Enno von Schirmeister: «Mein Herz ist in Chile geblieben»

Enno von Schirmeister ist kürzlilch aus Mexiko angereist und hat an einem Ehemaligen-Treffen der Deutschen Schule Santiago teilgenommen. Foto: Arne Dettmann
Enno von Schirmeister ist kürzlilch aus Mexiko angereist und hat an einem Ehemaligen-Treffen der Deutschen Schule Santiago teilgenommen. Foto: Arne Dettmann

 

Zwischen der deutsch-chilenischen Zeitung «Cóndor» und dem deutsch-mexikanischen Mitteilungsblatt «Mitt» gibt es eine erstaunliche Verbindung: Enno von Schirmeister.

 

Von Arne Dettmann

Vor Kurzem reiste Enno von Schirmeister aus Mexiko-Stadt nach Santiago de Chile, um hier am Ehemaligentreffen der Deutschen Schule teilzunehmen. Lang ist´s her, genauer gesagt 60 Jahre, als der Sohn deutscher Einwanderer 1957 die Schule hier abschloss. Seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet er nun in Mexiko. «Doch mein Herz ist in Chile geblieben», erklärt Enno von Schirmeister. Und das liegt nicht nur an den alten Schulkameradschaften, sondern ist außerdem auf sein publizistisches Engagement sowohl in Chile als auch in Mexiko zurückzuführen. Und das kam so:

Enno von Schirmeister wurde 1939 in Berlin geboren, seine Eltern wanderten 1952 nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile aus. Die Wahl erfolgte nicht zufällig, denn sein Vater hatte von 1924 bis 1929 bei der Banco Alemán Transatlántico in Chile gearbeitet.

Und Moritz von Schirmeister war offenbar nicht nur in Zahlen bewandert, sondern hatte auch ein Faible für Buchstaben. Für die Araucania dichtete er das offizielle Burschenschaftslied, für den «Cóndor» verfasste er 1959 einen Essay über die Rongo-Rongo-Schrift der Osterinsel.

Diese Neigung zum Schreiben muss jedenfalls auf den Sohn abgefärbt haben, denn Enno von Schirmeister gründete im Alter von 15 Jahren gemeinsam mit anderen Pennälern die Schülerzeitschrift «Copihue», die bis heute in der Deutschen Schule zu Santiago erscheint – derzeit jährlich, damals sogar jeden Monat. «Das bedeutete zwar viel Arbeit, aber es hat mir auch eine Menge Spaß bereitet.»

Mit Nachhilfestunden verdiente er sich sein erstes Geld und konnte sich eine Olympia-Schreibmaschine zulegen, in die er seine Beiträge tippte. Die Zeitschrift selbst wurde bei der Cóndor-Druckerei der Familie Klaus von Plate gedruckt und über Werbung finanziert. «Ich werde niemals meinen Gang zu Falabella vergessen, um die erste Anzeige reinzuholen.»

Es sollte nicht die letzte journalistische Tätigkeit in seinem Leben bleiben. Nach der Schule absolvierte Enno von Schirmeister eine kaufmännische Lehre bei Ferrostaal in Chile und arbeitet bei den Unternehmen Iansa, Ultramar sowie einem deutschen Spediteur aus Hamburg. Seine berufliche Laufbahn führte ihn dabei zwei Jahre nach La Paz, dank vieler Geschäftsreisen aber letztendlich durch ganz Lateinamerika. Hängen blieb er 1971 schließlich in Mexiko, wo er zunächst bei Volkswagen anfing und dann in die Nahrungsmittelindustrie wechselte. In seiner neuen Heimat lernte er nicht nur seine spätere Ehefrau kennen, sondern auch die deutsch-mexikanische Publikation «Mitt».

«Das Blatt schlummerte Anfang der 90er Jahre in einem Dornröschenschlaf vor sich hin», berichtet Enno von Schirmeister – das reizte ihn, er wurde aktiv mit einem genialen Einfall: Mit den Anzeigeneinnahmen sollte nicht nur die Zeitschrift selbst, sondern auch ein Altersheim für Senioren ohne Geldmittel finanziert werden. «Ich wurde damals für verrückt erklärt: „Wie wollen Sie denn das machen?“» Denn sein weiteres Ziel klang noch überdrehter: Die Auflage sollte von 1.000 auf 5.000 Exemplare gesteigert werden – von nun an mit kostenloser Verteilung und monatlicher Erscheinungsweise anstatt nur alle zwei Monate.

Aber die Rechnung ging glücklicherweise auf. Als damaliger Leiter der Elternschaft an der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Mexiko-Stadt rührte Enno von Schirmeister nicht nur die Werbetrommel, sondern ließ zudem seine zahlreichen Kontakte in der Wirtschaft spielen. Die deutschen Firmen bissen an und beteiligten sich rege über ihre Anzeigen an diesem ambitionierten Kultur- und Wohlfahrtsprojekt. Zu guter Letzt setzte von Schirmeister noch die Schere an und machte aus dem sperrigen «Mitteilungsblatt» nur kurz «Mitt».

Der chilenische «Cóndor» wurde 1938 gegründet, die mexikanische «Mitt» im Jahr 1932 – beide Presseerzeugnisse hält Enno von Schirmeister nach wie vor für sehr wichtig. «Es geht nicht nur darum, die deutsche Sprache aufrecht zu erhalten. Wir leben in einem bi-kulturellen Umfeld. Das Verbindende sollte in den Publikationen betont werden, darunter die Zweisprachigkeit.»

Er selbst sieht sein publizistisches Engagement auch als eine Verpflichtung an, die er den lateinamerikanischen Gastländern gegenüber schuldet. «Ich bin als Flüchtlingskind mit meinen Eltern nach Chile ausgewandert, weil wir praktisch alles verloren hatten.» Mühsam, aber erfolgreich hätte sich seine Familie, die ursprünglich aus Ostpreußen stammt, in Chile eine neue Existenz aufgebaut. «Wir waren mehr als glücklich in Chile.»

Seine polyglotte Prägung ist scheinbar auf seine Kinder übergegangen: Eine Tochter lebt in New York, ein Sohn in London und eine Tochter im mexikanischen Playa del Carmen. So verschieden diese Länder, so verschieden seine Lektüre: Derzeit liest Enno von Schirmeister ein Geschichtsbuch über Stalin und Trotzki, ein Werk über den Mythos Atlantis und eine historische Abhandlung über die chinesischen Handelsverbindungen während der Neuzeit.

Ob er nun selbst auch noch ein eigenes Buch verfasst? «Mit dem Schreiben ist es wie mit einer ersehnten Kreuzfahrt: Man träumt ein Leben lang davon, doch wenn dann endlich die Gelegenheit dazu kommt, ist man zu alt, um die Treppen der Gangway hinaufzusteigen.»

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