Flugfuchs mit Know-how
Guillermo Rheinen, Vater von Fernsehmoderatorin Tania Rheinen, hat ursprünglich am Tegernsee seine Ausbildung zum Hotelkaufmann gemacht. In der Gastronomie blieb er allerdings nicht lange: Heute ist der Deutsch-Chilene Leiter der Passageabteilung von Lufthansa-Swiss beim Generalagent Ultramar in Santiago und kennt die deutsche Fluggesellschaft so gut wie kaum ein Anderer.
Als Guillermo Rheinen zu Beginn des Gesprächs seine Visitenkarte überreicht, gibt er gleich eine Erklärung dazu: «Eigentlich sollte ich Wilhelm heißen, aber als mein Vater das damals im Registro Civil (Standesamt) eintragen lassen wollte, da haben die das nicht erlaubt.» Über seine Herkunft spricht der dynamische 60-Jährige mit Schnauzbart sichtlich gerne. Das Deutsche ist für den gebürtigen Chilenen ein wichtiger Teil seiner Identität.
Guillermo Rheinen wurde in Santiago geboren und besuchte die Deutsche Schule, damals in der Straße Antonio Varas beheimatet. In das Herkunftsland seiner Großeltern kam er zum ersten Mal im Jahr 1970, um eine Ausbildung zum Hotelkaufmann zu machen. An die Zeit als Schüler an der renommierten Hotelfachschule am Tegernsee erinnert er sich gerne: «Für mich war das ein Traum. Eine völlig neue Erfahrung; ich bin praktisch wiedergeboren worden.»
Zunächst lernte der damals 18-Jährige München und die Umgebung kennen und arbeitete gelegentlich an freien Wochenenden bei Veranstaltungen in einem Gastronomiebetrieb in Bad Tölz. «Damals war in Chile gerade Salvador Allende an der Macht; das waren schwierige Zeiten. Kontakt zu meiner Familie hatte ich ja nur per Post, und die Briefe wurden alle geöffnet und kamen manchmal gar nicht an. Da habe ich mich oft schon etwas einsam gefühlt.»
Nachdem er sich eingewöhnt hatte, lernte er die Deutschen und ihre Art zu schätzen: «Ich habe schnell Freundschaften geschlossen und wurde oft von den Familien meiner Mitschüler eingeladen. Das waren zum Teil sehr wohlhabende Leute, viele hatten große Betriebe. Aber diese Gastfreundschaft hat mich überrascht und ich fand das sehr schön.»
Besonders die Anerkennung, die er an der Schule als Ausländer von den anfangs so distanziert und kalt wirkenden Deutschen erfuhr, ist Rheinen als positiver Wendepunkt im Gedächtnis geblieben. Nach seiner Ausbildung in Bayern absolvierte er ein Praxisjahr am Schweizer Hof in Berlin und kehrte dann nach Chile zurück.
Wechsel zur Lufthansa
Zur Lufthansa kam Guillermo Rheinen 1980, als diese einen Posten im Catering-Bereich zu besetzen hatte. Neben der Lufthansa verwaltete Rheinen auch die Bordversorgung für weitere Fluggesellschaften wie Swiss und KLM. Nach und nach wechselte er in andere Bereiche, wie die Trimm und operative Abfertigung und Check-in. «Das war eine sehr interessante und spannende Arbeit für mich, ich habe praktisch alles bei der Lufthansa kennengelernt. Außerdem hatte ich die Gelegenheit, Schulungen zu besuchen, unter anderem in Deutschland.»
Im Jahr 1995 wechselte die Lufthansa Station auf eine eigenständige Flughafen-Abfertigungsfirma, die weiterhing dem Lufthansa Konzern gehörte. Hier wurden außer der Lufthansa auch andere Fluggesellschaften abgefertigt. Bei dieser Firma war Guillermo Rheinen für die wirtschaftliche Verwaltung bis zum Jahr 2000 zuständig. Danach wurde er als Geschäftsleiter für Chile und Peru ernannt, wobei im Jahr 2001 eine Flughafen-Abfertigungsgesellschaft auch in Lima gegründet wurde.
Für die Ultramar Schifffahrtsgesellschaft, die als Generalagent für Lufthansa seit 1957 die Promotion der Produkte von Lufthansa-Swiss übernimmt, arbeitet Rheinen zu seinem großen Bedauern erst seit 2005: «Ich hätte hier gerne früher angefangen, die Arbeit gefällt mir sehr gut. Man kann kreativ sein, Ideen entwickeln, Konzepte ausprobieren.»
Die Ultramar Agencia Marítima Ltda. ist ein traditionsreiches Unternehmen, das 1952 von dem deutschen Kapitän Albert von Appen als Schifffahrtsgesellschaft gegründet wurde und seit dem Markteintritt der Lufthansa in Chile die Vermarktung für die deutsche Fluggesellschaft übernommen hat. Der große berufliche Wendepunkt kam für Guillermo Rheinen vor fünf Jahren, als die Lufthansa ihre Flüge nach Santiago einstellte. Die Kunden, gewohnt an den deutschen Lufthansa-Service, haben sich erst langsam auf die Tochtergesellschaft Swiss Airlines umgestellt. «Chilenen mögen deutsche Produkte im Allgemeinen sehr. Wenn man in sein Lufthansa-Flugzeug einsteigt, fühlt man sich in einer deutschen Umgebung, das schätzen die Fluggäste.»
