«Chile ist für Fachkräfte eine Chance»

Gerhard Reinecke, Experte für Beschäftigungspolitik bei der ILO

Der deutsche Diplom-Politikwissenschaftler und Entwicklungsökonom Gerhard Reinecke arbeitet als entsandter Experte für Beschäftigungspolitik bei der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO in Santiago de Chile. Foto: Petra Wilken
Gerhard Reinecke arbeitet bei der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO in Santiago de Chile. Foto: Petra Wilken

 

Der deutsche Diplom-Politikwissenschaftler und Entwicklungsökonom Gerhard Reinecke arbeitet als entsandter Experte für Beschäftigungspolitik bei der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO in Santiago und war kürzlich für eine Studie mitverantwortlich, die unerwartet Medienecho fand. Sie brachte hervor, dass die Migranten im Schnitt besser ausgebildet sind als die Chilenen.

 

Von Petra Wilken

Die ILO – oder OIT auf Spanisch – erstellt zweimal im Jahr zusammen mit der Wirtschaftskommission CEPAL einen Bericht über die Beschäftigungslage in Lateinamerika und der Karibik. In der jetzt veröffentlichten Ausgabe stand, dass Chile in der Region die Einwanderer mit dem höchsten Bildungsniveau hat. Fast 80 Prozent haben mehr als zehn Schuljahre absolviert.

 

Cóndor: Was hat die OIT mit Migration zu tun?

Gerhard Reinecke: Es gibt verschiedene Gründe für Migration: Es kann um die persönliche Sicherheit gehen oder sie kann wirtschaftliche Gründe haben. Aber die meisten Migranten müssen sich um Arbeit kümmern. Deshalb hat Migration immer mit dem Arbeitsmarkt des Einwanderungslandes zu tun. Wir sehen die Migration aus zwei Perspektiven: eine ist die Analyse des Arbeitsmarktes für Immigranten und die andere hat mit der Arbeitsinspektion zu tun. Es gibt viele Herausforderungen – Arbeitskräfte, die die Sprache nicht fließend sprechen, viele haben keinen gesicherten Migrationsstatus.

 

Wie sehen Sie die aktuelle Einwanderungswelle in Chile?

Im internationalen Vergleich ist die Einwanderungsrate in Chile nicht hoch. Sie liegt bei etwa 2,7 bis 3 Prozent der Landesbevölkerung. In Deutschland liegt die Rate bei rund zehn Prozent. Auch in Lateinamerika gibt es Länder, die bedeutend höhere Raten aufweisen: Argentinien, Costa Rica, Panama, Paraguay und die Dominikanische Republik.

Es ist jedoch richtig, dass die Zahl der Einwanderer stark angestiegen ist – in den vergangenen 30 Jahren um das Vierfache. In den letzten drei Jahren hat es eine Dynamik der Diversifizierung gegeben. Vorher waren die Einwanderer hauptsächlich Fachkräfte verschiedener Nationalitäten und Haushaltsangestellte aus Peru. Jetzt kommen Menschen aus Kolumbien, Venezuela und Haiti.

In Kolumbien zum Beispiel ist die Entlohnung im Dienstleistungsbereich deutlich geringer als in Chile. Deshalb kommen auch viele qualifizierte Kräfte von dort. Andererseits arbeiten aber auch viele als Saisonarbeiter auf dem Land und im städtischen Bereich als Reinigungspersonal. Sie arbeiten oft in Bereichen, in denen sich chilenische Arbeitgeber darüber beschweren, dass sie keine einheimischen Kräfte finden.

 

Chile ist in Lateinamerika das Land mit den meisten Migranten, die mehr als zehn Jahre Bildung aufweisen. Woran liegt das?

Chile wird als wirtschaftlich und politisch stabil wahrgenommen, und die Löhne und Einkommen sind relativ hoch, wenn auch gleichzeitig die Lebenshaltungskosten ebenfalls hoch sind. Aber viele leben spartanisch, um so viel wie möglich an die Familien nach Hause zu schicken. Wenn sich ein junges Land technologisch stärker entwickelt, dann wird der Arbeitsmarkt auch für Ingenieure und andere Fachkräfte interessant. Während der Krise in Spanien zum Beispiel sind zahlreiche Fachkräfte von dort nach Chile gekommen, und viele internationale Unternehmen haben ausländische Führungskräfte. Chile ist für Fachkräfte eine Chance.

