Genforscher der ersten Stunde

Dr. Wolfgang Schuch war eigentlich dabei, in Kanada aus Löwenzahn Kautschuk für Autoreifen zu entwickeln, als ihn 2011 das Schicksal nach Chile verschlug. Das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME schickte den Wissenschaftler nach Santiago, um die Fraunhofer Chile Research Foundation (FCR) aufzubauen. Er begann zusammen mit drei weiteren Personen, heute ist er Chef von 140 Mitarbeitern.

Kunst der «First Nations» hat sich Dr. Wolfgang Schuch aus seiner Wahlheimat Kanada mit nach Chile gebracht. Mehrere Zeichnungen der Ureinwohner schmücken sein Büro in Santiago.
Kunst der «First Nations» hat sich Dr. Wolfgang Schuch aus seiner Wahlheimat Kanada mit nach Chile gebracht. Mehrere Zeichnungen der Ureinwohner schmücken sein Büro in Santiago.

Demnächst wird Fraunhofer in Chile noch mehr Mitarbeiter zählen, denn Ende Oktober 2014 unterzeichneten Corfo und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE Freiburg ein Abkommen zur Gründung eines Exzellenzzentrums für Solarenergie in Chile. Center for Solar Energy Tecnologies (FCR CSET) lautet die genaue Bezeichnung des neuen Zentrums. Chile gehört damit zu den absoluten Vorreitern im Auslandsengagement der deutschen Forschungseinrichtung mit Hauptsitz in München.
Die Fraunhofer-Gesellschaft wurde 1949 in Bayern gegründet. Namensgeber war der Forscher, Erfinder und Unternehmer Joseph von Fraunhofer (1787 bis 1826). Er steht für die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und praktischer industrieller Anwendung in neuen, innovativen Produkten. Heute ist die Fraunhofer-Gesellschaft die größte europäische Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklung. Sie betreibt mehr als 80 Forschungseinrichtungen, davon 67 Institute, an mehr als 40 Standorten in Deutschland und beschäftigt rund 23.000 Mitarbeiter, überwiegend mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung. Das jährliche Forschungsvolumen beträgt zwei Milliarden Euro, wovon der Hauptteil direkte Aufträge aus der Industrie sind und der Rest öffentliche Aufträge.

 

Chile hat ähnliche institutionelle Strukturen wie Deutschland
Neben einer Niederlassung in den USA gab es bislang im Ausland lediglich Projektzentren, aber keine eigenständigen Fraunhofer-Institutionen. Wie kam es, dass gerade in Chile weltweit das erste und bisher einzige gegründet wurde? «Das liegt daran, dass es in Chile ähnliche institutionelle Strukturen gibt wie in Deutschland. In Chile haben wir, wie in Deutschland, ein Abkommen mit der Regierung», erklärt Wolfgang Schuch. Corfo hatte 2010 ein Exzellenzzentrum für Biotechnologie ausgeschrieben und Fraunhofer bekam den Zuschlag, wobei eine zehnjährige Finanzierung der deutsch-chilenischen Forschungskooperation sichergestellt ist.
Der Aufbau des Zentrums in Chile ist für Dr. Wolfgang Schuch der erste deutsche Arbeitsauftrag in seinem Leben. Seine gesamte berufliche Laufbahn hat er im englischsprachigen Raum absolviert, weshalb es ihm schwer fällt, nicht vom Deutschen ins Englische zu fallen, insbesondere wenn er von seinen Forschungsgebieten erzählt. Wer seiner Bitte nachkommt, englisch sprechen zu können, erhält ein dankbares Lächeln, auch wenn er sich dann Mühe gibt, so lange wie möglich beim Deutschen zu bleiben.
Geboren worden sei er vor langer Zeit im Nachkriegsdeutschland, sagt er. Sein Abitur machte er in Bielefeld und ging dann an die Universität in Saarbrücken, wo er Mathematik studierte. Doch nach einem Jahr wechselte er nach Tübingen, wo er sich für Genetik einschrieb. «Mathematik war zu schwer für mich», stapelt er ein wenig tief. Das Studium der Genetik faszinierte ihn bald. An der Uni in Tübingen unterrichteten viele Max-Planck-Wissenschaftler, die sich zu jener Zeit in der Virus-Forschung einen Namen machten. Sie legten das Fundament für die Verbindung von Forschung und Innovation, erklärt Schuch.

