Eine sanfte Hand in der Zahnarztpraxis

Arthur Weller war der Sohn eines Hamburger Kapitäns, der für die deutsche Handelsmarine tätig war. Er fuhr zwischen Indien, China und Amerika über die Ozeane und schloss für seine Reederei die Geschäfte mit den einzelnen Partnern auf den verschiedenen Erdteilen ab. Arthur konnte nicht zur Schule gehen, da er auf dem väterlichen Schiff lebte, was jedoch für den tüchtigen jungen Mann keine Behinderung war, sich zu bilden und für das Arbeitsleben gut vorzubereiten.

Hanni Weller: «Wir waren der Ansicht, dass Kinder beim Zahnarzt anders behandelt werden müssen als Erwachsene»
Hanni Weller: «Wir waren der Ansicht, dass Kinder beim Zahnarzt anders behandelt werden müssen als Erwachsene»

Als während einer Reise Arthur Weller nach Valdivia kam, heiratete er eine Tochter Otto Roepkes. Dieses Paar waren die Großeltern Hanni Wellers. Ihr Vater, Bruno Weller, besaß ein Patent, um aus Apatit Phosphat für die Landwirtschaft zu gewinnen. Den Apatit ließ er aus Bergwerken in der Nähe von Coquimbo schürfen, und das fertige Produkt vertrieb die Firma Saavedra Benard.

Arthur Weller hatte Erfolg und Prestige. So kam es, dass die Reichsregierung ihn zum deutschen Konsul für die Provinz Coquimbo ernannte. Hanni war damals ein Kind. Sie erinnert sich jedoch lebhaft an diese Zeit: «Während des Zweiten Weltkrieges kam er auf die berüchtigte schwarze Liste. Er konnte seine Produktion nicht mehr verkaufen, weil jeder Abnehmer ebenfalls darauf gekommen wäre, was zur Folge hatte, dass er seine Fabrik schließen musste».

Hanni war noch während der Valdivianer Zeit ihrer Eltern in der Stadt am Calle-Calle geboren. Als sie nach Coquimbo zogen, beschlossen sie, dass die Kinder in Santiago blieben, da in der nördlichen Stadt keine Deutsche Schule vorhanden war.

Hanni war um die fünf Jahre alt, als ihre Mutter des Nachmittags ihrem älteren Bruder bei den Hausaufgaben half. Das Mädchen hörte täglich aufmerksam zu, weshalb es vorzeitig lesen lernte. Als Hanni in der Deutschen Schule Los Leones immatrikuliert werden sollte, meinte die Lehrerin, die ihre Mutter zum Gespräch empfing: «Sie wird sich in der ersten Klasse langweilen. Warum schicken Sie sie nicht auf eine andere Schule, wo sie noch eine zusätzliche Sprache lernen muss?» So kam es, dass Hanni auf die Santiago College kam.

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Das Mädchen war eine gute Schülerin. Hannis Vater kam alle 14 Tage mit dem Schiff von Coquimbo zu Besuch. Um ihm etwas entgegenzukommen, zog seine Familie nach Viña del Mar, «und so kam ich in die Deutsche Schule von Valparaíso».

Dieses Institut folgte dem deutschen Realschulsystem, sein Abitur war somit für die chilenischen Hochschulen nicht gültig. Das passte Hanni und ihren Eltern nicht ins Konzept, da sie sich auf jeden Fall beruflich ausbilden lassen wollte.

 

Aufbruchsstimmung bei den Italienern

Daher erkundigten sie sich nach Alternativen. Sie kamen auf die Italienische Schule, in die Hanni alsbald wechselte: «Diese ungewohnte Atmosphäre in der neuen Schule hat mir gut getan. Die Italiener waren vor Kurzem eingewandert und die Eltern der Schüler waren tüchtige Leute. Sie betrieben Kaufläden, Bäckereien und taten ihr Bestes, damit ihre Kinder vorwärtskamen».

Livio Paolinelli, einer ihrer Klassenkameraden, meinte, er wolle Medizin studieren. Das imponierte Hanni nicht wenig, weshalb sie nach einigem Überlegen zu dem Schluss kam: «Das möchte ich eigentlich auch». Heute fügt sie hinzu: «Wenn ich die Deutsche Schule besucht hätte, wäre ich gar nicht auf so einen Gedanken gekommen, weil es einfach keine Stimmung dazu gab. Eltern, Lehrer und Schüler waren wegen dem Krieg sehr deprimiert».

Als sie dem Vater ihren Berufswunsch vortrug, war dieser davon nicht besonders angetan. Man müsse als Arzt Schichtarbeit leisten, das sei nichts für Frauen. «Möchtest du nicht lieber Zahnheilkunde studieren?», fragte er sie. Hanni bejahte, ohne lange zu überlegen. Damals erteilten in Chile lediglich zwei Hochschulen dieses Fachgebiet: die Universidad de Chile in Santiago und die Universidad de Concepción.

