Gefährliches Bakterium auf Chiloé entdeckt

Dr. Thomas Weitzel, Facharzt für Infektiologie und Tropenmedizin

Dr. Thomas Weitzel Medizin
Dr. Thomas Weitzel arbeitet in der Deutschen Klinik Santiago. Sein Fachgebiet ist die Tropenmedizin und Infektiologie.

In der Infektiologie war es eine Sensation: Auf Chiloé wurde jetzt der Krankheitserreger von «Tsutsugamushi-Fieber» als endemisch nachgewiesen, das bisher nur in Asien bekannt war. Der Tropenmediziner Dr. Thomas Weitzel, angestellt an der Clínica Alemana, war Erstautor der internationalen Studie.

Von Petra Wilken

Im Januar 2015 kam eine 38-jährige Chilotin mit hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen, Hautausschlag und Erschöpfungszuständen ins Krankenhaus. Unter dem Bauchnabel hatte sie einen Einstich, der sich schwarz verfärbt hatte. Laboruntersuchungen ergaben: Die Frau hatte «Tsutsugamushi-Fieber», in internationalen Fachkreisen als «Scrub typhus» und in Chile als «Tifus de los matorrales» bekannt. Nach der Verabreichung eines speziellen Antibiotikums war sie nach 24 Stunden fieberfrei und erholte sich schnell ohne bleibende Schäden.

Die Erkrankte war eine von mehreren Patienten auf der Insel Chiloé, deren Infektion mit dem hier bislang unbekannten Bakterium 2015 und 2016 nachgewiesen und in der Studie «Endemic Scrub Typhus in South America» beschrieben wurde. Bei der Studie handelte es sich um eine internationale Kooperation der Unversidad Católica und Universidad del Desarrollo in Chile mit der Universität Oxford und Zentren in Thailand und Laos. Insgesamt waren über zehn Wissenschaftler beteiligt. Die Studie wurde von Conicyt, der chilenischen Kommission für wissenschaftliche Forschung und Technologie, finanziert.

Der schwarze Einstich auf der Haut der Erkrankten auf Chiloé hatte den Wissenschaftlern geholfen, dem Krankheitsverursacher auf die Spur zu kommen. Er stammt von einer kleinen roten Milbe, die mit bloßem Auge gerade noch erkennbar ist. Als Vektor oder Krankheitsüberträger transportiert sie das Bakterium Orientia tsutsugamushi, ohne selbst zu erkranken. Im Fall der ersten Patientin wurde auch klar, wie es dazu gekommen war, dass die Milbe sie in den Bauch stechen konnte: Sie hatte Brennholz aus dem Wald geholt.

Der englische Name der bakteriellen Infektionskrankheit weist darauf hin, wo der Krankheitsüberträger vorkommt: Scrub bedeutet Gestrüpp oder Gebüsch. «Das höchste Risiko besteht in Sekundär-Vegetation, in fragmentierten Landschaften», erklärt Dr. Thomas Weitzel. Während des Pazifikkriegs zwischen 1937 und 1945 in Ostasien und dem pazifischen Raum infizierten sich 18.000 Soldaten der alliierten Truppen. Ohne Behandlung kann die Krankheit tödlich verlaufen. Im Vietnamkrieg war die Schutzkleidung der Soldaten dementsprechend angepasst.

Der deutsche Facharzt für Tropenmedizin Thomas Weitzel spricht von einer schweren, aber gut behandelbaren Krankheit. Mit der Verabreichung spezieller Antibiotika sei die Krankheit schnell heilbar. «Die Behandlung ist einfach und hat durchschlagenden Erfolg.» Personen, die auf Chiloé mit Unterholz in Kontakt kommen, sollten sich durch geschlossene Kleidung schützen. Bislang seien die Krankheitsfälle ausschließlich im Sommer und nur in der Gegend um Ancud registriert worden.

Panikmache lehnt Thomas Weitzel ab. Er glaubt nicht, dass Touristen gefährdet sind und würde niemanden von Reiseplänen auf die Insel abraten. Die bislang bekannten Fälle beschränkten sich auf Personen aus dem ländlichen Bereich. Als Prophylaxe hält er geschlossene Kleidung und Insektenschutzmittel für angebracht, wenn man in den Wald geht oder in Landschaften mit Unterholz.

