Ein Nordlicht für Bayern unterwegs

Dass sie mal den Freistaat Bayern in Chile repräsentieren würde, hätte Pamela Valdivia vorher auch nicht gedacht. Als Nordlicht in Bremen aufgewachsen, war für sie Bayern immer weit weg. Seit 2012 ist sie nun die Vertreterin der Auslandsrepräsentanz des Bayerischen Wirtschaftsministeriums für die Länder Argentinien, Chile, Kolumbien und Peru mit Sitz in Santiago in den Büros der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal).

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Pamela Valdivia ist tatsächlich in Valdivia geboren. Ihr Vater hatte Schiffsbauingenieur an der Universidad Austral in Valdivia studiert. «Es gibt mehrere Bereiche, in denen chilenisches Know-how im Ausland nachgefragt wird», erklärt Pamela Valdivia. «Eines sind die chilenischen IT-Experten, die für Silicon Valley Apps fürs I-Phone entwickeln und das andere sind die in Valdivia ausgebildeten Schiffsbauingenieure», erzählt sie stolz. So hat ihr Vater eine Anstellung bei der AG Weser, einer großen Werft in Bremen angenommen, als sie drei Jahre alt war.

«Deutschland ist mein Heimatland», sagt Pamela Valdivia und verbessert sich gleich: «Eines meiner beiden Heimatländer». Sie empfindet jedoch, dass das Heimatland ihrer Kindheit sie sehr geprägt hat. «Ich bin quadratisch und pünktlich», meint sie. «Quadratisch darf man natürlich nicht sagen. Strukturiert trifft es gut». Pamela Valdivia ist für ihre direkte und offene Art bekannt. Deutsche Vorfahren gäbe es in ihrer Familie nicht. «Wir Chilenen sind ein aus vielen Rassen gemischtes Volk. Ich habe bestimmt Mapucheblut», meint sie und zeigt auf ihre hohen Wangenknochen. «Meine Oma hieß Moya, sah aber sehr indianisch aus». Dass sie «indianisch» sagt und nicht nach anderen politisch korrekten Umschreibungen sucht, ist vermutlich auch noch auf ihre Bremer Zeit zurückzuführen.

 

Von Bremen nach Valdivia

Pamela Valdivia wohnte bis zu ihrem 14. Lebensjahr in Bremen, wo sie auf eine Gesamtschule ging. 1985 bekam ihre Mutter Heimweh, und sie gingen nach Valdivia zurück. Da sie kein Spanisch konnte, musste sie die 8. Klasse wiederholen. «Das war sehr schwierig, da die Jugendlichen in Bremen mit 15 schon sehr viel erwachsener waren als hier. In Deutschland hatte man mir beigebracht, dass ich immer eine Meinung haben sollte. Ich musste sie nur gut begründen können. Und hier hatte der Lehrer immer recht», erinnert sie sich.

Im «primero medio» kam sie jedoch schon nach Santiago, wo sie den Wirtschaftszweig der Deutschen Schule in der Straße Antonio Varas besuchte. Nach der Schule studierte sie Übersetzung Deutsch-Englisch-Spanisch an der Universidad Católica. «Dieser Studiengang wurde danach eingestellt», berichtet sie, «denn es ist sehr schwer, eine gute Anstellung als Übersetzerin zu bekommen». Früher hätten Firmen wohl ausgebildete Übersetzer eingestellt, doch als sie mit der Uni fertig war, gab es für diese keinen Markt mehr. So machte sie einen Master in Internationalen Handelsbeziehungen im Abendstudium und bekam ihre erste Anstellung bei der bayerischen Firma Multivac als Assistentin des Geschäftsführers und anschließend bei Thyssen Krupp.

Ihr Traum war jedoch, bei der Camchal zu arbeiten. Tatsächlich kam irgendwann der Anruf von der Auslandshandelskammer. «Es war jedoch der denkbar schlechteste Moment», erinnert sich Pamela Valdivia. «Ich war hochschwanger und kurz vor der Niederkunft». Die Kammer hat sie trotzdem zum Vorstellungsgespräch eingeladen, und sie bekam den Job. Wenn sie daran denkt, ist sie noch immer gerührt: «Sie haben tatsächlich drei Monate auf mich gewartet».

Das war 2004. Sie wurde zuerst als Assistentin für die kommerziellen Dienste eingestellt und später Leiterin des Kompetenzzentrums für Innovation und Nachhaltigkeit. Zu diesem Zeitpunkt begann eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit der Geschäftsführerin Cornelia Sonnenberg. «Wir waren der Brutkasten für viele neue Projekte», beschreibt Pamela Valdivia diese Arbeit. So haben sie zum Beispiel den Weg für die Ansiedelung des Fraunhofer Instituts in Chile gebahnt.

