Eine weitgereiste Penquista

Hildegart Hofstetter hat als Vorsitzende des Deutschen Frauenkreises in Concepción nicht nur großes ehrenamtliches soziales Engagement bewiesen. Die Deutschstämmige ist auch viel in der Welt herumgekommen.

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Von Arne Dettmann

Typisch deutsch ist es, so sagt man, dass eine Interessensgruppe einen Verein gründet. Typisch deutsch ist aber auch, so ließe sich hinzufügen, dass sie sich uneigennützig für ihre Mitmenschen einsetzen. Auch in Chile künden Hilfsvereine, die diakonische Arbeit der Kirchen, soziale Aktivitäten von Schulen und die Frauenkreise von dieser humanitären Verpflichtung. Einer dieser besagten Frauenkreise ist der von Concepción.
Ihren Ursprung hat diese Institution 1936 in einer kleinen Runde deutscher und deutschstämmiger Frauen, die sich regelmäßig trafen und für arme Kinder strickten. Auch das Altersheim der Robert-und-Else-Krautmacher-Stiftung, die Blindenschule Coalivi, San Vicente de Paul und die kirchliche Einrichtung Piecesitos erhielten Hilfe. Während des Zweiten Weltkriegs halfen sie Familien in Deutschland mit Paketsendungen. «Ich kann mich erinnern, dass auch die Deutsche Schule von Concepción, zu der ich als Mädchen hinging, Sachen nach Deutschland schickte», erklärt Hildegard Hofstetter, deren Mutter viele Jahre Mitglied gewesen war. Sie selbst bekam zunächst den Posten als Kassiererin, den sie drei Jahre lang ausführte, und wurde später Vorsitzende des Círculo de Damas Alemanas, wie der Frauenkreis auf Spanisch heißt. Sie ist es bis heute.
Über selbstgestrickte Schürzen und gebastelte Adventskränze für den Weihnachtsmarkt des Club Concepción sowie gebackene Kuchen und Kekse wurde das Geld für die gemeinnützige Arbeit aufgebracht. Das sei Jahre lang sehr gut gelaufen, erinnert sich Hildegard Hofstetter, doch irgendwann war Schluss. Gegen die Ware aus asiatischer Massenproduktion habe der Frauenkreis keine Chance gehabt, die meisten Mitglieder gaben die Hoffnung auf. Von den ehemals 40 Frauen treffen sich heute noch bis zu 20 regelmäßig, um sich zu unterhalten oder wie früher bei Vorträgen über bestimmte Themen zu diskutieren. Im April stand der deutsche Kreuzer «Dresden» aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Programm, im Mai war es Bertolt Brecht.
Dass der einstige Enthusiasmus, sich sozial zu engagieren, zurückging, habe aber auch andere Gründe, so Hildegard Hofstetter. «Das Leben der Frauen von heute ist viel aktiver geworden als zu meiner Zeit.» Der Beruf, die eigenen Kinder, Ausgehen und Vergnügungen an den Wochenenden – wem bleibt da noch viel Zeit übrig für eine karitative Betätigung?
Doch Hildegard Hofstetter hatte sie. Der Vater der gebürtigen Penquista – wie die Menschen aus Concepción genannt werden – stammte aus dem baden-württembergischen Dielheim bei Heidelberg und arbeitete in einer Firma in Berlin. Als ihm das Unternehmen für ihre Niederlassung in Santiago de Chile einen Dreijahresvertrag anbot, sagte der junge Mann zu – und blieb für immer in Chile. Denn inzwischen war in Europa der Zweite Weltkrieg ausgebrochen.
Ihre Mutter wurde hier in Chile geboren, denn ihr Großvater war als Kristalltechniker aus dem Böhmerwald nach Coronel eingewandert und hatte sich in Llanquihue niedergelassen, wo er Gründungsmitglied des Deutschen Vereins wurde. In Concepción lernten sich Hildegard Hofstetters zukünftige Eltern kennen und heirateten.
Ihre Kindheit und Jugend verliefen ruhig und behütet, wie sie erzählt. In schöner Erinnerung ist das Singen bei einem Chor geblieben, der von Arturo Medina dirigiert wurde und eine Reise nach Buenos Aires organisierte, wo der Chor im berühmten Teatro Colón auftrat. Anschließend fuhren alle nach Uruguay und sangen dort in Montevideo.
In Concepción ging sie bis zur 4. Oberstufe die Deutsche Schule, ein weiterer Besuch war damals noch nicht möglich. Und so musste sie sich zwischen der Nonnenschule und dem Liceo de Niñas entscheiden. Die Wahl fiel aufgrund ihrer Religion – Hildegard Hofstetter ist Protestantin – aufs Liceo. Es seien zwei sehr schöne Jahre gewesen, einige Lehrkräfte waren auch in der Universität tätig. «Mit den Mitschülerinnen ging es immer fröhlich und lustig zu.»