Das Ausschlaggebende im Fall des neu entdeckten Bakteriums auf Chiloé ist, dass die Krankheit diagnostiziert und behandelt wird. Deshalb war die Schulung des Personals der beiden Krankenhäuser auf der Insel sowie in Puerto Montt ein wichtiger Bestand des Forschungsvorhabens. In der Fachwelt bekannt geworden sind die Ergebnisse kürzlich durch eine Veröffentlichung in «The New England Journal of Medicine», eine der angesehensten medizinischen Fachzeitschriften. «Unser ganzes Team war stolz», erklärt Thomas Weitzel.

Die internationale Forschungskooperation war durch frühere Kontakte des deutschen Arztes zustande gekommen. Thomas Weitzel (53), der aus der Nähe von Kassel stammt, hat zuerst in Hamburg seinen Facharzt für Mikrobiologie gemacht, sich anschließend an der Charité in Berlin in Innerer Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin weitergebildet und dann an der renommierten Universitätsklinik in der deutschen Hauptstadt gearbeitet. Seit neun Jahren lebt er in Chile.

Der Grund ist privater Natur. Bei einem Arbeitseinsatz 1997 in der ägyptischen Hauptstadt Kairo lernte er seine Frau kennen. Sie ist Chilenin, hatte jedoch praktisch nie hier gelebt. Ihre Eltern waren nach Sao Paulo gegangen, als sie sechs war. Sie studierte Architektur in den USA, und als sich das Paar kennenlernte, absolvierte sie gerade einen Master in islamischer Kunst- und Kulturgeschichte in Kairo. Das Paar lebte zusammen in Hamburg und Berlin, wo ihre drei Kinder zur Welt kamen, die heute 13, 16 und 17 Jahre alt sind.

Der für deutsche Verhältnisse überdurchschnittliche Kindersegen war letztendlich dafür ausschlaggebend, dass sich das Paar 2007 entschied, nach Chile zu gehen. «Mit drei Kindern fällt man in Deutschland oft unangenehm auf. Die Kinder stören die anderen Gäste, wenn man ins Restaurant geht. Das ist hier in Chile ganz anders», findet der Arzt.

Zunächst wurde er von der Charité an die Universidad de Chile als Dozent für Tropenmedizin entsandt. Der weitere berufliche Einstieg in Chile war nicht ganz einfach. Um in Chile als Arzt praktizieren zu können, musste er seinen Titel anerkennen lassen. «Man wird wie ein junger Arzt geprüft. Das ist für viele Mediziner, die schon länger aus der Uni sind, kein Zuckerschlecken. Man macht eine theoretische Prüfung und mehrere praktische Examina. Da fallen relativ viele durch, auch deutsche Ärzte», berichtet Weitzel.

Er schaffte die Prüfungen und arbeitete anschließend im Hospital Militar und erhielt bald darauf seine jetzige Anstellung an der Clínica Alemana, wo er als Spezialist für Tropenmedizin eine leitende Stellung im Programm für Reisemedizin hat und im Labor zuständig für Forschungsprojekte ist. Dazu kommt eine Dozententätigkeit an der Universidad del Desarrollo.

Die Familie hatte sich zunächst in einem Haus mit großem Grundstück in Olmué niedergelassen, die Kinder gingen auf eine Waldorfschule in Limache. Inzwischen besuchen alle drei auf die Deutsche Schule Valparaíso, weshalb die Familie nun in Viña wohnt und Thomas Weitzel von dort aus nach Santiago pendelt.

Die Erforschung des Tsutsugamushi-Fiebers ist nach Chiloé längst nicht abgeschlossen. Es ist gibt Vermutungen, nach denen die übertragende Milbe auch an anderen Orten in Südamerika vorkommt. Ein weiteres Forschungsprojekt ist deshalb bereits beantragt. Diesmal will man mit den USA zusammenarbeiten.

«Die große Frage ist, wie die infizierten Milben nach Chiloé gekommen sind. Wir hoffen, das im neuen Forschungsvorhaben mit Molekulargenetik herauszufinden», erklärt Weitzel. Es ist durchaus möglich, dass das Tsutsugamushi-Fiebe» auch noch anderswo gefunden wird. Weitzel sieht darin keine Gefahr, sondern einen Vorteil: Wenn man weiß, dass die Krankheit existiert, kann sie auch behandelt werden.

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