Mittlerweile fliegt auch die AirSwiss nicht mehr nach Santiago. Stattdessen steigen die Passagiere in Sao Paulo in ein Flugzeug der TAM-Gesellschaft um, die mittlerweile ebenfalls Mitglied in der Star Alliance ist. Als großen Erfolg sieht Rheinen die Zusammenarbeit mit der chilenischen Sky Airline an. Diese kooperiert nun mit Lufthansa als Zubringer, sodass Passagiere nun auch über Buenos Aires von Chile nach Deutschland und umgekehrt reisen können.
Deutsche Wurzeln
Rheinen selbst ist auch erst kürzlich nach Deutschland geflogen, um seine Mutter zu besuchen, die heute bei seinen Schwestern in Hamburg lebt. Dabei lernte er auch zum ersten Mal die Heimatstadt seiner Mutter kennen: Dresden. «Nach der Bombardierung der Stadt und dem Ende des Zweiten Weltkriegs wanderte die Familie meiner Mutter nach Chile aus. Sie wollte nach diesem Erlebnis nie wieder zurück nach Dresden.»
Das Interesse an der deutschen Herkunft hat Guillermo Rheinen seinen vier Kindern weitergegeben: Einer seiner Söhne aus erster Ehe hat in Deutschland geheiratet und eine Familie gegründet, und auch seine Tochter Tania hat dort drei Monate verbracht.
Tania Rheinen arbeitet als Journalistin beim chilenischen Fernsehsender Canal 24H. Sie ist für Wirtschaftsnachrichten zuständig, führt Interviews und moderiert die Morgennachrichten. Guillermo Rheinen erzählt: «Tania kam von selbst mit der Idee zu mir und meinte: `Papa, ich möchte gerne Deutsch lernen. ´ Nach einem Deutschkursus am Goethe-Institut in Santiago ist sie dann für drei Monate lang nach Hamburg gegangen und hat dort sehr intensiv Sprachunterricht gemacht. Und dann hat sie mich angerufen, auf Deutsch! Und sie meinte zu mir: `Jetzt, da ich ihre Sprache verstehe, verstehe ich die Deutschen. ´»
Auch mit seiner Frau, einer gebürtigen Chilenin, ist Rheinen schon durch Deutschland gereist. «Meiner Frau sind vor allem die vielen Verbotsschilder aufgefallen. Betreten verboten, Rauchen verboten, Eintritt verboten. – Sie fragte mich, was in Deutschland eigentlich erlaubt ist. Aber solche Dinge darf man den Deutschen nicht übelnehmen. Sie leben einfach anders als die Menschen hier. Deutschland ist ja auch viel kleiner und dichter bevölkert als Chile, da müssen sich die Menschen besser organisieren.»
Das Verständnis für deutsche Kultur und Mentalität liegt Guillermo Rheinen sichtlich am Herzen. Er selbst empfindet auch seine eigene Denk- und Sprechweise als deutsch: «Dieses Planen, Strukturieren, das ist eine Fähigkeit, die die Deutschen gut beherrschen. In meinem Kopf bin ich sehr deutsch. Das hat mir beruflich viel geholfen.»
Rückzugsraum Parzelle
Guillermo Rheinen hat nicht nur zwei Heimatländer, die er beide schätzt, sondern auch eine berufliche und eine private Welt, in denen er sich gleichermaßen wohlfühlt. Wenn er nicht an seinem Arbeitsplatz im 16.Stock des Bürogebäudes in Las Condes arbeitet, lebt er auf seiner Parzelle in Colina, weit abseits des Großstadtrubels. Das kleine Haus hat er von einem Architekten nach traditioneller chilenischer Bauweise mit Wänden aus Holz und Lehmmasse anfertigen lassen. Auch die Gartenarbeit gefällt ihm.
Diese Welt ist für den vielbeschäftigten Manager ein Rückzugsraum, sein zweites Leben. Rheinen ist ein großer Fan von Kunst, und er arbeitet gerne handwerklich. In seiner freien Zeit beschäftigt er sich mit Öl- und Pastellmalerei, bastelt und schreinert. Zudem hat er ein ungewöhnliches Hobby: In seiner eigenen Werkstatt stellt er Vitreaux-Fenster her, Glasmosaike mit Bleiverfugung. Die nötigen Werkzeuge dafür hat er aus Deutschland mitgebracht. «Das Handwerkliche habe ich wahrscheinlich von meinem Großvater geerbt, der hat auch sehr viel gebastelt und gebaut, Schmuck und Möbel.»
Und während seine Großeltern, die um 1900 nach Chile auswanderten, die Kordilleren noch per Esel überqueren mussten, hat Guillermo Rheinen ein klares Ziel für die Zukunft: Ein Direktflug zwischen Santiago und Deutschland. «Wir träumen von einer Rückkehr der Lufthansa nach Santiago. Mit den heutigen Flugzeugen ist das nicht möglich, da muss immer ein Zwischenstopp gemacht und die Crew gewechselt werden. Aber in Zukunft kommt der Airbus 350 auf den Markt. Damit könnte die Lufthansa mindestens dreimal wöchentlich eine Direktverbindung von Frankfurt oder Zürich nach Santiago anbieten.»
Guillermo Rheinen arbeitet seit über 30 Jahren bei Lufthansa, und er tut es mit voller Energie. «Ich habe alles von Lufthansa gelernt, habe gewissermaßen das Knowhow. Und bis wir die Direktverbindung anbieten können, werde ich weder gestorben sein noch in Rente gehen. Ich bin einfach ein alter Flugfuchs.»
Von Maria Birkmeir








