«Es muss noch enorm viel getan werden»

«Ich bin anhand der Zeit, die ich in Chile lebe, zu 33,33 Prozent Chilene», sagt Roberto Hahn, wenn man ihn nach seiner Herkunft fragt. Seit 31 Jahren ist der in Argentinien gebürtige deutsche Staatsbürger in Santiago ansässig. Roberto Hahn ist der Geschäftsleiter des deutschen Unternehmens Ferrostaal in Chile und seit dem 1. April dieses Jahres der Vorsitzende der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer.

Roberto Hahn ist «in Chile hängen geblieben». Der in Argentinien geborene Deutsche arbeitet bei Ferrostaal und ist seit mehr als zwei Monaten CAMCHAL-Präsident.

Die deutsche Sprache wurde ihm in Buenos Aires in die Wiege gelegt. Im Elternhaus «war es verboten, Spanisch zu sprechen, und daher denke ich auf Deutsch. Die Eltern meinten, Spanisch kannst du sowieso auf der Straße lernen». In der argentinischen Hauptstadt besuchte er die Deutsche Schule und als er später zu arbeiten begann, tat er es bei einer deutschen Firma.

«Bei der Ferrostaal bin ich mittlerweile 36 Jahre», erzählt er und runzelt dabei die Stirn: «Ich weiß nicht, ob man das heutzutage mit Stolz sagen kann, aber Erfahrung habe ich doch viel gesammelt». Sein Zweifel ist in dem heutigen Trend begründet, sich möglichst viele Arbeitgeber «anzueignen» und somit verschiedene Arbeitsweisen und -stile kennenzulernen.

Über die Vermittlung von Freunden kam Hahn damals, im Jahre 1977, zu dem großen Unternehmen, arbeitete bis 1982 im Vertrieb, «bis ich ungeduldig wurde und die Welt bereisen wollte». Man bot ihm an, für zwei Jahre nach Chile zu gehen, was er auch tat, «und dann bin ich in Chile hängen geblieben».

Seine erste Aufgabe in Santiago nahm er auf dem Gebiet der Grafik wahr: «Es war eine kleine Einheit, wir waren insgesamt fünf Personen». Es handelte sich um integrale Beratung, vom Vordruck bis zum fertigen Produkt. Nach einer relativ kurzen Zeitspanne übernahm Hahn die Geschäftsleitung dieser Abteilung. Im Jahr 1995 «waren wir mittlerweile 27 Personen», erinnert er sich.

Ferrostaal «ist ein ziemlich breitgefächerter Betrieb», erklärt Hahn. Die große Firma mit den vielen Niederlassungen in verschiedenen Kontinenten ist in so verschiedenen Bereichen wie der Energie, der Petrochemie, der bereits erwähnten grafischen Industrie, der Verpackung, der Lebensmittel, der Holzindustrie und neuerdings auch des Recyclings aktiv.

Normalerweise vertritt sie die Interessen der verschiedenen Lieferwerke, «früher waren es nur deutsche, aber dann hat sich die Welt geändert», wirft Hahn ein, «heute suchen wir Qualitätsprodukte, kostenbezogen und teilweise machen wir auch lokales Business, indem wir die Produkte einkaufen und sie an den entsprechenden Kunden weiterleiten». Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Ersatzteillager und ausgebildete Techniker in den verschiedenen Lieferwerken notwendig sind.

Seit 2008 arbeitet die Firma zusätzlich im Bereich der erneuerbaren Energien, besonders am sogenannten «concentrated solar power, das ist die Paraboltechnik». Schon seit geraumer Zeit besteht eine enge Zusammenarbeit mit der chilenischen Marine und seit etwa drei Jahren ist Ferrostaal in die vielversprechende Welt des Digitalfernsehens eingestiegen.

 

Prioritäten setzen, die Übersicht behalten

Trotz der vielen Aufgaben meint Hahn: «Wir fangen gerade erst an, aber die Frage ist, wenn man so viel macht, muss man enorm aufpassen, dass man erstens kompetentes Fachpersonal hat und zweitens dass jede Abteilung sehr selbstständig arbeitet».

Wie verliert man bei einem so großen Betrieb, in dem derart viele Aufgaben gleichzeitig bewältigt werden müssen, nicht die Kontrolle? Als wir Roberto Hahn die Frage stellen, weist er auf ein Treffen mit einem deutschen Minister hin, welches vor einigen Jahren in einem Konferenzraum eines Nobelhotels in Santiago stattfand. Der Staatsmann war aufgefordert worden, eine ähnliche Frage zu beantworten. Lakonisch sagte er: «Ich habe da keine Probleme. Ich habe gute Leute.» Hahn fügt dem hinzu: «Man muss erkennen können, was wichtig und was dringend ist. Dazu muss man sich sehr gut organisieren. Nichtsdestotrotz darf man nicht die Übersicht verlieren.»

