Frutillar: Arbeitsplatz im Paradies

Nach 35 Jahren Tätigkeit als Lehrerin und Schulleiterin an der DS Frutillar ließ sie sich im vergangenen Jahr pensionieren. Eigentlich hatte sie sich als bilinguale Sekretärin ausbilden lassen und als solche auch eine Zeitlang in der Hauptstadt gearbeitet, aber das Schicksal wollte es anders. Marianne Weil kam 1979 als jungverheiratete Frau nach Frutillar, als an der Deutschen Schule nach Lehrkräften Ausschau gehalten wurde.

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Von Walter Krumbach

Sie wurde gebeten, eine Vertretung zu übernehmen. «Ich musste erst einmal einen Lehrerkurs in Puerto Montt absolvieren», erinnert sie sich. Nun konnte es losgehen. Sie betreute zunächst die Kleinsten im Präkindergarten, um später in der Grundstufe Mathematik, Geschichte, Naturkunde und Musik zu unterrichten.
Als die langjährige Schulleiterin Viola Nannig ihre Stellung aufgab, wurde sie durch eine deutsche Kollegin ersetzt. Diese erkrankte nach einiger Zeit schwer und verstarb. Nun war guter Rat teuer, denn es musste schnell eine neue Kraft gefunden werden, die den verantwortungsvollen Posten übernehmen konnte.
«Nur ich war bereit, ihre Stellung als Vertretung zu übernehmen», erzählt Marianne Weil, und sie fügt lachend hinzu: «Aber diese Vertretung dauerte neun Jahre.» Es war eine Zeit, in der intensiv gearbeitet werden musste. So wurden der Präkindergarten und die Spielgruppe, sowie die siebte und achte Klasse ins Leben gerufen. Sie und ihre Mitarbeiter schafften dieses «mit sehr viel Hilfe, in erster Linie von den Lehrern und auch mein Mann, Luis Espinoza, der damals Vorstandsmitglied war, hat mich sehr unterstützt». Allerdings zog er sich bald zurück, da es nicht möglich war, dass zwei Eheleute, die diese Schlüsselposten innehatten, zusammenarbeiteten.
Während ihrer Zeit als Schulleiterin «hatte ich den Wunsch, ins Klassenzimmer zurückzukehren. Auf einmal war die Person da, die mich hätte vertreten können». Marianne Weil überlegte es sich nicht zweimal, übergab die Schulleitung und widmete sich fortan dem Unterricht.
Die Schule war größer geworden, Klassen waren hinzugekommen. Ein großer Schritt, der getan werden konnte, war eine Mittelstufe anzugliedern. Etwa 110 Schüler besuchten damals die DS Frutillar. Heute sind es um die 200. Das liegt zum Teil auch daran, dass derzeitig zahlreiche Familien Santiago verlassen, um in den Regionen eine neue Existenz aufzubauen.
Rückblickend erachtet Marianne Weil, dass ihre Schulleitertätigkeit sich durch die Zusammenarbeit mit den Lehrern ausgezeichnet hat. Ebenso gab sie sich Mühe, mit den Eltern sowie den Kindern einen guten Kontakt zu haben. Noch heute erkennen ehemalige Schüler beziehungsweise Eltern dieses positive Verhältnis an, worüber sie sich glücklich und auch ein wenig stolz zeigt.
Ein Punkt, dem sie während ihrer Amtszeit besondere Wichtigkeit beimaß, war kultureller Art, nämlich deutsche Sitten und Bräuche aufrecht zu erhalten. Obwohl dieses in einer Deutschen Schule eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hat Marianne Weil stets berücksichtigt, dass ihre Schüler aus zwei Kulturkreisen kamen und manche von ihnen einem rein chilenischen Elternhaus entstammten.
Weils leben seit etlichen Jahrzehnten in Chile. Mariannes Urgroßvater kam seinerzeit als evangelischer Pfarrer nach Osorno. Seine Urenkelin wurde in Santiago geboren, was durch den Heeresoffizierberuf des Vaters bedingt war, und wuchs in Puerto Montt auf. Nun ist es vier Jahre her, dass sie den Entschluss fasste, sich von der Schule zurückzuziehen, was sie im vergangenen Monat Dezember in die Praxis umsetzen konnte. «Ich wollte ein bisschen mehr Familienleben haben», gesteht sie. Das war in den vergangenen 35 Jahren nicht möglich gewesen, denn die Sorge um die Schule, die Lehrer und die Kinder waren stets präsent, ob sie es wollte oder nicht.
