Drei Mythen über Kriminalität in Chile

Das Thema Kriminalität hat Catalina Mertz Kaiser schon als Studentin der Volkswirtschaft interessiert. Sie gehört zu den Vorreitern des integralen politischen Ansatzes für öffentliche Sicherheit, den es in Lateinamerika seit rund 20 Jahren gibt. Ihm hat sie ihren Beruf gewidmet. Seit Mitte 2013 steht die Deutsch-Chilenin an der Spitze der Stiftung Paz Ciudadana.

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Wenn man Paz Ciudadana ins Deutsche übersetzen will, wird man sich des doppelten Sinnes des Namens bewusst: Zum einen bedeutet er Frieden für die Bürger, andererseits spielt er aber auch auf den inneren Frieden der Bürger an. Gemeint ist da wohl: Keine Sorge zu haben, dass jemand in meine Wohnung oder mein Haus einbricht, dass mir jemand auf der Straße das Smartphone aus der Hand reißt, mein Auto nicht mehr da ist, wenn ich aus dem Restaurant zurückkomme oder beim Einkaufen mein Portemonnaie aus der Tasche gestohlen wird.
«Es ist einfach, anderen die Schuld am Anstieg der Kriminalität zu geben, aber wenn wir uns nicht selbst darum kümmern, sie zu bekämpfen, dann können wir in der dringenden Aufgabe, sie aus unserer Gesellschaft zu beseitigen, nicht weiterkommen». So die Worte bei der feierlichen Eröffnung von Paz Ciudadana von Verleger Agustín E. Edwards, Gründer der privaten Stiftung, die sich hauptsächlich durch Spenden von Großunternehmen und Banken finanziert und von einem politisch pluralistischen Vorstand geleitet wird.
Catalina Mertz schloss in diesem Moment gerade die Deutsche Schule Santiago ab. «Alle meine Vorfahren waren deutschstämmig. Ich bin Deutsch-Chilenin in fünfter oder sechster Generation. Meine Vorfahren lebten in Valdivia und Villarrica», erzählt sie. Auch als die Familie während der Jugendzeit von Catalina sechs Jahre lang in Washington DC lebte, schickten die Eltern die drei Mädchen auf eine deutsche Schule.
Zwischen 1993 und 1997 studierte Catalina Mertz Volkswirtschaft an der Universidad Católica in Santiago. Wie kam es, dass sich eine Volkswirtin auf das Thema Kriminalität spezialisiert? Chile trieb zu dieser Zeit eine bedeutende Justizreform voran, die 2000 verabschiedet wurde und die Strafprozessordnung aus dem Jahr 1906 grundlegend modernisierte. Das deutsche Rechtssystem diente dabei als Vorbild.
Für die Studentin Catalina Mertz war auschlaggebend, dass das Problem der Kriminalität zum Gegenstand von «políticas públicas» geworden war. So gab es ein Bündel von politischen Ansätzen zur öffentlichen Sicherheit und neue Initiativen und Akteure aus den Spezialgebieten der Politikwissenschaften ebenso wie aus dem Rechtswesen und der öffentlichen Verwaltung, der Soziologie und Sozialarbeit und eben auch aus der Wirtschaft. Paz Ciudadana hatte sich dabei zur Aufgabe gesetzt, der staatlichen Politik als eine Art «Think Tank» zuzuarbeiten. Dazu brauchte es Akademiker, die die politischen Entscheidungen zum Thema öffentliche Sicherheit mit Forschung, Daten und Analysen zu den verschiedenen Aspekten unterfütterten.

