Gemeinsame Traditionen pflegen, kulturelle Verbindungen erleben

Im Jahr 2003 betrat er zum ersten Mal chilenischen Boden. Damals arbeitete er an der Deutschen Botschaft in Washington und nahm an einer Tagung der Organisation Amerikanischer Staaten als Beobachter teil. Das Treffen fand in Santiago statt und währte nur ein paar Tage. Daniel Kriener hatte Glück: Regenfälle hatten die Großstadtluft gereinigt, so dass die Anden sich frisch beschneit in ihrer vollen Schönheit zeigten.

Daniel Kriener: «Die kulturellen Traditionen haben sich in Europa anders entwickelt als in Südamerika.» Foto: Walter Krumbach
Daniel Kriener: «Die kulturellen Traditionen haben sich in Europa anders entwickelt als in Südamerika.» Foto: Walter Krumbach

Ende Juli 2011 übernahm er die Stelle des Ständigen Vertreters an der Botschaft in Santiago. Er hatte sich erfolgreich auf diesen durchaus wichtigen Posten im Verlauf einer diplomatischen Karriere beworben: «Es hat mich gereizt, in ein Land zu gehen, ein aus deutscher Sicht interessantes südamerikanisches Land, in dem es zu der Zeit eine Aufbruchstimmung gab. Politische Veränderungen deuteten sich an. Ebenso deutete sich eine große Dynamik in den bilateralen Beziehungen an, was sich auch bestätigt hat».

Dem Vertreter des Botschafters kamen somit zahlreiche anregende Aufgaben zu: «Man repräsentiert das Land nach außen und gilt als Gesicht des offiziellen Deutschland».

Als politischer Referent «habe ich versucht, zu allen Strömungen Kontakt zu halten, um das Land politisch zu verstehen, und zu Institutionen, die mit Deutschland zu tun haben, Verbindungen zu intensivieren». So tat er es zum Beispiel mit dem chilenischen Nationalkongress, wo es eine deutsch-chilenische Freundschaftsgruppe gibt, die zu Parlamentariern in Deutschland Kontakt pflegt. Ebenso knüpfte er Verbindungen mit Vertretern von Think Tanks sowohl auf der Seite der konservativen Alianza als auch der Zentrum-Linksparteien der Nueva Mayoría. Think Tanks, im Deutschen als Denkfabriken bekannt, sind Institute, die durch die Entwicklung in diesem Falle von politischen Konzepten versuchen, auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen.

Die Beziehungen zwischen Chile und Deutschland sind bekanntlich denkbar gut, «aber wir haben auf beiden Seiten das Gefühl, dass wir aus unseren schon guten Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen noch mehr machen können», meint Kriener.

Bei diesen Verbindungen hat der Diplomat wiederholt die Deutschenfreundlichkeit der Chilenen bestätigen können: «In zwei von fünf Fällen haben die Leute erzählt, dass sie entweder deutsche Vorfahren oder gute Freunde in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft haben». Das war bei jeder dieser Gelegenheiten ein wichtiger Anknüpfpunkt: «Es werden auf chilenischer Seite in uns Deutschen teilweise Attribute gesehen, wie Ordentlichkeit oder Pünktlichkeit, Sekundärtugenden, bei denen ich manchmal den Eindruck habe, dass sie nicht mehr unbedingt mit der Realität in Deutschland übereinstimmen».

 

«Ihr strahlt in der Krise»

Darüber hinaus bekundeten seine Gesprächspartner auch Interesse an wirtschaftlichen und kulturellen Fragen. So hatte Kriener Gelegenheit, die große Euro-Krise der vergangenen Jahre zu erörtern, «in der Deutschland, relativ gesehen, gut gefahren ist. Es gab ein großes Interesse, zu fragen, wie Deutschland das geschafft hat. In vielen europäischen Ländern ist Krisenstimmung, gibt es wirtschaftliche, aber auch geistige Depression, und ihr strahlt derweil». Diese Neugier auf Deutschland zu befriedigen «war eine sehr, sehr schöne Sache, zu erzählen, wie ein Land in dieser ganz spezifischen Situation auf so eine Herausforderung reagieren kann».