Jetzt, da sie vor kurzem Großmutter wurde, findet sie, dass es an der Zeit ist, das Leben zu genießen: «Wir würden auch gerne reisen. Mein Sohn lebt in Kanada und wir hatten bisher nicht Zeit, ihn zu besuchen. Zusammengefasst, wir möchten ein bisschen mehr für uns da sein». Allerdings «war es kein leichter Entschluss», wirft sie ein, «denn die Schule ist zu einem Teil meiner Familie geworden. Ich bin 37 Jahre verheiratet, von denen ich 35 an der Schule arbeitete. Für meine Kinder etwa war es völlig logisch, dass immer die Schule an erster Stelle war. Die Familie kam erst an zweiter Stelle».
Die Kinder hatten zwar täglichen Kontakt mit ihrer Mutter, denn sie besuchten die gleiche Schule, aber Marianne Weil widmete ihr so gut wie 24 Stunden am Tag. Die Probleme begleiteten sie mit nach Hause und ließen ihr oft auch des Nachts keine Ruhe.
Schularbeit ist Schwerarbeit, hat die Lehrerin während ihrer langjährigen Praxis feststellen müssen. Dabei geht es nicht nur um die organisatorischen Angelegenheiten, die recht komplex sind, sondern vor allem, dass man «sehr viel Geduld haben muss». Auf unsere Frage mit wem, ob mit den Kindern oder mit den Eltern, antwortet sie, ohne lange zu überlegen, «ich glaube, mit den Eltern. Es gibt Eltern, die man mit sehr viel Liebe und viel Takt ansprechen muss und andere wiederum, bei denen es anders läuft».
Die Deutsche Schule Frutillar ist schon beim Kennenlernen ein einzigartiger Fall. Ihre geographische Lage in einer idyllischen Umgebung, keine 20 Meter vom Strand des Llanquihue-Sees entfernt, verleihen ihr eine Art Aura des Besonderen, des Außergewöhnlichen. Dort «ist jeder Tag anders», versichert sie, «die Klassenräume liegen dem Vulkan Osorno genau gegenüber. Es ist vorgekommen, dass wir den Unterricht unterbrochen haben, um zu fotografieren, so schön war es».
Die Anmut der Natur wird nicht nur von den strahlenden Sonnentagen vermittelt, sondern auch wenn es regnet. «Man kann auch mit den Kindern hinausgehen, um die Arbeit am Strand zu machen», erzählt sie, dadurch erreicht ein Lehrer mit seinen Schülern eine besondere Motivation «und man ist dabei bei bester Laune. Es hilft ungemein.»
Mit ihrer Pensionierung hat es in Marianne Weils Leben eine Zäsur gegeben. Was wird jetzt, lautet die Frage. Sie gedenkt, ein Sabbatjahr einzuschalten. «Allerdings gedenke ich, mit der Schule weiterhin in Kontakt zu bleiben, wenn zum Beispiel Vertretungen gemacht werden müssen. Die werde ich gerne übernehmen. Bis April bin ich voll ausgebucht, aber danach könnte es sein».
Marianne Weil ist außerdem Chorsängerin. Diese Freizeitbeschäftigung, der sie im Teatro del Lago sehr gerne nachgeht, möchte sie nicht missen. Aber vor allem freut sie sich auf ihre häuslichen vier Wände, «denn bisher war es ein ständigen Hin- und Her-Rennen, schnell zu Mittag essen, wieder zur Schule eilen, um abends um sechs nach Hause zurück zu gehen. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mir ein bisschen Ruhe gönnen kann».
Wer 35 Jahre lang eine Einrichtung von innen erlebt hat, weiß, was darin vorgeht. Was wird mit ihr in der Zukunft geschehen, fragen wir Marianne Weil. «Sie wird größer werden, sie muss größer werden», versichert die Ex-Schulleiterin, «denn man sieht ja, dass weiterhin immer mehr Leute in die Region kommen. Es gibt bereits Klassen, wo aus Platzgründen keine Schüler mehr aufgenommen werden können. Die Schule wird demnächst mit den Mitteln rechnen können, um sich zu festigen, um sich zu entwickeln. Es fehlt zwar noch einiges an Infrastruktur, aber auch das wird behoben werden können. Ich wünsche der Schule ein gesundes Wachstum. Sie ist gegenwärtig in der Umgebung schon ein Gesprächsthema, und das ist sehr positiv.»

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