«Ein Bein hier und ein Bein dort»

Der deutsche Einfluss ist dem Büro von Dr. Carlos Barrenechea (67) in Providencia sofort anzusehen: das eingebaute Bücherregal, der frisch aufgebrühte Kaffee, der auf einem gläsernen Stövchen warmgehalten wird. Mehr als 20 Jahre in Deutschland haben für immer die Weichen im Leben des Chilenen mit spanischer Staatsbürgerschaft gestellt. Seit seiner Rückkehr nach Chile ist er zu einer Art «Botschafter der bilateralen Kooperation» geworden und hat mit einem Wohnsitz in Santiago und einem in Bremen «ein Bein hier und ein Bein dort».

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Gerade war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler mal wieder mit beiden Beinen in Deutschland. Er leitete eine zweiwöchige Studienreise der «Universidad Católica del Norte», die 15 Magister-Teilnehmer des Instituts für Bergbaumanagement nach Berlin, Magdeburg, Leipzig, Dresden und Freiberg führte. Die Studienreise wurde von der Domeyko-Initiative unterstützt, einem akademischen Kooperationsprojekt, das er als Koordinator auf chilenischer Seite bis März geleitet hat und das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert worden ist.

Carlos Barrenechea führte die chilenischen Fachleute unter anderem an das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, die Deutsche Rohstoffagentur in Berlin-Spandau, die Firma FAM – Magdeburger Förderanlagen und Baumaschinen GmbH – und nicht zuletzt zur Technischen Universität Bergakademie Freiberg, einem Partner der Domeyko-Initiative auf deutscher Seite.

 

Ein junger Chilene in Leipzig

Ein wenig hat sich Barrenechea auf dieser Reise auch auf seine eigenen Fußspuren in Deutschland begeben. «Am 3. September 1969 bin ich in Berlin Schönefeld gelandet», erinnert er sich ganz genau. 1968 hatte er in Chile die «Prueba de Aptitud Académica» abgelegt und begonnen Physik zu studieren. Gleichzeitig jobbte er beim Gewerkschaftsverband «Central Única de Trabajadores» (CUT). Diese hatte Verbindungen zum FDGB, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund der DDR. So kam der junge Chilene nach Leipzig – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. «Meine Vorfahren kommen aus dem Baskenland». Deutsche seien in seinem Stammbaum nicht zu finden.

«Die Pflicht des Deutschlernens war für ausländische Studenten in der DDR bitterernst. Sechs Stunden Unterricht täglich, dazu vier Stunden Hausaufgaben», erzählt er. Wer da nicht erschienen sei, der hätte sein Studium aufs Spiel gesetzt. Doch er erinnert sich voller Stolz daran, am Herder Institut in Leipzig Deutsch studiert zu haben. «Leipzig war bereits seit 800 Jahren Messestadt», betont er. Kultur und Geschichte haben ihn in Deutschland immer stark beeindruckt.

Während seiner Zeit in der DDR hat Carlos Barrenechea eine Sammlung von 400 Schallplatten zusammengetragen. Hauptsächlich klassische Musik, aber auch Aufnahmen des Kabaretts der DDR sind darunter. «Das Kabarett war eine große Herausforderung, weil es für uns Ausländer schwer zu verstehen war». Sogar eine Schallplatte von Karl Valentin gibt es in seiner Sammlung. «Kultur war so preiswert in der DDR». Eine Platte eine Mark fünfzig und für ein Konzert habe er nie mehr als fünf Mark ausgeben müssen.

Eines dieser Konzerte ist ihm ganz besonders in Erinnerung geblieben. Das war schon in Magdeburg, wo er nach seinem Deutschlehrgang an der Technischen Universität Otto von Guericke Maschinenbau und Betriebswirtschaft studierte. Zum Jahrestag der Bombardierung der Stadt, in der Krupp während des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Produktionsstätte unterhalten hatte, wurde die Neunte Sinfonie von Beethoven gespielt.