Heute kann Roberto Hahn auf 36 anregende Jahre bei dem großen Unternehmen zurückblicken: «Es gibt immer wieder eine neue Genugtuung. Solange es Spaß macht, ist es angenehm. Das hängt auch davon ab, wie innovativ eine Firma ist und inwiefern diese Firma in den verschiedenen Ländern, wo sie präsent ist, investiert.»

Er ist davon überzeugt, dass «heute die Herausforderung darin besteht, dass man sehr kreativ sein muss. Es reicht nicht damit aus, dass man sich von den Konzernen sagen lässt, was man tun sollte, sondern man muss sich immer wieder Gedanken machen, was für neue Nischenmärkte man wahrnehmen kann, die von Land zu Land verschieden sind.»

Seine Ernennung zum Präsidenten des Vorstandes der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (CAMCHAL) erfolgte, nachdem Roberto Hahn einige Jahre in deren Vorstand aktiv mitwirkte: «Wenn einem ein so vertrauensvolles Angebot unterbreitet wird, dann muss man das schon richtig machen. In den letzten Jahren ist die Kammer sehr stark gewachsen. Vor Ort ist sie mit zirka 600 Mitgliedern die größte Kammer. Es muss aber noch enorm viel geschehen. Heute geben Bergbau und Energie den Ton an. Aber auch auf anderen Bereichen steht noch viel aus.»

Dabei geht es ihm nicht nur um die erfreulich hohe Mitgliederzahl, sondern dass «Deutschland immer besser vertreten ist, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft, mit INSALCO und der Deutschen Schule, dass eine Vernetzung mit der entsprechenden Synergie wirklich zum Tragen kommt.»

Ein besonderes Augenmerk hat er auf Ausbildung geworfen: «Es kann ja nicht sein, dass alle Ärzte oder Ingenieure werden wollen. Wir brauchen hier Handwerker! Auf dem Bereich kann noch viel getan werden.»

 

Freizeit hoch zu Ross

Wer viel arbeitet, braucht Ablenkung. Roberto Hahn genießt seine wochentags karg bemessene Freizeit auf dem Rücken der Pferde. Er ist ein begeisterter Reitspringer: «Ich versuche, es als Ausgleich wahrzunehmen und dabei nicht Leute zu treffen, die mich wiederum mit der Arbeit verbinden.» Hahn hält nämlich viel von Entspannung total. So sehr er seine Arbeit liebt, ist er der Überzeugung, dass die Freizeit nicht der geeignete Augenblick zur Fachsimpelei ist.

Hahn ist Mitglied eines Reitklubs in La Reina: «Da ist der Berg in der Nähe, wohin man ausreiten und auch springen kann, aber nicht ungewollt Leute trifft, mit denen man Geschäftliches besprechen muss.»

Roberto Hahns Arbeitstag beläuft sich auf etwa zehn Stunden am Tag. «Dazu kommen ab und zu Versammlungen oder Abendessen», die selbstverständlich wahrgenommen werden müssen und jedes Mal einige zusätzliche Stunden in Anspruch nehmen, was mitunter ein weiterer Grund ist, zumindest am Wochenende ungestört ausruhen zu dürfen.

Außer den Pferden liebt Roberto Hahn Bücher und Zeitschriften. Lektüre ist bekanntlich das Entspannungsmittel schlechthin. Hahn informiert sich in erster Linie über die Weltwirtschaftslage, «um einen kompletten Überblick zu haben. Außerdem lese ich bevorzugt Naturbücher oder Reiseberichte».

Wenn man ihn reden hört, gewinnt man den Eindruck, dass die Natur ihm heilig ist. Es ist ihm zum Beispiel absolut wichtig, dass man im Freien auf erfrischende Gedanken kommt: «Man muss den Weg finden, wie man abschalten kann. Es gibt da kleine Tricks», verrät er, «wie zum Beispiel nach Hause zu kommen und nicht die Arbeitskleidung anbehalten, sondern sich umziehen, oder dass man das Mobiltelefon auf leise stellt und einen Anrufbeantworter einschaltet. Wenn etwas Wichtiges kommen sollte, kann man ja zurückrufen.»

Von Walter Krumbach

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