«Es fehlte ein Zugpferd»

 

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Von Thomas Magosch

Die Aufgabe ist sicherlich nicht einfach. Allein die lange und abwechslungsreiche Geschichte des Vereins ist beeindruckend, denn der Deutsche Turn- und Sportverein Valparaíso (DTSV) wurde bereits am 21. Juni 1870 gegründet. So eine ruhmreiche Geschichte kann belastend sein, Kurt Neuling hingegen, seit 2007 Vorsitzender des Vereins, möchte sich nicht hinter der Geschichte des Vereins verstecken, sondern Tradition mit Zukunft, also erarbeitete, geschaffene Werte mit Visionen und neuen Programmen verbinden.

Ein Spagat, keine Frage, aber Neuling erläutert seine Pläne und Visionen, ebenso wie die Geschichte, die ihn mit dem Sportverein verbindet, sachlich und nüchtern.

Das Sportliche wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Bereits sein Vater war ein erfolgreicher Leichtathlet und Vereinsvorsitzender. Die Spezialstrecke, die der junge Kurt Neuling für den DTSV rannte, waren die 3.000 Meter. Eine Mittelstrecke, die gesprintet wird, die aber sowohl Ausdauer als auch Schnellkraft erfordert, also sowohl einen langen Atem als auch schnelle Entscheidungen, würde man das auf die Arbeit im Vorsitz eines Vereins übertragen wollen.

Und für den Verein hat er viele Ideen, er lenkt ihn dennoch mit Bedacht und langem Atem. Die feste Einbindung und Zusammenarbeit mit der Deutschen Schule gehört zu den wichtigen Inhaltspunkten, wie er betont und die Einbindung und Kooperation mit den anderen deutschen Vereinen und deutsch-chilenischen Institutionen wie zum Beispiel dem Club Aleman de Valparaíso.

Synergien nutzen und erweitern würde man heute schreiben, Begriffe, die dem Unternehmer Neuling geläufig sind. Er erzählt sehr angeregt von seiner Suche nach den Wurzeln seiner Familie in Deutschland. Den Namen Neuling findet man über das ganze Land verteilt, nicht ganz so häufig wie Schneider oder Schmidt, aber durchaus weit gefächert.

Kurt Neuling wollte wissen, woher sein Familienname stammt, wo nach den Wurzeln zu suchen ist. Daher hat er einige Personen mit Nachnamen Neuling, die er im Internet gefunden hat, angeschrieben. Zumeist habe er, was ihn überrascht habe, eine freundliche Antwort erhalten, allerdings eine Absage. In einer Zeitschrift hat er zufällig von einer Inline-Speedskaterin mit dem Namen Neuling gelesen, die sowohl deutsche als auch europäische Meisterin in ihrer Disziplin war. Nachdem er die junge Frau angeschrieben hatte, stellte sich heraus, dass sie eine direkte Verwandte war.

Bei seiner letzten Geschäftsreise nach Deutschland traf er sich zum ersten Mal mit seinen deutschen Verwandten. Akribische Arbeit und eine Geschichte, zwei weitere Komponenten in der Biografie Kurt Neulings. Denn auch die Geschichte des Vereins, dessen Vorsitzender er seit neun Jahren ist, ist ihm und dem gesamten Direktorium sowie den ehrenamtlichen Helfern wichtig.

Noch so ein Projekt, das auf dem Zettel steht: das Museum des Sportvereins, für das seit dem Verkauf der alten Deutschen Schule auf dem Cerro Concepción in Valparaíso ein Standort gesucht wird. Neuling betont: «Die Pflege der Geschichte einerseits, aber vor allem die Blickrichtung nach vorne ist bei der Zusammenarbeit mit lokalen deutschen und chilenischen Institutionen sowie über die Landesgrenzen hinaus wichtig.»

Die Förderung junger Leute im Verein, wie der Schwimmerin Ayla Iliman (nationale Meisterin über 50 und 100 Meter Schmetterling) und den Ausbau der Extraprogramáticas in der Deutschen Schule für über 700 Schüler.

Auch hier gibt es, Schritt für Schritt, Erfolge zu verbuchen. In diesem Semester starteten beispielsweise Schwimmprogramme für Eltern mit Kindern. Insgesamt betont Neuling sein Anliegen, mit allen Institutionen unter dem Dach des Club Alemán die Zusammenarbeit auszubauen und vertiefen zu wollen. Und für neue, junge Mitglieder steht der Club seit jeher offen. Auch hier soll das Programm noch interessanter gestaltet werden, sagt Neuling.

Und hier soll also ein Zugpferd fehlen? Das Zitat der Überschrift wird Jorge Schwarz zugeschrieben, ehemaliger Vorsitzender des DTSV. Und ebenso wie seine Vorgänger auch ist Kurt Neuling als Zugpferd eine gute Wahl.

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