Hanni hatte einen Freund und ihr Vater befürchtete, dass sie das Studium vernachlässigen würde, wenn sie in Santiago bliebe. Also auf nach Concepción. Die Ausbildung war hervorragend. Bemerkenswert für diese Zeit ist, dass fast ein Drittel ihrer Klassenkameradinnen ebenfalls Frauen waren.

Hanni Weller hatte beim Studium Erfolg. Im vorletzten Jahr war sie überrascht, als sie von Professor Behn das Angebot erhielt, ihr Staatsexamen mit ihm auszuarbeiten. Das war ein ehrenvoller Antrag, der ihr signalisierte, wie hoch man sie in akademischen Kreisen schätzte. Nachdem sie das Studium beendet hatte, erhielt sie den Universitätspreis – sie  hatte jedes Jahr die besten Leistungen ihrer Klasse erbracht.

Die junge Zahnärztin kehrte nach Santiago zurück, um ihren Beruf auszuüben. Ihr erster Arbeitgeber war die Escuela Dental der Universidad de Chile. Hier freundete sie sich mit einigen Kolleginnen an: «Wir waren der Ansicht, dass Kinder beim Zahnarzt anders behandelt werden müssen als Erwachsene». Es war im Jahr 1951. Die jungen Zahnärztinnen gründeten die Sociedad Chilena de Odontopediatría, von der Hanni Weller heute Ehrenmitglied ist.

Es ging den Gründerinnen darum, den Kindern die Angst vor der Behandlung zu nehmen. «Wer hat denn keine Angst vor dem Zahnarzt?», lacht Hanni Weller, als sie sich daran erinnert. Parallel zur Arbeit an dieser Einrichtung eröffnete sie eine Privatpraxis, schaltete im Cóndor eine Anzeige und alsbald füllte sich ihr Wartesaal mit Patienten der deutsch-chilenischen Gemeinschaft.

Hier lernte sie den Militärattaché der Deutschen Botschaft kennen. Dieser Beamte war mit ihrer Arbeit dermaßen zufrieden, dass er sie überredete, in Deutschland ihr Glück zu versuchen, es bestünde eine große Nachfrage nach guten Zahnärzten. Er stellte ihr sogar die nötigen Kontakte her.

Sie packte die Gelegenheit beim Schopf und reiste nach Deutschland: «Es gab dort einen großen Nachholbedarf. Durch den Krieg hatten die Leute ihre Zahnpflege vernachlässigt, es gab viel zu tun!»

 

Aller Anfang ist schwer

Hanni Weller hatte damals bereits zwei erwachsene Söhne. Der eine wollte in Chile bleiben, um Architektur zu studieren, und der andere war am Hotelfach interessiert. Dazu war eine Ausbildung in Europa willkommen. Daher reiste sie mit Esteban nach Deutschland.

Hanni begann als Assistentin: «Das war nicht einfach», erzählt sie, «mein Chef war ein älterer Herr, der an der Aseptik kein Interesse hatte». Einmal sagte er ganz offen: «Ich war im Krieg – da haben wir nie sterilisiert». Die Lage war denkbar unangenehm: Zum einen war der Mann ihr Chef, und zum anderen wollte und konnte sie natürlich nicht Hals über Kopf auf die erlernten Hygiene-Prinzipien verzichten. Sie hatte Glück: In Großmehring, acht Kilometer östlich von Ingolstadt, war eine Zahnarztstelle frei geworden. Hanni Weller meldete sich und erhielt sie. Das war ihr erster Schritt zur beruflichen Unabhängigkeit. Nun sollte es rapide aufwärts gehen. Ihre entgegenkommende Art sprach sich schnell herum, sie blieb acht Jahre, bis die Chile-Nostalgie so intensiv wurde, dass sie sich zur Heimkehr entschloss.

In Chile angekommen, trat sie beruflich etwas leiser. Sie arbeitete bis zum Pensionierungsalter drei Tage pro Woche. Heute genießt sie zusammen mit ihrem Ehemann Peter Klinger ihre Freizeit. Sie spielt Golf, ist musikbegeistert – was sie der Italienischen Schule zu verdanken hat, versichert sie – und geht oft ins Konzert.

Auf die Frage, ob sie ihr Leben genauso organisieren würde, wenn sie wieder auf die Welt käme, antwortet sie: «Ich würde vieles wahrscheinlich genauso machen. Mein Beruf hat mir Spaß gemacht. Meine ehemaligen Patienten begrüßen mich heute noch und erinnern sich an meine zarte Hand – nach 40 Jahren! Das macht doch Freude, oder?»

 

Von Walter Krumbach

 

 

 

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