Sie verließ die Camchal, weil ihr eine Position angeboten wurde, die zu verlockend war: Sie wurde Leiterin der Industrieabteilung in der Nationalen Direktion von ProChile und zog in ein Büro im früheren Hotel Carrera, welches das chilenische Außenministerium für sich hatte umbauen lassen. Ihre Aufgabe war es, kleine und mittelständische Firmen dabei zu unterstützen sich für den Export zu qualifizieren. «In Chile gibt es zum Beispiel im Forstsektor drei große Exportunternehmen, und 85 Prozent des Marktes sind kleine und mittelständische Unternehmen, von denen viele nicht an Export denken». Die Großen müssen aber ihre Wertschöpfungskette für viele Märkte zertifizieren, was die Kleinen in potenzielle oder indirekte Exporteure verwandelt.

Bei ProChile habe sich die Welt für sie geöffnet, meint Pamela Valdivia. «Dort habe ich die Märkte sehr gut kennengelernt. Eine gute Schule für jeden, der im Exportgeschäft tätig sein will.» Dennoch hat sie diese Arbeit wieder gekündigt. «Präsident Piñera hat bei Amtsantritt gesagt, seine Beamten würden ’24/7′ arbeiten, also rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Er meinte das ernst», sagt sie. Da sie verheiratet ist und zwei Kinder hat, wurde ihr die Belastung zu hoch, und sie tauschte ProChile gegen die Universidad del Desarrollo, wo sie für die Mention Innovation in drei Studiengängen zuständig war.

 

Im Auftrag von Bayern

Bis wieder ein Anruf von der Camchal kam. Diesmal um sie auf die Stellenausschreibung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie aufmerksam zu machen. Der Freistaat hat seit Mitte der 90er Jahre weltweit mehr als 20 Auslandsrepräsentanzen geschaffen. Sie helfen Unternehmen bei der Erschließung neuer Exportmärkte oder beim Auf- und Ausbau von Vertriebsstrukturen im Ausland. Andererseits werben sie für den Hightech-Standort Bayern. Kein anderes Bundesland hat ein so enges Netz von Auslandsvertretungen. Der Freistaat kann auch in europäischen Krisenzeiten alljährlich Exportrekordzahlen vermelden.

Bayerische Exportschlager sind Fahrzeuge, Maschinen, chemische Erzeugnisse und – leicht rückläufig – elektrotechnische Erzeugnisse. Die wichtigsten Märkte sind die USA und China, wobei die asiatischen Schwellenländer inzwischen große Bedeutung für bayerische Produkte erlangt haben. Die Bayern ruhen sich jedoch nicht auf diesen Lorbeeren aus, sondern erobern auch in den anderen Kontinenten neue Märkte. So gab es schon länger Wirtschaftsrepräsentanzen in Brasilien und Mexiko.

Nun ist es die Aufgabe von Pamela Valdivia, klein- und mittelständische Firmen aus Bayern dabei zu beraten, wenn sie in Argentinien, Chile, Kolumbien oder Peru aktiv werden wollen. «BMW, Adidas oder Puma brauchen uns nicht», erklärt sie. Die sogenannten KMU, die kleinen und mittelständigen Unternehmen jedoch müssen gut beraten sein, wenn sie sich auf einen neuen Markt wagen. «Auch dem Team bei ProChile habe ich immer wieder gesagt: ‚Ein großes Unternehmen kann ein Jahr auf eine Zahlung warten, ein kleines kann es nicht‘.». Die hohe Verantwortung, die sie bei ProChile empfunden hat, ist auch jetzt wieder eine Selbstverständlichkeit für sie.

Im Gegensatz zu den aufstrebenden Wirtschaften von Peru und Kolumbien sei Chile bereits ein reifer Markt. So gibt es in Bayern einen bedeutenden Chemiecluster, der sich für Chile interessieren würde und Technologie für die Bergbauindustrie anbieten könne. Pamela Valdivia freut sich schon auf ihre nächste Reise nach Deutschland, wo sie Sprechtage bei den Industrie- und Handelskammern in Bayern anbieten wird, um für ihre vier Länder in Lateinamerika zu werben. Vielleicht kann sie sich dann auch mit ihrer Schwester und ihrem Bruder treffen, die Deutschland als erstes ihrer beiden Heimatländer gewählt haben. Auch sie sind inzwischen keine reinen Bremer Nordlichter mehr.

 

Petra Wilken

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