 

28 Patente eingeschrieben
Auch er entschied sich für diese Schnittstelle. Wie Joseph Fraunhofer wurde auch Wolfgang Schuch Forscher, Erfinder und Unternehmer. In seiner Laufbahn hat er 28 Patente einschreiben lassen, 50 Beiträge in wissenschaftlichen Publikationen und 95 Fachartikel veröffentlicht.
Von Tübingen führte ihn sein Weg an die Universität von Edinburgh in Schottland, wo er im Bereich Molekularbiologie seine Doktor-Arbeit absolvierte und anschließend in Glasgow seine Post-Doc-Forschung betrieb. «Wir haben daran geforscht, wie ‚crown galls‘, also Krebs an Bäumen, von den Bakterien in die Pflanzen gelangen. Zwei Professoren aus Köln und Gent haben entdeckt, wie TI-Plasmide in die Pflanzen transferiert werden können. Damit war die Grundlage für die Pflanzenbiotechnologie gelegt», erklärt Schuch. «Nun haben wir angefangen zu verstehen, wie das menschliche Immunsystem aussieht, wie Gene aussehen», fügt er hinzu.
Seine erste Anstellung bekam er in der «Imperial Chemical Industry, ICI» in Runcorn. «Ich wusste nicht, wo Runcorn lag», erinnert er sich. Zum Glück war die Überraschung angenehm: Runcorn entpuppte sich als Industriestandort in der Nähe von Liverpool, wo Technologien der Zukunft entwickelt wurden. Bei ICI wurden nicht nur Materialwissenschaften betrieben, sondern auch pharmazeutische Produkte und transgenetische Lebensmittel entwickelt.
Dort im englischen Runcorn war Schuch maßgeblich daran beteiligt, das erste transgenetische Tomatenmark in Großbritannien auf den Markt zu bringen. «Daran waren die Grundlagenforschung, die Saatfirmen, die Behörden und zwei große Supermarktketten beteiligt», erklärt Schuch. Danach habe er im Thema «nutrient dense food» gearbeitet. «Wir nehmen nicht genügend Mikronährstoffe auf», meint der Wissenschaftler. Obst und Gemüse werden deshalb durch Züchtung oder genetische Veränderung verbessert. Früchte würden gezüchtet, um besser auszusehen, aber auch um mehr Nährmittel zu enthalten.
In einer nächsten Entwicklungsstufe habe sich die Wissenschaft darum bemüht, die Genome in Pflanzen zu verstehen und zu beschreiben. So arbeitete Schuch gegen Ende der 90er Jahre bei der Firma Zeneca in der Weizenforschung. Bei dieser genetischen Grundlagenforschung ging es unter anderem darum, Weizen klimaresistenter zu machen.

 

Embryonen von Koniferen
Von England ging Schuch nach West-Vancouver zu der Firma Cellfor. Die Arbeitsbedingungen fand er spannend: Sein Büro lag in einem ehemaligen Marine-Hochhaus aus den 30er Jahren, aber sein eigentlicher Arbeitsplatz waren vielen kleine Inseln, zu denen er fast täglich mit einem Flugzeug geflogen wurde. «Die Landschaft, die Wale», schwärmt Schuch. Diese Seite war fantastisch, der Arbeitsauftrag erwies sich jedoch als sehr kompliziert. «Wir sollten somatische Embryonen von Koniferen herstellen», erläutert Schuch. Also Bäume klonieren. Sie sollten mehr Holz produzieren und resistenter gegen Schädlinge werden. «Im Labor konnte man das machen, aber in der Praxis war es sehr schwer.»
So gründete Wolfgang Schuch seine eigene Firma in Vancouver und arbeitete gleichzeitig als Gastprofessor für die Universität von Umea, Schweden. «Meine Eltern lebten noch in Deutschland, und ich bin alle sechs Wochen nach Schweden geflogen. So konnte ich auch sie oft besuchen», erzählt Schuch. In seiner Firma in Kanada arbeitete er unterdessen mit einem Spezialisten aus Kasachstan daran, Latex aus der Wurzel des Löwenzahns herzustellen. Bis er feststellte, dass Dr. Rainer Fischer, Leiter des Fraunhofer Instituts IME in Deutschland, ihm voraus lag. Das IME hatte geeignetere Löwenzahnpflanzen gezüchtet und bessere Maschinen entwickelt.
Inzwischen ist dieses Projekt so weit fortgeschritten, dass die Firma Continental kurz vor der serienweisen Herstellung von Reifen aus in Deutschland angebautem Löwenzahn steht, womit die Produktion aus Kautschuk aus exotischen Gummibäumen ersetzt werden soll.
Schuch begann mit dem IME zu kooperieren, bis ihm Rainer Fischer eröffnete, ihn nach Chile schicken zu wollen. Es kam ganz passend: Der einzige Sohn des Ehepaares Schuch war längst selbstständig und lebte in Kanada. «Meine Frau und ich waren immer neugierig auf neue Herausforderungen», erzählt er. Die Arbeitsweise von Fraunhofer sagte ihm zu, da er auch hier wieder seine Erfahrungen aus der Kette von Forschung bis hin zur Einführung einer Produktinnovation einbringen kann.
Die Forschungsgebiete sind vielfältig: Aquakultur, Landwirtschaft, Biomedizin, Nanotechnologie für die Industrie und die Medizin, Therapeutische Peptide, angewandte Genomik für die Landwirtschaft, zählt Schuch auf. Nun kommt das Solarinstitut dazu, das im Norden eng mit den Bergbauunternehmen zusammenarbeiten wird. Stichwort: Angepasste Technologie, denn die hohe Sonneneinstrahlung in der Atacama-Wüste erfordert spezielle Materialien und besonderes Know-how. Genau die richtigen Herausforderungen für «Fraunhofers».

Petra Wilken

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