Eine Überfahrt in die Vergangenheit

Susana Baron, Autorin einer autobiografischen Familiensaga

Susana Baron in der Neuen Galerie in Kassel neben einer Statue ihres Ururgroßvaters Carl Friedrich Echtermeier.
Susana Baron in der Neuen Galerie in Kassel neben einer Statue ihres Ururgroßvaters Carl Friedrich Echtermeier.

 

«Martin konnte sich nie erklären, was genau passiert war. Ob er zu viel getrunken und zu wenig gegessen hatte, oder ob der Tabak, den sie ihm angeboten hatten, zu stark gewesen war; das einzige, was er klar hatte, war, dass er von dem verdammten Schiff, auf dem er aufgewacht war, nicht mehr fliehen konnte.» So beginnt Susana Baron die Geschichte ihres Ururgroßvaters Martin Friedmann um 1850 in der autobiografischen Familiensaga «Una travesía al pasado» (auf Deutsch «Eine Überfahrt in die Vergangenheit»).

 

Von Petra Wilken

Man könnte nun meinen, dass Martin Friedmann einen leichtlebigen Charakter hatte und deshalb in Bremerhaven auf ein Schiff geriet, das ihn an der chilenischen Küste im wahrsten Sinne des Wortes an Land spülen sollte. Doch das war der junge Mann aus der Gegend um Koblenz ganz und gar nicht. Er war vielmehr aufrichtig und fleißig. Zusammen mit sieben Geschwistern hatte er eine behütete Kindheit in einer Bauernfamilie genossen und seine Ausbildung als Schreinermeister abgeschlossen. Die Zeiten waren schwierig, Deutschland in sozialer Aufruhr, die Revolution von 1848 gescheitert, und der junge Martin suchte sein Glück – wie so viele – anderswo.       

In Valparaíso baute er sich eine Schreinerei auf, die bald florierte. Die wichtigste Hafenstadt im Südpazifik wuchs schnell, und besonders die deutschen und englischen Inmigranten schätzten die hervorragende Arbeit des Schreinermeisters. Eines Tages lernte er auf der Straße Carmen Arriagada kennen, die Tochter aus einer gutsituierten Familie spanischer Herkunft. Er verliebte sich auf der Stelle und begann die kokette Chilenin vorsichtig zu umwerben. Carmen jedoch zögerte nicht lange und küsste ihn frech. Die beiden heirateten und bekamen sechs Kinder.

Das Buch von Susana Baron liest sich spannend wie ein historischer Roman. Die detaillierte Beschreibung der Charaktere und die Einbettung ihrer Schicksale in die geschichtlichen Ereignisse und sozialen Umstände ihrer Zeit machen es unterhaltsam und vermitteln menschliche Nähe. Vieles klingt so abenteuerlich, dass der Leser meint, es sei erfunden. Denn woher weiß die Autorin, wie es war, als ihre Ururgroßeltern sich verliebten?

Sie weiß es von ihrer Mutter, die vor ihrem Tod die Geschichte ihrer Vorfahren handschriftlich aufzeichnete. Sie fand sie zu bedeutsam, als dass sie in Vergessenheit geraten sollte. Denn mit Martin Friedmann fängt die Familiensaga gerade erst an. Susana Baron war knapp 70, als sie begann, das Material zu sichten und daraus einen autobiografischen Roman entstehen zu lassen.

Im Juni 2016 lag er gedruckt vor. Dass sie mal ein Buch schreiben würde, hätte sich die gelernte Sekretärin nie träumen lassen. Die Aufsätze, die sie als Schülerin aufbekam, schrieb ihre Mutter für sie – so lange, bis die Lehrerin dahinterkam. Wenn man so will, haben sie und ihre Mutter die Familiensaga gemeinsam geschrieben. Ihre Mutter lieferte die Beschreibungen der Helden und Heldinnen, und sie recherchierte die Einzelheiten der geschichtlichen Rahmenbedingungen.      

Martin Friedmann hatte kein Glück mit Carmen. Nachdem das sechste Kind geboren wurde, traf er sie hoch zu Ross mit einem Kavallier an. Kurz darauf war sie verschwunden. Niemand hat sie je wiedergesehen. Fünf der Kinder starben an einer Pest. Dem verbitterten Martin blieb nur eine einzige Tochter – Margarita. Sie heiratete den deutschen Einwanderer Romulus Echtermeier. Er wiederum war das schwarze Schaf in seiner Familie: Sein Vater Carl Friedrich Echtermeier war ein bekannter Bildhauer aus einer altehrwürdigen Familie, seine Mutter Therese Stubenrauch von Alvensleben stammte aus aristokratischer Familie. Der Sohn Romulus wurde aufgrund seines rebellischen und unsteten Charakters ins Militär gesteckt. Das Ergebnis: Er desertierte und schiffte sich 1890 nach Südamerika ein.

