Entwicklungshelfer der ersten Generation

Am 12. Mai feiert Dr. Helmut Haufe seinen 80. Geburtstag. Die Zahl beeindruckt ihn wenig, schließlich ist sein Vater 101 Jahre alt geworden, und es sieht ganz so aus, als ob der Sohn seine Vitalität geerbt hat. Auch wenn der Forstmann schon länger pensioniert ist, so hat er ambitionierte Projekte, die ihn bewegen: zum Beispiel im Vorstand der lutherischen Erlöserkirche.

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Dr. Helmut Haufe ist ein hochgewachsener stattlicher Mann «vom alten Schlage», würde man wohl sagen. Seine Art ist distinguiert, er liebt es sich gewählt auszudrücken. Dennoch möchte er in der Laudatio an seinem Geburtstag als Entwicklungshelfer bezeichnet werden.

«Ich war immer ‚hands on‘ (zupacken)», sagt Helmut Haufe, «Forstbeamter war nicht meine Welt». Dabei gebot es die Tradition, Forstbeamter zu werden, so wie sein Vater, der Oberforstmeister im Württembergischen war. Zunächst sah es so aus, als ob der Sohn in die Fußstapfen des Vaters treten würde. Doch das Schicksal hatte anderes mit ihm vor und führte ihn hinaus in die weite Welt.

Helmut Haufe kam 1934 in Dresden zur Welt. Sein Vater wurde von den Nationalsozialisten nach Salzburg geschickt, so dass seine Mutter mit dem Sohn und zwei Töchtern alleine blieb. «Am 13. April 1945 sind wir aus unserer Heimat im Erzgebirge geflüchtet. Mein Vater kam mit einem Lkw angefahren und nahm uns mit nach Salzburg. Wir nahmen zwei Ziegen und ein Schaf mit.»

Mit zehn Jahren sei er damals für die Ernährung der Familie zuständig gewesen. «Ich war ein Hans Dampf, hatte von den Landsern Zigarren besorgt.» Als dann die Amerikaner kamen, tauschte er sie gegen Zigaretten ein: «I give you five cigars, you give me twenty cigarettes», erinnert er sich an den Wechselkurs. Doch Ende 1945 hätten sie als «Reichsdeutsche» Österreich verlassen müssen.

 

Viel Glück

Die Familie ging nach Württemberg, wo sein Vater bald wieder das Forstamt in Balingen übernahm und dort bis zu seinem Lebensende als Oberforstmeister blieb. »Wir haben viel Glück gehabt», fasst Haufe die Kriegs- und Nachkriegszeit zusammen. Wenn er heute mit seiner chilenischen Frau Pilar Pimentel auf dem Sofa im Wohnzimmer seines geräumigen Hauses in Vitacura seinen Lebensweg erzählt, dann kommt immer wieder die Bezeichnung «Glück» vor.

Mit viel Glück – und nicht gerade mit Glanz und Gloria – habe er mit 18 das Abitur gemacht. Dazu fuhr er jeden Tag 17 Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule. «Mein Vater fand, dass die Preußen die bessere Bildung anboten.» Deshalb musste er in den Nachbarort Hechingen fahren. Wenn er darüber nachdenkt, dass er es mit diesem Abitur dann geschafft hat, im Rang eines Regierungsdirektors pensioniert zu werden, findet er, dass dies nur durch «enormes Glück» möglich gewesen sei. «Es ist mir sehr, sehr gut gegangen». Der 80-Jährige sagt das voller Dankbarkeit.

Dabei scheint er selbst ein wenig erstaunt über seine erfolgreiche berufliche Karriere und sein erfülltes Familienleben zu sein. Dass es mit dem Forststaatsdienst nicht klappte, war ja dann auch wieder so ein Glücksumstand: Helmut Haufe kam bis zum Physikum und scheiterte am Numerus Clausus. Deshalb ging er an die Universität Göttingen und machte mit 22 Jahren an der in Hannoversch Münden angesiedelten Forstfakultät seinen Diplom-Forstwirt.

Durch einen Glücksumstand – wie er sagt – kam er dann nach Reinbek bei Hamburg an die Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft, wo er ein Jahr lang Weltforstwirtschaft studierte. Mit dieser Qualifikation wurde Helmut Haufe einer der ersten »Associate Experts» der Bundesrepublik Deutschland. «Der Bundestag hat 1958 deren Einsatz beschlossen. Die Holländer, die Belgier, die Engländer hatten schon längst ihre Associate Experts überall», erzählt er.

 

Einsatz in Lateinamerika und Korea

Mit 25 führte ihn sein erster Auslandseinsatz 1958 nach Brasilien. Eigentlich sollte er ins Amazonasgebiet gehen. «Ich habe auf einer Karte den Rhein, unseren stolzen Rhein, über den Amazonas gelegt. Da war der Rhein so ein kleines Häkchen. ‚Gnade mir Gott‘, habe ich gesagt».

Helmut Haufe kam dann doch nicht ins Amazonasgebiet, sondern in die feudalste Gegend von Rio, und sein Aufgabengebiet lag nicht im Norden, sondern im Bundesstaat Santa Catarina, wo er für die Vermessung der Araukarien zuständig wurde. «Das war wunderschön».