In ihrer Jugenzeit fuhr sie mit Schwester und Freundinnen zur Ferienzeit durch ganz Chile, von Arica bis zu den Torres del Paine. Als ein unvergessliches Erlebnis bezeichnet sie ihre erste Reise nach Deutschland im Juni 1953 mit ihrer Schwester zum Turnerfest in Hamburg. Deutschsprachige aus Argentinien, Uruguay, Brasilien und Chile fuhren auf dem gemieteten Dampfer «Córdoba» in die Hansestadt. Dort wurden sie großartig mit Blaßorchester auf den Landungsbrücken empfangen, werden Journalisten Filmaufnahmen machten. Die Chilenen trugen die Schuluniform von der Deutschen Schule: grauer Rock und dunkelrote Jacken mit Abzeichen, wo Chile draufstand. «Viele Deutsche fragten: `Wo seid ihr her´? Aus Chile? Wieso könnt ihr so gut deutsch sprechen?´ Und unsere Antwort: `Wir haben deutsche Schulen und deutsche Lehrer, und Zuhause wird deutsch gesprochen.´»
Eine Woche lang gab es Aufführungen, Konzerte und ein fantastisches Feuerwerk auf der Alster. Am letzten Tag marschierten die Gäste durch die zentralen Straßen der Stadt, wo sie mit Blumen beschenkt wurden. Bei der Schlussfeier im Stadion schaute Hildegard Hofstetter zur Haupttribühne: Da saß Bundespräsident Theodor Heuss und Bürgermeister Kolb. Da sie einen Filmapparat von ihrem Vetter dabei hatte, hielt sie munter drauf los. Nach kurzer Zeit kam ein Herr zu ihnen und sagte, der Präsident lade sie ein, zu ihm hochzukommen. «Eilig und aufgeregt ging wir Mädels hoch, Theodor Heuss nahm seine Sportmütze ab und setzte sich in Pose, so dass ich ihn gut filmen konnte.» Danach blieb sie zusammen mit ihrer Schwester und einer Freundin neben dem Bundespräsidenten und verfolgte von dort aus die Abschiedsfeier.
Nach dem Schulabschluss in Mathematik und Chemie wollte Hildegard Hofstetter Architektur studieren, doch leider wurde diese Fachrichtung nur in Santiago angeboten. Ihrem Vater behagte es nicht, dass die Tochter ganz alleine in der Großstadt, ohne Bekannte und Verwandte, leben würde. Und so blieb sie in Concepción. «Und was die Eltern sagen, das ist richtig. Damals hatte man als junge Frau noch nicht das nötige Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen.»
Durch Zufall wurde ihr eine Arbeitsstelle im Pathologischen Institut der Universität Concepción angeboten, das damals vom deutschen Professor Ernst Herzog gegründet und geleitet wurde. Während ihrer Zeit wurde sie als Vertreterin der Asociación del Personal Docente y Administrativo ins Direktorium gewählt. Auch die turbulente Zeit unter der Regierung Allende erlebte sie an der Hochschule mit.
Als sie 50 war, machte die Universität im Jahr den Mitarbeitern, die 30 Jahre und länger an der Uni tätig waren, ein finanziell großzügiges Angebot einer Pension. Hildegard Hofstetter hatte mit 19 Jahren an der Hochschule begonnen. Und so nahm die Ruhestandsregelung an.
Doch ruhig sollte es nicht um sie werden, da sie schon mehrere Jahre ein Haus und eine Wohnung ihrers Schwagers verwaltete. Der Ehemann ihrer Schwester war im diplomatischen Dienst tätig und mit seiner Familie zur deutschen Botschaft nach Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, versetzt worden.
Dort besuchte sie dreimal ihre Familie und bereiste zudem Mittelamerika. Später arbeitet der Diplomat in Bonn, so dass Hildegard Hofstetter häufig nach Deutschland fuhr. Doch sie lernte auch Südafrika, Russland, Ägypten, die Türkei und Marokko kennen.
Von all diesen touristischen Ausflügen brachte sie Souvenirs mit. Und so stehen in ihrem Wohnzimmer neben schönen altdeutschen Bierkrügen auch eine handgeschnitzte Maya-Stele aus Mesoamerika sowie ein afrikanisches Straußenei.
Deutschland sei angenehmes Land zum leben und habe viele schöne Ecken, so Hildegard Hofstetter. «Doch musste ich auch immer an Concepción denken.» Und so nützte es auch nichts, dass die mittlerweile verstorbene Schwester einmal zu ihr sagte, sie möge doch alles in Concepción verkaufen und zu ihr nach Deutschland ziehen. Ihre Antwort damals: «Nein, ich bleibe bei meinen Huasitos chilenos. Hier fühle ich mich zu Hause.»

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