«Es gibt viele Wahrheiten»

Ihr Konzert während der der diesjährigen Musikwochen in Frutillar war einzigartig: Sie spielten Geigenduette großer Meister der Renaissance- und Barockzeit ausgefeilt, mit superber Technik, sensibel, in einem Wort: hochkultiviert. Zusätzlich gaben sie jungen Kollegen, die aus einem Großteil des Landes angereist waren, Meisterklassen. Der Cóndor bat Mónica Waisman und Florian Deuter zum Gespräch.

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«Es geht um die Art zu spielen, die Intensität und das Engagement, egal um welches Repertoire es sich handelt»

 

 

Cóndor: Geiger, die eine Begabung zu einer Solistenlaufbahn haben, können die berühmten Werke von Beethoven, Tschaikowsky, Brahms oder Mozart in ihr Repertoire aufnehmen. Sie haben sich jedoch für die Barockmusik entschieden. Wie kam es dazu?

Deuter: Die Barockmusik wurde mir in die Wiege gelegt. Ich stamme aus einer Familie, die viel Musik gemacht hat. Wir hatten Blockflöte, Cembalo, Oboe – irgendwie lag die Barockmusik etwas näher. Dadurch habe ich schon in der frühen Kindheit viel Telemann, Vivaldi, Bach und Komponisten des 17. Jahrhunderts gespielt, die einem sonst gar nicht so geläufig sind.

 

Sie haben mit den ganz großen Musikern des Barockrepertoires zusammengearbeitet, wie Paul McCreesh, Reinhard Goebel, Marc Minkowski, Ton Koopman, Philippe Herreweghe; Namen, die man sich kaum zu raunen traut (Waisman und Deuter lachen). Was für eine Bedeutung haben diese Begegnungen für Ihre Laufbahn gehabt?

Deuter: Das schließt an die erste Frage an: Ich habe, wie jedes Kind, erst einmal normale Geige gelernt. Als Fünf- oder Sechsjähriger bekommt man keine Barockgeige in die Hand, wir hatten moderne Instrumente. Dann kam ich auf die Musikhochschule, habe dort angefangen, moderne Geige zu studieren. Später hatte ich ein Schlüsselerlebnis: ein Konzert der Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel, die die sechs Brandenburgischen Konzerte spielten. Ich habe viel tolle Kammermusik gehört, aber nach diesem Konzert meinte ich, das will ich machen! Ich bin dann hingegangen, habe gesagt, ich möchte gerne mitspielen, was muss ich tun. Ich wurde von Herrn Goebel zunächst eingeladen vorzuspielen. Er hat dann mit mir ein bisschen gearbeitet und mich dann eingeladen, erst im Orchester zu spielen und danach, schon sechs Monate später, gab es eine Position im kleinen, fünfköpfigen Ensemble. Seitdem, mit 21, habe ich im Musica Antiqua Köln gespielt. Das war an Stelle des Studiums, das habe ich quittiert, da gab es keine Zeit mehr für. Wir haben auf allen Kontinenten über 100 Konzerte im Jahr gespielt. Das war dann das intensivste Studium, das man sich vorstellen konnte.

Herr Goebel war als Geigenlehrer der bedeutendste am Anfang. Nach drei Jahren brauchte ich eine Pause. Ich bin gegangen und bekam dann Angebote, wurde eingeladen zu Herrn Koopman, zu Herrn McCreesh, als Konzertmeister zu Herrn Herreweghe. Man bekam durch Musica Antiqua einen guten Namen und dadurch ergaben sich die anderen Karrieren. Danach bin ich als erster Geiger zurückgegangen zur Musica Antiqua.

Es sind alles große Persönlichkeiten, die ihre Ideen mit anderen Musikern besonders gut verwirklicht haben, und man nimmt diese Sachen mit. Das versuchen wir jetzt auch zu tun, deswegen haben wir, meine Frau und ich, unser eigenes Ensemble, in dem wir diese Erfahrungen mit den eigenen Ideen zu verknüpfen versuchen. Es ist ein guter Boden, auf dem man säen und ernten kann.

 

Heute sind Musiker darum bemüht, die Werke so zu spielen, wie sie zu ihrer Entstehungszeit geklungen haben – Stichwort «historisierende Aufführungspraxis». Ist das nach so langer Zeit überhaupt möglich?  

Deuter: Zum Glück wissen wir nicht, wie es exakt geklungen hat, denn wenn wir genau die Quelle hätten, dann könnte man sich nicht mehr streiten und sagen: ich spiel das so, das ist doch ganz toll. Wir haben Quellen, Notenmaterial und einige Geigenschulen, theoretische Schulen, und die kann man jetzt nehmen und interpretieren. Das ist natürlich keine Gebrauchsanweisung wie die eines CD-Spielers. Man kriegt viele Ideen und dadurch gibt es viele Wahrheiten in der Interpretation von Stücken. Die einen sind etwas grauer als die anderen, aber ich glaube, dass man auf verschiedene Weise überzeugen kann. Das ist sehr, sehr wichtig für die Vielfalt von Musikern.