Ein Höhepunkt während Daniel Krieners Amtszeit in Chile war der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2013. Bei hochrangigen Begegnungen dieser Art tragen die Organisatoren eine nicht geringe Verantwortung. Merkels Besuch gilt bis heute als rundum gelungen. Auf chilenischer und auf deutscher Seite waren Beteiligte und Beobachter in hohem Maße zufrieden. Es wurde eine Rohstoffvereinbarung unterzeichnet, die beiden Ländern von Nutzen sein wird. Eine große Wirtschaftsdelegation, die die Bundeskanzlerin begleitete, hatte Gelegenheit, mit chilenischen Wirtschaftsvertretern ins Gespräch zu kommen. Der damalige Staatspräsident Sebastián Piñera und sämtliche Ansprechpartner der Besucher zeigten sich mit dem Ablauf der Begegnung hochzufrieden. «Es war sehr viel Arbeit, wir haben uns intensiv vorbereitet. Es war der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs nach 22 Jahren», erinnert sich Daniel Kriener, und meint damit die Reise Helmut Kohls in den 1990er Jahren; «ich will nicht hoffen, dass es wieder so lange dauert, bis ein deutscher Regierungschef herkommt, aber so ein Treffen ist eine große Sache, und wenn sie gut gelingt, dann kann man als Botschaft, als Team, in dem alle, vom Kraftfahrer bis zum Botschafter, von der Sekretärin bis zur Konsulin, engagiert mit angepackt haben, schon stolz darauf sein».

Mittlerweile hat Kriener seine Dienstzeit in Santiago beendet. Auf die letzten drei Jahre zurückblickend reflektiert er: «Für mich hat sich eine der großen Weltregionen erschlossen, auch wenn ich sehr vorsichtig damit sein muss, meine Erfahrung in Chile auf andere lateinamerikanische Länder zu übertragen. Ich werde jetzt von Berlin aus Südamerika verbunden bleiben. Von daher ist es sicherlich auch eine berufliche Prägung, die da mitgegangen ist, dass ich sagen kann, meine Erfahrung mit Chile und der Region wird sich jetzt fortsetzen».

 

«Große Bereicherung»

Daniel Kriener wird im Auswärtigen Amt Referatsleiter für fünf Staaten Lateinamerikas: Bolivien, Peru, Ekuador, Kolumbien und Venezuela. «Von daher hat sich für mich beruflich ein neuer Schwerpunkt festgemacht», meint er, «ich finde es faszinierend, große, gemeinsame Traditionen und kulturelle Verbindungen zwischen Lateinamerika und Europa zu erleben». Er überlegt einen Moment und fährt dann fort: «Aber es ist eben doch auch sehr verschieden. Die kulturellen Traditionen haben sich in Europa anders entwickelt als in Südamerika. Diese Unterschiede sind für mich eine große Bereicherung gewesen».

Daniel Kriener ist verheiratet und hat einen Sohn. In seiner Freizeit frönt er mit seiner Frau dem Gesang. In Santiago waren sie Mitglieder des Ensembles Musica Mundana, welches von Eduardo Jahnke geleitet wird und hauptsächlich alte geistliche Musik im Programm führt: «Wir haben in den letzten Wochen ein Programm mit Musik aus der Neuen Welt gesungen, aus der Region, die heute etwa Mexiko entspricht». Die Krieners hatten in Chile aber auch Gelegenheit, Werke von Johann Sebastian Bach zu singen. «Es gibt hier eine Tradition Bach zu musizieren», fiel Daniel Kriener auf, «die viele Jahrzehnte zurückgeht und ähnliche Wurzeln hat die die Bach-Rezeption im 19. Jahrhundert in Deutschland. Bach wird heute in Deutschland allerdings auf breiter Ebene gesungen, während er hier von eher kleineren Zirkeln von Leuten aufgeführt wird. Man geht mit mehr Gravität heran, als es die Deutschen tun – einen Bach-Choral muss und kann eigentlich jeder Chor in Deutschland singen. Es ist schon sehr interessant, zu beobachten, wie man hier Bach-Musik wahrnimmt».

In Chile hat Daniel Kriener außerdem «das Ski-Fahren neu entdeckt. Überhaupt sich von diesen imposanten Bergen der Anden beeindrucken zu lassen, das ist etwas ganz besonderes gewesen. Überall, wo ich auch hingekommen bin, boten sich unvergessliche Anblicke, etwa in der Gegend von Temuco, wo vier große Vulkankegel aufragen, das ist schon atemberaubend. Ich weiß jetzt schon, dass mir das fehlen wird…»

 

Walter Krumbach

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