Ein Herz für Chiles Süden

Im August 1989, kurz bevor in Europa die Mauern zu bröckeln begannen, kam er in Deutschland an. Juan Pablo Hess war in Chile von einer multinationalen Firma angestellt worden, die seinen chilenisch-deutschen Hintergrund wahrnahm. So konnte er die Gelegenheit nutzen, im Land seiner Vorfahren zu arbeiten.

Juan Pablo Hess wählte einen ungewöhnlichen Berufseinstieg: die Hundefutterherstellung. Heute ist er im Firmen-Consulting tätig.

«Ich bin größtenteils in Ostdeutschland tätig gewesen», berichtet er, «wo ich zum Beispiel mit den sogenannten Eröffnungsbilanzen beschäftigt war». Es waren die ersten Aufrechnungen, «die nach westlichen Maßstäben erstellt wurden».

Hess hatte als junger Student erfasst, wie wichtig es für die berufliche Entwicklung ist, im Ausland Arbeitsmethoden zu beobachten oder möglichst an ihnen teilzunehmen. Dies, stellte er fest, ist nicht nur auf dem Wirtschaftsgebiet von Nutzen: «Mein Großvater war zum Beispiel drei Jahre vor dem Krieg im Austausch bei der Luftwaffe, was für seine Laufbahn von grundlegendem Wert war».

Hess erachtet seine beruflichen Jahre in Deutschland als einen Glücksfall, da er ab der Stunde null erleben durfte, wie die damalige DDR mit der Bundesrepublik vereint wurde. Es fiel ihm auf, dass vor der Wende die Unternehmen mit politischen Gesichtspunkten geleitet wurden. «Danach kam eine wichtige Gruppe, das waren die Techniker, die dafür sorgten, dass alles funkte. Aber die Verwaltung war ziemlich primär», betont er, «weil die Leute keine Erfahrung hatten, ihre Produkte unter normalen Marktbedingungen auszutauschen».

Die Erzeugnisse wurden innerhalb Deutschlands oder Osteuropas verkauft, «und als sie sich mit dem Markt und dem Konkurrenzkampf konfrontiert sahen, schrumpfte ihr Arbeitsvolumen gehörig». Ein anderes Kapitel war die Verwaltung, «wo niemand sich darum kümmerte, ob rechtzeitig die Überweisungen eingingen, weil es so gut wie egal war, ob gezahlt wurde oder nicht».

 

Übergang voller Stress

Der Übergang zum westlichen System «verursachte den Leuten einen extrem starken Stress. Ein Verwaltungs- und Finanzenleiter etwa hat sich zurückgezogen und nahm sich nach einiger Zeit das Leben. Sicherlich hatte er auch andere schwere Probleme außer seiner fehlenden Erfahrung mit dem westlichen Finanzsystem. Aber es war schon eine sehr schwere Epoche».

Dazu kam, dass in dieser Umwälzungsperiode im Inneren der Organisationen Rädelsführer der ehemaligen DDR-Methodik ihr Unwesen trieben, «die sich zu dem neuen, dem ‚kapitalistischen’ Modell, wie sie es nannten, sehr skeptisch äußerten». Juan Pablo Hess fiel außerdem auf, «dass die Organisationen viele Leute beschäftigten, die extrem unproduktiv waren, wie etwa Alkoholiker, die zwar unter Vertrag waren, aber nicht arbeiteten. Es wurden soziale Probleme durch das Unternehmen auf eine Art gelöst, an die unsereiner nicht gewöhnt war». Hess betont, dass «die Menschen sehr gütig und offen, manchmal unschuldsvoll waren und von gewissen Leuten aus dem Westen ausgenützt wurden. So entstanden manchmal bedauernswerte Schwierigkeiten».

Juan Pablo Hess’ Vorfahren leben seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Chile. Wilhelm Hess ließ sich am Llanquihue-See, nahe bei Playa Maqui nieder, um Landwirtschaft zu betreiben. Nach einigen Jahren gab er den Ackerbau auf, zog mit seiner Familie nach Osorno und gründete einen Kaufladen. «Dieses Geschäft hat sich über viele Generationen gehalten«, erzählt Juan Pablo Hess stolz. «Noch heute leitet nach über 150 Jahren ein Onkel von mir den Betrieb».