 

Wie kam Ihr Konzert in Frutillar zustande?

Deuter: Ich bin vor knapp anderthalb Jahren bei Concerto Köln eingesprungen. Ich habe in Santiago einen E-Mail-Freund, der seit vielen Jahren den europäischen Barock-Aufnahmen folgt. Als wir nach Chile kamen, schrieb ich meinem Freund, dass ich spielen würde und ob wir uns treffen könnten. Daraus ergab sich ein Gespräch, was man noch tun könnte. Darauf hat er für mich ein Treffen mit dem Goethe-Institut, der Universidad de Chile, wo ich einen Meisterkurs gegeben habe und der Agentur organisiert. Dadurch hat sich das Goethe-Institut bei uns gemeldet, ob wir hierher kommen wollten.

 

Sie haben 2003 das Ensemble Harmonie Universelle gegründet. Welche Zielsetzung hatten Sie dabei vor Augen?

Waisman: Damals spielten wir und die anderen Mitbegründer des Ensembles in den Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski. Das war viel Tätigkeit für großes Orchester und wir hatten Lust, Kammermusik zu machen. Später haben wir auch Orchesterwerke aufgeführt, aber dabei immer die Kammermusikempfindung beibehalten, dass etwa jeder Part von einer Person gespielt wurde. Man kann Kammermusik machen, indem man in einem Orchester spielt, wenn zum Beispiel drei Violinen den Part der ersten Geige spielen. Es geht um die Art zu spielen, die Intensität und das Engagement. Das ist es, was wir versuchen zu tun, egal um welches Repertoire es sich handelt. In einem großen Orchester dagegen hat jedes Mitglied nicht diese Verantwortung, es geht dort entspannter zu.

Deuter: Zum Beispiel kam vorletztes Jahr eine Corelli-CD heraus, da waren wir 21 Musiker. Die Concerti grossi darauf sind von acht Leuten gespielt. Bei den Vivaldi-Violinkonzerten waren wir 16, bei der deutschen Kammermusik des 17. Jahrhunderts waren zehn Musiker beteiligt und die kleinste Gruppe ist, wenn wir zu zweit spielen, wie hier in Frutillar.

 

Welche Wichtigkeit messen Sie CD-Aufnahmen bei?

Deuter: CD-Aufnahmen sind heutzutage die Visitenkarte, um Konzerte zu bekommen. Man bekommt keine Konzerte, wenn man ein Ensemble ist, das keine Präsenz auf dem Markt hat. Wenn man keine Konzerte spielt, kann man auch wiederum keine CDs machen. Mit unserer ersten CD hat man es damals riskiert, OK, wir nehmen euch auf, ihr seid gut. Diese CD gibt es heute noch, sie ist mittlerweile zehn Jahre alt. Für uns ist es wichtig, denn wir spielen ein Repertoire mit einem gewissen Seltenheitswert. Die Telemann-Quartette und –Quintette wurden noch nie in diesen Versionen aufgenommen. Von den zwölf Vivaldi-Konzerten sind neun Weltpremieren gewesen.

 

Der Tonträgermarkt macht derzeitig eine Krise durch. Wie wird er sich in Zukunft weiterentwickeln?

Deuter: Wenn man das heute verfolgt, würde man sagen, in drei Jahren haben wir keine CDs mehr. Aber ich glaube nicht, dass es so ist, denn es gibt genug Leute, die Zuhause schöne Anlagen haben mit CD-Spielern, die horrend viel Geld kosten.

Waisman: Andererseits ist es heute so leicht, aufzunehmen, es gibt eine regelrechte Invasion auf dem Markt, sodass jeder Künstler aufnimmt und die Leute nicht wissen, was sie kaufen sollen. Das hilft der Lage auch nicht gerade.

 

Sie hatten hier ein sehr erfolgreiches Konzert und sehr gute Meisterklassen. Welche Möglichkeit besteht, dass Sie wiederkommen?

Deuter: Laden Sie uns ein, wir kommen! Das Problem ist die Finanzierung. Wir können ja zu zehnt wunderbare Musik spielen, aber wer zahlt die 16.000 Euro Flugkosten?

 

Aber Sie sind gern bereit…

Deuter: Unbedingt. Das Publikum hier ist… (gestikuliert anerkennend.)

Waisman: Schon allein, wie uns die Leute des Festivals empfangen haben, ihr Umgang, das Interesse und die Neugierde des Publikums waren wirklich vortrefflich.

 

Frau Waisman, Herr Deuter, vielen Dank für dieses Gespräch.     

 

Die Fragen stellte Walter Krumbach.

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