Geschäftsfrau mit Schneid

Seit 1992 hat Irmgard Vogler die chilenische Vertretung von WMF, des traditionsreichen deutschen Herstellers von Haushalts-, Gastronomie- und Hotelleriewaren, inne. In mehr als 20 Jahren hat sie es geschafft, dass die Küchenware mit dem Gütesiegel «Made in Germany» auch in Chile treue Anhänger Markt gefunden hat.

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Irmgard Vogler ist Deutsch-Chilenin in zweiter Generation. Ihre Großeltern stammten aus Lübeck und Dresden. Da ihr Vorname in Chile ein Zungenbrecher ist, ist sie von klein auf bei ihrem Spitznamen geblieben. Sag «Pelusa», bietet sie immer an, wenn sie merkt, dass ihr aus dem Althochdeutsch stammende Name Schwierigkeiten bereitet. Die Bedeutungen groß und mächtig und Schutz stecken in ihrem altehrwürdigen deutschen Namen. Der chilenische Spitzname hingegen weist auf einen sympathischen und unterhaltsamen Charakter hin – und auf viel Lust an Bewegung und Reisen.

Ihre Lust am Reisen sieht Irmgard Vogler jedoch anders begründet: Als sie in den Kindergarten kam, war die Deutsche Schule noch in Providencia untergebracht, doch es begannen bereits die Bauarbeiten in der Straße Las Hualtatas in Vitacura. «Wir sind jeden Tag mit dem Bus von Antonio Varas nach Las Hualtatas gefahren. Das war damals, als ob es außerhalb Santiagos lag, und uns Kindern kam es vor wie eine Weltreise», erzählt sie.

 

Chilenische Botschaft

Im Jahr 1974 kam sie zum ersten Mal mit einem Schüleraustausch nach Deutschland. Nach der Schule beschloss sie, dort ihr Glück zu suchen. Sie ging 1979 auf Arbeitssuche nach Deutschland. Zuerst fand sie eine Anstellung bei Hertie in München, und später ging sie nach Bonn, wo sie zunächst bei Kaufhof arbeitete. Immer wenn Kunden Spanisch sprachen und Hilfe brauchten, wurde Irmgard Vogler gerufen. Eines Tages kam ein Mitarbeiter der chilenischen Botschaft in den Kaufhof. Als das Verkaufsgespräch beendet war, fragte er sie: Warum bewerben Sie sich nicht an der Botschaft? So wurde sie Angestellte in der chilenischen Botschaft in Bonn, bis sie 1988 beschloss, wieder nach Chile zurückzukehren.

Von einem Bekannten übernahm sie 1992 die Vertretung von WMF. Während die 1853 gegründete Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) in Deutschland sozusagen zum Kulturgut gehört, brauchte es in Chile mehrere Jahre, um auch hier die Produkte bekannt zu machen. Inzwischen steht WMF auch in Chile für Tradition, Qualität und geschmackvolles zeitloses Design. Auch in Chile lässt man sich jetzt gerne ein Besteck zur Hochzeit schenken, das in den 30er, 50er oder 60er Jahren entworfen wurde und seitdem ununterbrochen im selben Design verkauft wird.

Doch nicht nur Besteck verkauft Irmgard Vogler im WMF-Geschäft im Mall Parque Arauco. Sie hat mit der Zeit die Vertretung für 14 weitere Firmen in Chile übernommen. Dazu gehören unter anderen die Marken Silit, Alfi, Kaiser Backformen, Küchenprofi, Hermle Standuhren und Hönes Kuckucksuhren. Nicht zu vergessen die Firmen Römertopf und Gerhard Pfeifer Rumtöpfe. Letztere finden vor allem unter den deutschstämmigen Familien im Süden Chile ihre Abnehmer.

 

Qualität ist gefragt

Auch in den südlichen Regionen ist Irmgard Vogler seit Langem vertreten. In Concepción, Temuco, Valdivia, Osorno und Puerto Varas gibt es Geschäfte, die sie mit ihren Waren beliefert. Seit einem Jahr gibt es auch ein WMF-Geschäft in Viña del Mar in der Mall Marina Arauco. «Mein Ziel ist es in Antofagasta ein Geschäft aufzumachen», erzählt sie. Obwohl es dort keine deutschstämmige Gemeinschaft gibt? «Die Leute wählen Qualität. Es gibt chilenische Kunden, die den unverwüstlichen Edelstahl Cromargan von WMF kennen und aufgrund der Qualität schätzen», weiß Irmgard Vogler.

