«Experimentieren macht mir viel Spaß»

Als sie ein kleines Mädchen war, bewunderte sie ihren großen Bruder, der mit einer außerordentlichen Begabung Karikaturen zeichnete. Das war ihre erste Begegnung mit ihrer Kunst, und sie sollte ihre Spuren hinterlassen: «Ich sah diese unglaublichen Zeichnungen und bekam große Lust, das auch zu machen».

Die Künstlerin Andel Paulmann fotografiert und malt. Ein beliebtes Motiv: Kinder. «Man kann an einem Kind so viel sehen, sie sind spontan, sie machen keine Posen.»

Ein Freund von Andels Vater, der oft zu Besuch kam, zeigte großes Interesse an den Bildern des Mädchens, was sie ermunterte, weiterzumachen, «und so kam es, dass ich immer viel gezeichnet habe».

Ein Kunststudium schien auf der Hand zu liegen, aber sie hatte ihre Zweifel, «dass das nicht so gut für die Zukunft sein würde, weshalb ich mich schließlich für Design entschloss». Während dieser Ausbildung nahm Andel an verschiedenen Kunst-Werkstätten teil. Sie lernte «so nebenbei Porträt- und Aktzeichnen».

Als sie mit ihrem Studium fertig war, schenkte ihr Freund – und heutiger Ehemann – ihr eine Schachtel Pastellkreiden, «und dann habe ich wieder angefangen zu malen». Sie arbeitete noch etliche Jahre als Designerin, bis sie vor neun Jahren das Bedürfnis hatte, sich der Kunst intensiver zuzuwenden.

«Im Design werden die Dinge meistens sehr schnell gewechselt und ich wollte etwas realisieren, das dauerhafter war. Es ist eben viel schöner, etwas machen zu können, woran andere Personen sich freuen können, das etwas Positives bewirkt, nicht so kalt wie das Design». Sie frischte ihre Kenntnisse an Lehrgängen an der Universidad Católica auf, erhielt ein Kunstdiplom dafür und dann kam – ihr viertes Kind.

Das bedeutete, auf beruflichem Gebiet etwas leiser zu treten, was sie auch einige Zeit tat, bis sie vor zwei Jahren an einem Fotografie-Kurs teilnahm. Sie suchte sich einen ganz speziellen Lehrgang aus, nicht den typischen, der die Teilnehmer über Blenden und Belichtung aufklärt, sondern einen besonderen, bei dem sie Neues über Naturfotografie lernen konnte.

Andel Paulmann hatte sich schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, einen Fotoband mit Landschaftsfotos herauszugeben. Es sollten aber keine herkömmlichen Bilder in der üblichen Postkartenästhetik sein, sondern etwas Besonderes. Daher ihr Interesse an der Weiterbildung. Schließlich nahm sie nicht an einem, sondern an verschiedenen Kursen teil, unternahm oftmals mit ihrem Mann Reisen in Naturparks und fotografierte dabei fleißig, was aus dem Rahmen fiel und ihr besonders zusagte.

 

«Beim Malen erfasst man das Wesen der Person»

Im Dezember des vergangenen Jahres fand im Deutsch-Chilenischen Bund ihre erste Ausstellung statt, bei der sie gemaltes und auch fotografiertes zeigen konnte. Es waren sowohl Landschaftsbilder als auch Porträts darunter. «Es war interessant festzustellen, was den Leuten mehr gefallen hat, besonders bei den Fotos. Es hat mich überrascht, dass die Porträts großes Interesse hervorgerufen haben».

Was ist bei Porträts das Wichtigste, die Ähnlichkeit mit dem Modell?, fragen wir sie. «Für mich ja», antwortet sie ohne zu zögern, «wenn man die Person malt, fängt man unversehens an, sie zu fühlen, man erfasst das Wesen der Person».

Überhaupt sind Andel Paulmanns Gemälde realistisch gehalten. Der Betrachter begreift auf der Stelle, was dargestellt ist. Allerdings erlaubt sie sich gewisse künstlerische Freiheiten: «Auf einigen meiner Bilder ist zum Beispiel der Himmel nicht hellblau, wie er in der Natur ist, sondern in einer anderen Farbe».

Besonders gern malt sie Porträts von Kindern: «Man kann an einem Kind so viel sehen», meint sie, «sie sind spontan, sie machen keine Posen». In der Regel fotografiert sie zunächst ihre Modelle und verwendet anschließend die Fotografien als Vorlage für das zu entstehende Gemälde.