 

Wie sieht es derzeit auf den Arbeitsmärkten in Lateinamerika aus?

Die Arbeitslosigkeit ist in Lateinamerika gestiegen, während sie gleichzeitig in den entwickelten Ländern leicht zurückgegangen ist. Weltweit registrieren wir eine leichte Steigerung der Arbeitslosigkeit. Auf die Zahlen in Lateinamerika wirkt sich Brasilien stark aus. Auch Chile hat niedrigere Wachstumsraten, was Auswirkungen auf die Arbeitslosenrate hat. In diesen Situationen tendiert die Zahl der selbstständig Beschäftigten zu steigen, was damit einhergeht, dass es auch mehr prekäre Arbeit gibt.

 

Auf der Webpage der ILO steht, dass die Zahl der fest angestellten Beschäftigten proportional sinkt und dass bis 2030 beim derzeitigen Wachstum der Weltbevölkerung 600 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssten. Halten Sie das für machbar?   

Die ILO wird 2019 einhundert Jahre alt, so arbeiten wir in Vorbereitung des Jubiläums zum Thema «Future of work». Es zeichnen sich Tendenzen ab, nach denen viele Arbeitsplätze durch Technologie ersetzt werden können. Es ist nicht klar, ob es auch wirtschaftlich immer rentabel sein wird, Menschen durch Technologie zu ersetzen. Wir werden neue Technologien im Einsatz sehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Viele der heutigen Ausbildungen werden nicht mehr gebraucht werden, aber es werden neue entstehen. Deshalb bin ich moderat optimistisch, denn Umwälzungen in der Arbeitswelt hat es immer gegeben. Die tradierten Lohnverhältnisse jedoch wird es so nicht mehr geben. Und das Bild der Vollbeschäftigung, wie wir es mal in den 1950er Jahren gehabt haben, gibt es schon lange nicht mehr.

 

Herr Reinecke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Gerhard Reinecke ist im nordrhein-westfälischen Soest geboren. In Hamburg und Berlin studierte er Politikwissenschaften und Entwicklungsökonomie. Bei einem Aufenthalt in Frankreich lernte er seine damalige Frau kennen, eine Chilenin. 1994 kam er mit ihr das erste Mal nach Chile. Hier forschte er für seine Doktorarbeit, die er an der Universität Hamburg absolvierte.

1996 fing er in Santiago bei der ILO an. Von 1998 bis 2002 arbeitete er in der Zentrale der Arbeitsorganisation in Genf. Inzwischen lebt er seit 15 Jahren ununterbrochen in Chile, wo 2003 und 2005 seine beiden Kinder geboren wurden. «Ich bin selbst auch Migrant», merkt er im Gespräch mit dem Cóndor an, ebenso wie seine gegenwärtige Partnerin, die aus Peru stammt. Zudem hat er bei Ahnenforschungen herausgefunden, dass bereits Verwandte von ihm 1920 nach Chile ausgewandert waren. Die Reineckes ließen sich in Purranque, Temuco, Osorno und Santiago nieder.

 

Print Friendly, PDF & Email

2 Comments

  1. Lieber Arne Dettmann,

    ich frage mich bei manchen Berichten ob ihr bei Condor tatsächlich freie Berichterstattung betreibt oder finanziell abhängig von Deutscher Medienpropaganda.
    Da werden auch die Einheimischen diskreditiert und würde von massenweise Facharbeitern aus der Flüchtlingsbewegung gesprochen. Wie gesagt, es wurde …. denn mittlerweile lässt sich nicht mehr geheim halten das min 95 % unbrauchbar sind und zum größten Teil nicht mal die Grundschule besucht hat. Der wahre Grund ist die Einwanderung in die Sozialsyteme ( Geld ohne Arbeit ) und die Einheimischen zahlen immer mehr Steuern um das zu finanzieren und verdienen immer weniger.

    Ich wünsche mir von Euch einfach mehr neutrale und recherchierte Berichterstattung und nicht das was man in Deutschland mittlerweile „ Lückenpresse „ nennt um alles schön zu reden.

  2. Armando Carrillo Zeiter

    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*