Von WMF erwarten die Kunden deutsche Wertarbeit. Die Bestecke und Messer und die Schnellkochtöpfe werden nach wie vor in Deutschland hergestellt. Alles andere lässt die deutsche Traditionsfirma inzwischen auch in China produzieren, allerdings mit Zertifizierung der Europäischen Union.

Für Irmgard Vogler gehört es zur Geschäftsphilosophie, auf diese Qualitätsstandards zu achten. Dies gilt auch für die anderen Produkte, die sie im Laufe der Zeit ins Sortiment aufgenommen hat. Einmal im Jahr fliegt sie nach Deutschland, um die Messe Ambiente in Frankfurt zu besuchen. In diesem Jahr wird es voraussichtlich zur Messe Haushalt in Düsseldorf gehen. Dort guckt sich Irmgard Vogler die Neuheiten auf dem Markt ganz genau an. Vielmehr fasst sie sie auch an, um sich von der Qualität der Materialien zu überzeugen. Genauso machen es danach ihre Kunden im Geschäft. «Per Internet zu verkaufen funktioniert nicht gut in Chile. Die Leute müssen die Bestecke anfassen können.»

Die Kunden können bei ihr auch mal einen einzelnen Teelöffel nachkaufen. «Das verstehen sie in der Zentrale in Deutschland nicht. Sie fragen mich, warum ich einzelne Löffel verkaufe. Das macht in Deutschland niemand. Ich erkläre ihnen dann, dass in Chile Teelöffel aus Versehen in den Müll geworfen werden. So was scheint in Deutschland nicht vorzukommen.»

 

Versand per Schiff

Irmgard Vogler ist inzwischen Expertin in der Bestellung der Waren und der Verschiffung nach Chile geworden. Denn auch das will gelernt sein: die effiziente Ausnutzung der Container und die problemlose Abwicklung bei der Einfuhr in Valparaíso. Die resolute Geschäftsfrau ist am liebsten selbst bei der Zollkontrolle präsent, um zu überprüfen, dass nichts verschwindet. Vor einiger Zeit passierte ihr jedoch genau das Gegenteil: Es war zu viel Ware im Container, WMF hatte Schüsseln geschickt, die sie gar nicht bestellt hatte.

«Ich habe sofort vom Hafen aus in der Zentrale angerufen. Sie wollten mir nicht glauben. Ich habe ihnen gesagt, ich habe doch die Schüssel in der Hand.» Es hatte tatsächlich einen Fehler im EDV-Programm in der riesigen Lagerhalle von WMF in Geislingen/Steige bei Stuttgart gegeben. «Sie müssen sich eine achtstöckige Halle vorstellen, in der Roboter die Ware aus dem Regal holen», erklärt Irmgard Vogler. Der Roboter hatte mehr eingepackt als er sollte. «Das wäre Schmuggel gewesen, wenn ich das nicht gleich persönlich beim Zoll hätte klären können.» Es dauerte lange, bis der Fehler gefunden und der Roboter unter Kontrolle war. WMF konnte zwei Monate lang nicht liefern.

Irmgard Vogler hat ihr Büro im Mall Parque Arauco, von wo aus sie alle Fäden in der Hand hält und neue Geschäftsideen ausbrütet wie zum Beispiel die Einführung von Pfeilring-Solingen mit Manikürartikeln. Sie denkt noch lange nicht daran, sich wie ihre Eltern in Puerto Octay zur Ruhe zu setzen, wo auch ihre Schwester Rosmarie lebt, die ein Kinderheim leitet und für ihre Arbeit mit dem deutschen Verdienstkreuz ausgezeichnet worden ist. Sie hingegen lebt gerne in Santiago. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet sie zusammen mit ihrem Mann. «Er hat vorher im Buchhandel gearbeitet. Für mich hat er die Bücher gegen Töpfe getauscht.»

 

Petra Wilken

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