Juan Pablo wuchs ebenfalls in der Stadt am Rahue und am Damas auf, wo er die Deutsche Schule besuchte. «Ich hatte das Glück, ausgezeichnete chilenische und deutsche Lehrer zu haben», erinnert er sich. «Dazu kam, dass ich von meinen Eltern und Großeltern in der Berufswahl ganz hervorragend orientiert wurde». So kam es, dass er sich vor Oberstufenabschluss zum Studium des Wirtschaftsingenieurwesens entschied, was er nie bereut hat.

Seine Ausbildung erfolgte an der Universidad Católica in Santiago. Der erste Job war keine Anstellung, sondern eine Partnerschaft, an der außer ihm ein Onkel und ein paar Freunde beteiligt waren. Sie stellten Hundefutter her. «Nach einer gewissen Zeit mussten wir größere Investitionen vornehmen und hatten nicht die Mittel dazu», schmunzelt Hess, «und just bot sich mir die Gelegenheit, bei Langton Clarke einzusteigen». Das erste Projekt, an dem er in dieser internationalen Firma mitarbeitete, bedeutete ihm, Ende der 1980er Jahre nach Deutschland zu reisen und die Umwälzungen im mitteleuropäischen Raum nicht nur als privilegierter Zeuge, sondern auch als aktiver Teilnehmer mitzuerleben.

Nach dieser dreijährigen Deutschland-Erfahrung kehrte er nach Chile zurück. Hess blieb bei Langton Clarke. Sein Erfolg wurde belohnt: Vor 20 Jahren erhielt er das Angebot, als Mitglied in das Unternehmen einzusteigen. Heute arbeitet er für Ernst & Young, nachdem sein einstiger Betrieb mit diesem Konzern fusionierte. Da Hess in Deutschland für verschiedene deutsche Unternehmen, die in Chile tätig waren, Rechnungsprüfungen durchgeführt hatte, konnte er nun auf diese Kontakte zurückgreifen, was ihm «ein nicht zu unterschätzendes Kundenportfolio bescherte».

Ernst & Young ist heute eine Unternehmensberatung und ein Buchprüfungsbetrieb. Er berät bei Steuer-, Risiko- und Managementangelegenheiten: «Wir versuchen, unseren Kunden bei all jenen Problemen, die auf finanziellem Gebiet auftreten, zu helfen». Das ist in der heutigen globalen Welt eine vielschichtige Aufgabe. Juan Pablo Hess gibt hierzu seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Universitätsausbildung von grundlegender Bedeutung ist: «Die Erfahrungen, die man auf der Universität sammelt, formen den Charakter, sodass man bestens darauf vorbereitet ist, in Zukunft richtig zu arbeiten. Daher glaube ich, dass die Universität der erste Meilenstein einer beruflichen Laufbahn ist».

 

Deutschland, ein beruflicher Höhepunkt

Der zweite Höhepunkt in seinem Arbeitsleben war für Hess «mein Deutschland-Aufenthalt. Interessant war es, die gleiche Kultur zu erleben, die man uns Kindern in Schule und Elternhaus beigebracht hatte». Dazu fühlte er sich als bevorzugter Zeuge  der Wende, «ebenfalls ein wichtiger Höhepunkt», der ihm weit mehr bedeutete als ein Kapitel des Arbeitslebens, das man abhakt, sobald man es hinter sich gebracht hat.

Hess ist seit einigen Jahren Vorstandsmitglied der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer. Als solcher übte er eine Zeit lang den Posten des Kassenwarts aus.

Wer wie er einen Beruf gewählt hat, der viel Zeit und Konzentration beansprucht, der muss gelegentlich «abschalten». Hess hat sich zu diesem Zweck «einen Landstrich im Süden gekauft, und ich habe auf diese Weise versucht, meine Verbindung mit Osorno wieder aufzunehmen.» Obwohl er als Sohn eines Kaufmanns in der Stadt aufwuchs, bedeutet ihm das Landleben viel. Während der Aufenthalte in der X. Region steigen er und seine Familie gelegentlich auf den Antillanca, um die Bergluft und die altbekannten Landschaften zu genießen und um Ski zu fahren: «Ich habe heute den größten Teil meines Lebens in Santiago verbracht», betont er nicht ohne einen gewissen Stolz, «aber ich sage immer, dass ich ein Osorniner bin.»

Von Walter Krumbach

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