Zusammen mit seiner Frau Margarita und dem Schwiegervater Martin ging er etwa 1898 nach Deutschland zurück, da es dort zu einer Amnestie für Deserteure gekommen war und er nicht mehr verfolgt wurde. Das Ehepaar bekam vier Kinder, der Sohn Heriberto, der noch in Chile geboren worden war und Tito genannt wurde, heiratete dort eine Jüdin. Aus ihrer Ehe ging Carmen hervor, die Mutter von Susana Baron. Als sich die Judenverfolgung 1938 zuspitzte, flohen Susanas Großmutter Elsa Schwersenz und ihre Mutter Carmen, die erst 21 Jahre alt war, nach Argentinien. In Buenos Aires kam 1944 Susana zur Welt. Ihr Vater Max Girgulsky war ebenfalls deutscher Jude. Er war Profifußallspieler bei Eintracht Frankfurt gewesen.        

Susana und ihr Bruder Rony Girgulsky wuchsen in Buenos Aires auf. «Ich habe dann nach Chile geheiratet. Und damit hat sich ein Kreis geschlossen», erzählt Susana Baron. Sie hat, wie es damals in Argentinien üblich war, den Familiennamen ihres Mannes angenommen. Und sie ist mit ihm 1964 nach Chile gegangen. Ihre Mutter, die immer nach Chile wollte, kam mit. Sie war glücklich, dass sich im Alter von 76 Jahren der Wunsch erfüllte, in das Land ihres Urgroßvaters Martin zu kommen, den sie als Kind sehr geliebt hatte.

Das Ehepaar Baron betrieb ein bekanntes Pelzgeschäft in Santiago. «Ich habe zwei Söhne, sie sind 49 und 41 Jahre alt, und vier Enkel», erzählt Susana Baron in fließendem Deutsch im Gespräch mit dem Cóndor. Sie seien alle Chilenen, meint sie. Sie selbst jedoch fühlt sich als Europäerin. «Ich bin in einem europäischen Haus groß geworden. Wenn ich nach Deutschland komme, fühle ich mich zuhause», sagt sie.

Auf den Spuren ihrer Vorfahren ist sie mehrmals nach Deutschland geflogen. Auf einer Reise 2015 besuchte sie die Neue Galerie in Kassel, ein Galeriegebäude, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und dessen Wiederaufbau erst 2011 abgeschlossen wurde. Dort sind zahlreiche bedeutende Marmorskulpturen, wie die «Länder der Kunst», ihres Ururgroßvaters Carl Friedrich Echtermeier erneut ausgestellt worden.

Bei ihren Recherchen erfuhr sie, dass es unter ihren Vorfahren einen weiteren bekannten Künstler gab. Curt Echtermeier (1896 bis 1971), Sohn von Romulus und Margarita, war surrealistischer Maler. Da seine Kunst während der Nazizeit als entartet galt, schickte er seine Gemälde in die USA. Susana erfuhr, dass es 2014 eine Ausstellung mit seinen Werken in Berlin gab und lies sich einen Katalog schicken. Seine Kunst inspirierte sie zu einer Kurzgeschichte mit dem Titel «Encuentra a mi musa», der 2014 den zweiten Preis eines Wettbewerbs der Gemeinde Las Condes gewann. 

Seit einigen Jahren besucht Susana Baron Kurse für Literatur und autobiografisches Schreiben. Das Resultat – «Una travesía al pasado» – ist für sie ein Buch über Migration und Respekt. «Mein Urgroßvater Romulus war Protestant, seine Frau Margarita Zeit ihres Lebens sehr gläubige Katholikin. Die beiden haben sich mit der jüdischen Schwiegertochter und Mutter sehr gut verstanden. Alle haben sich respektiert», so die Autorin. Das Manuskript schickte sie an mehrere Verlage, und drei waren bereit, es zu veröffentlichen. Sie wählte den Verlag Puerto de Escape aus Valparaíso aus, weil sich damit für sie wieder ein Kreis schloss. Der Ort, an dem die Geschichte begann.

 

Susana Baron: Una travesía al pasado. Puerto de Escapes, Chile 2016. ISBN 978-956-8648-45-9. Das Buch ist als Familiengeschichte deutscher Einwanderung nach Chile im Emil-Held-Archiv des Deutsch-Chilenischen Bundes aufgenommen worden. E-Mail: susybaron@gmail.com

 

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