Frühzeitige Vermeidung
«Die Kosten der Kriminalität in Chile» war der Titel der ersten Studie, die Catalina Mertz 1996 noch als Studentin für Stiftung Paz Ciudadana veröffentlichte. 1999 folgte die «Charakterisierung des Mordes in Chile». Inzwischen hat die zierliche Mutter von drei Kindern sich fast 20 Jahre mit dem Thema Kriminalität beschäftigt und gehört zu denjenigen, die sich in Chile als Experten auf diesem Gebiet betrachten können. «Wir müssen bei der Vermeidung beginnen und nicht erst, wenn ein Delikt besteht», sagt die 40-Jährige. «In Lateinamerika war immer die Polizei die Lösung. Seit zehn bis fünfzehn Jahren existiert die Vision, dass es eines integralen Ansatzes bedarf, wenn mehr Sicherheit für die Bürger erreicht werden soll». Die frühzeitige Vermeidung von Delikten und die Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft gehörten dabei mit dazu.
«Es gibt drei Mythen», erklärt die Geschäftsführerin von Paz Ciudadana. «Erstens: Das Verbrechen ist zufallsbedingt und nicht vorhersehbar. Die Forschung zeigt: 80 Prozent der Verbrechen sind vorhersagbar. Die Orte, an denen Verbrechen begangen werden, sind sehr konzentriert. Täter und Opfer sind reduzierte Gruppen. Viele werden mehr als einmal Opfer. Zweiter Mythos: Es gibt keine Lösungen. Die empirische Forschung zeigt uns, dass durch die Arbeit mit Straffälligen und die Arbeit an den Orten, wo Kriminalität existiert, Delikte vermieden werden. Wir wissen, dass ein hoher Anteil von Straftätern Jugendliche sind, die in sozialen Brennpunkten leben. Da haben wir eine enorme Verantwortung. Es sind Personen, die sehr anfällig sind. Dritter Mythos: Chile ist anders. Das stimmt nicht. Programme, die in anderen Ländern positive Resultate hervorbringen, haben sie auch hier. Sie müssen nur an die hiesigen Gegebenheiten angepasst werden».
Ihre berufliche Laufbahn begann Catalina Mertz 1997 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Paz Ciudadana. 2006 wechselte sie den Arbeitgeber und wurde Direktorin des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universidad Adolfo Ibañez. Danach war sie von 2008 bis 2010 Direktorin des Zentrums für Institutionenökonomie der Universidad del Desarrollo.
Zu Regierungsbeginn von Sebastian Piñera wurde sie Beraterin im Kabinett des Ministers für Inneres und Öffentliche Sicherheit. Als im Februar 2011 die «Subsecretaria de Prevención del Delito» im Innenministerium gegründet wurde, war dies eine große Befriedigung für Catalina Mertz, da schon allein der Name das aussagt, was sie seit Langem als Politik für die Bekämpfung der Kriminalität vertrat: die Vermeidung von Straftaten. Sie arbeitete dort ein Jahr lang, bevor sie zu Paz Ciudadana zurückkehrte.

Auf der Basis von empirischen Daten
«In Chile wird 90 Prozent des Sicherheitshaushalts für Post-Delikt-Maßnahmen ausgegeben und nur zehn Prozent für Prävention», kritisiert sie. «Wir haben zu wenig Information über Indikatoren, die uns sagen können, welche Maßnahmen Wirkung gehabt haben. Die Diskussion muss auf der Basis empirischer Daten geführt werden.»
Statistische Daten über die Entwicklung der Kriminalität hingegen liegen ausreichend vor. Eine solche Quelle der Information ist eine Telefonumfrage, die Paz Ciudadana zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Gfk-Adimark seit 2000 jährlich durchführt und dabei rund 7.700 Personen danach fragt, ob ein Familienmitglied in den vergangenen sechs Monaten Opfer eines Raubs oder eines versuchten Raubs geworden ist.
Bei der jüngsten Umfrage ergab sich die höchste Ziffer seit Beginn dieser Erhebung: 43,5 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Opfer einer solchen Straftat geworden sind. 30,8 Prozent waren es zu Beginn der Umfrage im Jahr 2000. Die Zahlen stiegen bis auf 41,7 Prozent 2006 an, sanken dann wieder und blieben dann mit knapp unter 40 Prozent relativ stabil.
Catalina Mertz nahm diese Entwicklung erneut zum Anlass, um mehr Einsatz in der Prävention zu fordern und sie auf die Gruppen zu konzentrieren, die die Verbrechen begehen, wie zum Beispiel junge Drogensüchtige. Im Gespräch mit dem Cóndor zeigte sie sich dennoch positiv. Im lateinamerikanischen Vergleich schneidet Chile zumindest bei gewalttätigen Delikten und bei Mord gut ab, sprich, die Raten liegen niedrig. Bei weniger als 30 Prozent der Raubdelikte wird Gewalt angewendet, eine Zahl, die in den vergangenen 14 Jahren stabil geblieben ist. «Das liegt daran, dass Chile ein im Vergleich sehr robustes Justizsystem hat», erklärt sie.

Petra Wilken

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