Dr. Oliver Bär – Leiter der Schweizer Schule Santiago

Kosten-Nutzenanalyse im Blut

Dr. Oliver Bär Schweizer Schule Santiago
Dr. Oliver Bär ist Rektor der Schweizer Schule in Santiago de Chile. Foto: Schweizer Schule Santiago

Die Schweizer Schule Santiago feiert in der kommenden Woche ihr 80-jähriges Bestehen. Oliver Bär ist mit 35 Jahren der jüngste Rektor, den die Schule je hatte. Zudem ist er Ökonom. Auch das ist eine Neuheit. Kosten-Nutzenanalyse liegt ihm im Blut.

Von Petra Wilken

Oliver Bär konnte als 18-jähriger Schüler schon Bilanzen konsolidieren. Nicht, weil er überdurchschnittlich talentiert war, sondern weil das in der Schweiz allen Schülern von Wirtschaftsgymnasien beigebracht wird. «Das deutsche Steckenpferd der Schulen ist die politische Bildung. In der Schweiz ist es Wirtschaft und Recht», erklärt der Schulleiter.

Nicht nur in Chile, auch für Schweizer Verhältnisse ist Oliver Bär ein außergewöhnlich junger Schulleiter. Als er im Januar 2018 den Posten des Direktors der Schweizer Schule Santiago übernahm, war er gerade 34. Vorstand, Lehrer- und Elternschaft sowie auch die Schüler kannten ihn bereits, denn er hatte seit 2015 als Konrektor und Stufenleiter der Jahrgänge 7 bis 12 an der Schule gearbeitet.  

Ein Doktor der Volkswirtschaftslehre als Schulleiter

Dass ein Doktor der Volkswirtschaftslehre Schulleiter wird, ist hingegen nicht außergewöhnlich in der Schweiz, sondern kommt immer häufiger vor. Oliver Bär hält dies für eine glückliche Entwicklung. Da rechtliche und betriebswirtschaftliche Aspekte der Schulführung heutzutage immer wichtiger werden, eignen sich Wirtschafts- und Rechtslehrpersonen besonders für die Schulleitungsfunktion. Auch die Verwaltungsmitarbeiter und der Schulrat der Schweizer Schule hätten es begrüßt, dass sie mit ihm fachmännisch über Buchhaltung und Personalwesen sprechen können.

Dennoch war es für einige schon speziell, einen so jungen Chef zu haben. «Meine Assistentin arbeitet seit 30 Jahren an der Schweizer Schule. Sie hat hier angefangen, als ich fünf war», erzählt er. Aber es sei nie ein Problem gewesen. Die Zusammenarbeit mit dem Personal sei sehr angenehm. Außer seinem Alter war auch die Tatsache, dass er Ökonom ist, neu für die Schule. Er sei schon ein typischer Ökonom, räumt er ein. Kosten/Nutzenüberlegungen liegen ihm im Blut. Da höre man schon mal das Argument „Wir stellen keine Kleiderbügel her, sondern haben einen Bildungsauftrag“. Dieser Meinung ist er allerdings auch.   

In Zürich aufgewachsen

Oliver Bär ist in Zürich aufgewachsen, wo er ein Gymnasium mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht besuchte. In der Schweiz können Gymnasiastinnen und Gymnasiasten wählen zwischen den fünf Schulprofilen musisch, altsprachlich,  neusprachlich, mathematisch-naturwissenschaftlich oder Wirtschaft und Recht. Diejenigen, die letzteres wählen, lernen schon in der Schule Zivil-, Vertrags- und Eherecht sowie Finanzbuchhaltung.

Dass Oliver Bär dann Wirtschaft studierte, lag auf der Hand. Er absolvierte einen Master of Arts in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Freiburg i.Ü. und schloss ein Lehrdiplom für die Sekundarstufe II ab. «Als Ökonom bei Bank und Bund zu arbeiten, war jedoch nicht mein Ding. Ich hatte während eines Auslandaufenthalts in Rio de Janeiro als Deutschlehrer gearbeitet und gemerkt, dass ich sehr gerne unterrichte.»

Ein Beruf fürs ganze Leben?

Bei der Planung seiner beruflichen Laufbahn wusste er sehr genau, was er wollte. Er wollte Lehrer werden. Doch war das ein Beruf fürs ganze Leben? Ausgebrannte Lehrer, die nach Jahrzehnten vor Schulklassen einen Burnout erleiden, sind heute keine Einzelfälle. «Die Arbeit als Lehrer braucht pädagogisches Feuer. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass ich nach 20 Jahren noch gleich motiviert unterrichte», findet er. Also legte er die Basis für eine langfristige Karriere: Nach dem Lehrersein könnte er ja später immer noch als Ökonom tätig werden. So machte er seinen Doktor in Volkswirtschaftslehrer im schweizerischen Freiburg. Während der Promotion arbeitete er gleichzeitig als Lehrer für Wirtschaft und Recht.

Mit Herz und Seele dabei

Auch an der Schweizer Schule unterrichtet er Wirtschaft und Recht. Im 10. Schuljahr ist dieses ein Pflichtfach. Von der 9. bis 12. Klasse wird es zudem als Wahlfach angeboten. Vor dem Interview mit dem Cóndor hat er gerade eine Unterrichtsstunde gegeben und bittet seine Assistentin erst einmal um einen starken Espresso. Sind die Schüler etwas anstrengend? Oliver Bär schüttelt entschieden den Kopf. Bislang ist er noch mit Herz und Seele dabei, das zu vermitteln, wovon er ein großer Fan ist. Zum Beweis holt er seinen Unterrichtsfahrplan hervor: Warum gibt es Armut und Reichtum? The Wealth of Nations von Adam Smith. Wie entscheiden konsumierende Menschen? Verteilung und Ungleichheit. Marktversagen, Staatsversagen. Was kann der Markt beitragen, wann ist Regulierung notwendig? Spannende gesellschaftliche Fragen, die im täglichen Leben später relevant sein werden.

Obwohl sein derzeitiger Posten ihm die Tätigkeiten bietet, die er sich für seine Karriere vorgestellt hat, wird er die Schweizer Schule schon im Februar kommenden Jahres wieder verlassen. Die Gründe sind persönlicher und familiärer Natur.

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