 

Dolmetscher in Bremen

Dennoch blieb er nicht in der DDR. 1976 war er nach Ost-Berlin gekommen, wo er an der Hochschule für Wirtschaft – die von manch einem als «Kaderschmiede» bezeichnet wurde – ein Aufbaustudium in Außenwirtschaft absolvierte. So ging er nach Bremen, um an der dortigen Universität zum Dr. rer. pol. zu promovieren.

«Nun musste ich Geld verdienen», erzählt er. Während er in der DDR mit einem Stipendium gelebt hatte, war er in Westdeutschland auf sich selbst gestellt. Aber hier half ihm die gute Deutschausbildung, die er in Leipzig genossen hatte: Carlos Barrenechea wurde von der Hansestadt Bremen als Dolmetscher und Übersetzer der spanischen Sprache für Gerichte und Notare beeidigt und arbeitete für verschiedene Institutionen, von der Industrie- und Handelskammer bis zur Kriminalpolizei.

Im Jahr 1985 wurde er von der Firma Rosenthal AG als Repräsentant für Spanien und Portugal angestellt. Fünf Jahre lang lebte er in Madrid. Als er 1990 nach Bremen zurückkehrte, war die Mauer gefallen und es gab nur noch ein Deutschland. «Den Mauerfall habe ich leider verpasst», bedauert Barrenechea. Gerne wäre er in diesem historischen Moment in Deutschland gewesen. «Vermutlich bin ich der einzige Chilene, der alle drei „Deutschlands“ kennt», überlegt er. In der DDR studiert, in Westdeutschland promoviert und im vereinten Deutschland gearbeitet.

Wenige Jahre später kehrte er nach Chile zurück, ganz genau am 3. März 1994, erinnert er sich. Dabei fällt ihm auf, dass er kürzlich seinen 20jährigen Tag der Rückkehr hätte begehen können. Dass er schon so lange in Chile zurück ist, hätte er gar nicht gedacht. So wie ihm die DDR beim Studium geholfen hatte, so unterstützte ihn nun das vereinigte Deutschland bei seiner Rückkehr nach Chile. Er nahm am Rückkehrerprogramm für in Deutschland ausgebildete Fachkräfte von der ZAV teil, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung des damaligen Arbeitsamtes.

Wenige Monate nach seiner Rückkehr begann er als Dozent für Betriebswirtschaft an der USACH, der Universidad Santiago de Chile, zu arbeiten, wo er Vorlesungen für angehende Journalisten und in einem postgradualen Programm hielt. Die von dem Rückkehrerprogramm angestrebte Wiedereingliederung im Heimatland gelang. Einige Jahre später gründete Barrenechea eine chilenische Tochterfirma der Kölner Consulting Gruppe Icon-Institute GmbH & Co.KG, mit der an zahlreichen Vorhaben der internationalen Kooperation teilgenommen hat. Justizreform in Panama, Reformierung des Berufsbildungssystems in Argentinien, Projekte zum Thema Abfälle im Bergbau, Forum für Biotechnologie in Kooperation mit der Auslandshandelskammer in Chile, zählt er stichwortartig auf.

Zukünftig möchte sich Barrenechea stärker auf die akademische Kooperation zwischen Deutschland und Chile konzentrieren. Das Potenzial sei auf allen Ebenen enorm, meint er. Seine Erfahrungen mit der Domeyko-Initiative haben ihm das gezeigt. Der akademische Austausch ist dabei für ihn die Stufe eins. Stufe zwei wären gemeinsame deutsch-chilenische Graduiertenschulen und Stufe drei gemeinsame Forschungsprojekte. Barrenechea weiß, dass dies nicht von heute auf morgen zu erreichen ist, doch das ist für ihn kein Hindernis, sich weiter dafür einzusetzen und immer mehr zu einem «Botschafter der akademischen Kooperation» zu werden – mit einem Bein hier und einem dort.

 

Petra Wilken

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