teatro Municipal de Las Condes zum Besten gibt.

«Eine unserer Aufgaben ist es sicherlich, zu vernetzten, also Kontakte herzustellen zwischen deutschen und chilenischen Personen und Institutionen. Und dann auch gemeinsame Produktionen zu inszenieren, die sowohl hier als auch in Deutschland gezeigt werden. Wie zum Beispiel das «Ensemble Nuevo». Es besteht aus chilenischen und anderen lateinamerikanischen Musikern und hat unter anderem auch Stücke zweier deutscher Komponisten gespielt. Nach der Südamerika-Tournee 2010 geht das Ensemble im kommenden Jahr wahrscheinlich auch in Deutschland auf Tour. Ein anderes Projekt besprechen wir derzeit mit der Leiterin von «Santiago a mil», die versucht dort verstärkt chilenische Produktionen vorzustellen. Unser Part wäre es, deutsche und europäische Festivalleiter nach Santiago zu holen. Diese hätten die Möglichkeit, sich innerhalb einer Woche intensiv diese Produktionen anzuschauen und zu gucken: ’Können wir die vielleicht einladen? Passen die in unser Programm?’»

 

Unternehmen als Finanzierungspartner

Auch was die Akquirierung finanzieller Mittel für die Umsetzung derartiger Projekte angeht, hat Volker Redder bereits eine Idee: «Wir werden gucken, welche Möglichkeiten es gibt, mit der Wirtschaft vor Ort zusammenzuarbeiten. Welche gemeinsamen Themen und Projekte kann man machen? Ein Ziel ist es sicherlich, einen Freundeskreis der deutschen Wirtschaft zu gründen, wie es ihn bereits in anderen Städten gibt und der eng mit dem Goethe-Institut zusammenarbeitet. In Deutschland in der Zentrale gibt es Beiräte, die sich zwei- bis dreimal pro Jahr treffen und das Goethe-Institut in Fachfragen beraten.»

In der Zentrale des Goethe-Instituts war es auch, wo Volker Redder seinen Vorgänger Reinhard Maiworm kennenlernte. «Wir haben uns dort getroffen und ausgetauscht. Und mit Frau Maiworm war ich zusammen auf unserer regionalen Arbeitsbesprechung, bei der der Haushalt für die gesamte Region Südamerika verteilt wird und Projekte zwischen den einzelnen Ländern organisiert werden. Eine der großen Reformen des Goethe-Instituts ist, dass die einzelnen Regionen ihren Haushalt und die Schwerpunkte ihrer Arbeit selbst planen. Es gibt dazu jedes Jahr ein großes dreitägiges Treffen. Denn ein weiteres Ziel ist außerdem die Vernetzung der Kulturschaffenden in ganz Südamerika.»

Volker Redder bereitet genau dies die größte Freude bei seiner Arbeit am Goethe-Institut: «Also am meisten Spaß macht mir, viele sehr interessante Leute in dem jeweiligen Land kennenzulernen, die manchmal auch völlig neue Perspektiven auf ein Thema eröffnen und dann mit diesen Leuten zusammen Ideen zu entwickeln. Das ist das, was mich am meisten reizt. Es bleit immer spannend. Es ist schon in gewisser Weise ein Lebensstil, alle fünf Jahre das Land zu wechseln und sich auch immer wieder auf neue Kulturen einzulassen. Wenn man daran keinen Spaß hat, ist man verloren. Hier in Santiago gibt es ein tolles Team, das hochmotiviert ist. Fantastisch!»

Von Johannes Hausen

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