Wenn sie Landschaften malt, nimmt sie sich größere Freiheiten. Ähnlichkeit ist in diesem Fall nicht gefragt, also kann die Phantasie mitspielen. «Noch bin ich in der Phase, in der man Verschiedenes ausprobiert, um festzustellen, was einem mehr liegt, weil man noch viel suchen muss, um das zu finden, was einen zufriedenstellt oder was man am liebsten macht. Experimentieren macht mir sehr viel Spaß».

Als sie bei dem international berühmten und inzwischen verstorbenen Maler Hardy Wistuba Aquarell lernte, «habe ich gemerkt, dass wenn ich mit Öl arbeite, auch gerne durchsichtig male und die Farben laufen lasse.»

Gegenwärtig ist allerdings «die Fotografie das, was mich am meisten erfüllt», versichert sie, «ich möchte jetzt mein Buchprojekt in Angriff nehmen». Da sie bei der Durchführung ihrer Vorhaben am liebsten (fast) alles selber macht, wird sie demnächst an einem Design-Kursus teilnehmen, um den Band selbst entwerfen zu können.

Fotografien, die für dieses Projekt in Frage kämen, hat sie bereits in großen Mengen aufgenommen: «Jeder Bildband, der über die chilenische Natur erscheint, ist ein Beitrag, um sie bekannt zu machen. Je mehr die Personen etwas kennenlernen, desto mehr lieben sie es. Aus verschiedenen Gründen können nicht alle hinaus wandern, um alles kennenzulernen, deswegen ist es nötig, dass wir ihnen die Natur näherbringen».

 

Manipulierte Natur

Andel Paulmann liegt hierbei besonders die chilenische Mutter Erde am Herzen, «da sie nicht ausreichend geschützt wird, obwohl wir noch etliche Landstriche haben, die noch genauso wie vor hunderten von Jahren aussehen. In Europa dagegen», vergleicht sie, «ist es schwer Fotos von unberührten Gegenden zu machen. Es ist eine vom Menschen manipulierte Natur. Das sieht man immer. In Chile haben wir wahnsinnig viele Plätze, wo das noch nicht der Fall ist. Das ändert sich aber auch äußerst schnell. Den Unterschied kann man von Jahr zu Jahr feststellen. So denkt man: Wenn ich das alles zeigen kann, wie wunderbar das ist, könnten die Leute sich es vielleicht doch noch überlegen, dass es beschützt werden sollte. Wenn man das irgendwie schaffen könnte: Es wäre fantastisch».

Welches Konzept sie für das Buch ausarbeiten wird, hat sie noch nicht entschieden. Für das kommende Jahr hat Andel Paulmann die Fotografien für den DCB-Kalender geliefert, der in dieser Woche vorgestellt wurde (der Cóndor wird demnächst darüber berichten). Für diesen Kalender hat sie 13 ihrer Chile-Fotos verwendet, die allesamt Motive unberührter Natur des Landes zeigen. «Chile protegido» (Geschütztes Chile) nennt sich das Produkt. Es enthält Motive von den verschiedenen Klimazonen des Landes und sollte somit in seiner Vielfalt jeden Käufer zufriedenstellen.

Damit nicht genug, stellt Andel Paulmann auf Natur-Webseiten, die sich mit der chilenischen Natur befassen, ihre Fotografien aus. Dabei «suche ich immer etwas, was Fotografie, Kunst und Natur verbindet. Diese drei Dinge sind mir wichtig». Ihre erste Ausstellung im DCB erfüllt sie mit großer Freude: «Es war positiv, die erste Ausstellung dort machen zu dürfen, weil im DCB die Personen sind, die man von klein auf gekannt hat, wie die Freunde meiner Eltern oder von mir etwa».

Wenn sie auf der Fotopirsch unterwegs ist, treibt sie Trekking: «Das ist mit dem Fotografieren sehr gut zu verbinden. Trekking war, was mich der Natur näherbrachte, weil ich das sehr gerne machte. Dann schleppte ich jedes Mal die Kamera mit. Und mit der Zeit wurde die Kamera größer und schwerer. Mein Mann und ich nehmen jetzt einen großen Rucksack mit der Fotoausrüstung mit, weil ich ihn mit diesem Hobby angesteckt habe».

 

Von Walter Krumbach

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