Zwei Jahre blieb Helmut Haufe in Brasilien, wo er ein Entwicklungshelfer-Entgelt von 100 DM monatlich bekam. Anschließend kam er nach Hamburg zurück und lernte seine erste Frau Marion kennen. Sie ging mit ihm mit, als er seinen ersten «richtigen Vertrag» von der FAO, der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen, bekam.

Das war in Honduras, wo sie zusammen vier Jahre lang in Tegucigalpa lebten. «Dort gab es ein Flugzeug für mich, mit dem ich zu den Forstinventuren unterwegs war», berichtet er. Von Honduras ging es nach Guatemala. Dort bekam er es auf der Halbinsel Yucatán mit der hohen Artenvielfalt des tropischen Urwalds zu tun.

1968 kam eine andere große Herausforderung auf ihn zu: Südkorea. Diese Erfahrung ist ihm als die schönste in seiner Laufbahn in Erinnerung geblieben. «Ich war sehr gut vorbereitet», erzählt er. Er lernte Koreanisch und hatte dann auch dort noch zwei Jahre Unterricht in dieser Sprache in einer amerikanischen presbyterianischen Missionarsgruppe. «Ich fühlte mich dort sehr zuhause», sagt er. In Südkorea wurde Hartmut, sein erster von fünf Söhnen geboren. Zudem schrieb er in dort seine Doktorarbeit.

«Neue Impulse zur beschleunigten Wiederbelebung erosionsgefährdeter, dicht bevölkerter Wassereinzugsgebiete in Südkorea», lautete der Titel seiner Dissertation. In seiner Rehabilitation und seiner praktischen Arbeit integrierte er die Sichtweise der heimischen Landbevölkerung. «Damit es auch ankam», sagt er.

 

Wahlheimat Chile

1974 war dann eine Stelle der FAO als Regionalforstbeamter für Lateinamerika und die Karibik, mit Sitz in Santiago de Chile, ausgeschrieben. Helmut Haufe bewarb sich, und Chile wurde seine Wahlheimat. Er lernte seine zweite Frau Pilar kennen, mit der er vier Söhne hat, darunter Zwillinge. Die Betreuung der Kinder war Pilar oft allein überlassen, denn ihr Mann war berufsmäßig permanent in ganz Lateinamerika unterwegs.

Ihre gemeinsamen Söhne sind nun auch schon alle über 30. Zwei von ihnen, Hans Christian und Andreas Felipe, leben in Concepción. Hermann Ricardo lebt in Santiago, und der jüngste Sohn Thomas Santiago lebt zurzeit in Heidelberg in einer schlagenden Studentenverbindung. Für Pilar ist das etwas erschreckend, während ihrem Mann klar ist, dass die Vorfahren väterlicherseits dabei wohl eine Rolle spielen – obwohl Helmut Haufe selbst keiner schlagenden Verbindung angehörte. «Das war damals verpönt», sagt er.

Für das Ehepaar ist Concepción zum zweiten Wohnsitz geworden. Vor zwölf Jahren haben sie an der Laguna Chica in San Pedro de la Paz ein Haus gekauft. Das hat auch damit zu tun, dass der Pensionär in der Nähe von Concepción Landwirtschaft betreibt: Heidelbeeren und Samenzucht von Weißkohl und Mohrrüben.

Wenn er nicht als Landwirt im Süden beschäftigt ist, geht er in Santiago seiner anderen Tätigkeit nach: Kürzlich wurde er zum fünften Mal in den Kirchenvorstand der Erlöserkirche in Vitacura gewählt. Dass er dort gerade ein wichtiges Neubauprojekt mit vorantreibt, deutet er nur an. Davon möchte er mehr erzählen, wenn alles spruchreifer geworden ist.

Das Erdbeben vom 27. Februar 2010 hat das Ehepaar in San Pedro de la Paz erlebt. «Stärke 8,8. ‚Herr, errette uns‘, habe ich gebetet», erzählt Helmut Haufe, der tief gläubig ist. «Man soll die Kraft des Gebetes nicht unterschätzen», sagt er und bezieht sich damit nicht nur auf die traumatische Erfahrung des Erdbebens, sondern ganz allgemein. «Dank der Güte Gottes hat man alles überleben dürfen», fügt er nachdenklich hinzu und denkt dabei sicherlich auch an die Kriegszeiten, die ihn als Kind geprägt haben – mit enorm viel Glück eben.

«Ich fühle mich dieser hohen Frequenz der anormalen Glücksumstände verpflichtet und bin daher im Begriff eine längere Aufzeichnung – sprich Buch – über meine langjährige Arbeit anzufertigen. Vor allem möchte ich die Bedeutung der technischen Entwicklungshilfe im weiteren Sinne klären. Dabei sollen die oft unübersehbaren, aber sehr weitreichenden Ergebnisse der vielen Kollegen zum Ausdruck gebracht werden, die in den zahlreichen Ländern dieses Erdballs gewirkt haben, doch viel zu früh den widerlichen Umständen ihrer neuen Umgebung zum Opfer fielen», sagt Helmut Haufe.

 

Petra Wilken

 

Foto: Für Helmut Haufe war es das Erfolgsrezept eines Entwicklungshelfers, eine Marktnische für Produkte der ländlichen Bevölkerung zu finden und sie dann durch technologische Unterstützung langfristig abzusichern, wie im Falle der Samenproduktion auf Vulkanböden mit kristallinem Grundwasser in Mittelchile. Sie findet Absatzmärkte besonders in Japan und Südkorea.

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