Dieter Bräuer, Projektleiter für Aus- und Weiterbildung, AHK Chile

«Es gibt nichts, was Leder ersetzt»

Dieter Bräuer: 60, Deutscher, Schuhtechniker und Designer, Unternehmensgründer, Ausbilder, Expat, Weltenbummler.
Dieter Bräuer: 60, Deutscher, Schuhtechniker und Designer, Unternehmensgründer, Ausbilder, Expat, Weltenbummler.

 

Als Dieter Bräuer 1957 kurz vor sieben Uhr morgens in Bruchweiler-Bärenbach mitten im Pfälzer Wald das Licht der Welt erblickte, waren die meisten der 1.200 Einwohner auf dem Weg zur Arbeit in eine Schuhfabrik. Auch seine Großmutter flocht Schuhe für eine der vier Fabriken des Dorfes. Sie tat es jedoch in Heimarbeit, womit ihr Enkel den Geruch von Leder in die Wiege gelegt bekam.

 

Von Petra Wilken

«Heute steht das Basismaterial Leder für die Schuhproduktion nicht mehr so uneingeschränkt zur Verfügung», erzählt Bräuer im Interview mit dem Cóndor an seinem Arbeitsplatz. Seit 2015 arbeitet er als entsandter Experte für duale Berufsausbildung an der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal). «Doch es gibt nichts, was Leder ersetzt.» Die wahre Qualität hat für ihn nur die obere Schicht der Kuhhaut. Spaltleder hingegen, die heute vielfach verwendete untere Schicht, ist nichts für ihn. «Das ist eigentlich ein Abfallprodukt.»

So war das jedenfalls damals, als er nach der Volksschule in eine Kinderschuhfabrik in die Lehre ging und das Handwerk von der Pike auf lernte – vom Lederlager bis zur Verpackung der Schuhe. In seiner dreijährigen dualen Berufsausbildung arbeitete er unter Anleitung eines Ausbilders vier Tage pro Woche im Betrieb und einen Tag wurden ihm in einer Berufsfachschule die fachtheoretischen Kenntnisse vermittelt.

Für diese Formel der Berufsausbildung – angepasst an die hiesigen Bedingungen – wirbt er heute in Chile. Der Industrieverband Sofofa ist dabei seit mehreren Jahren sein Kooperationspartner und hat soeben die erste Zertifizierung in Lateinamerika von fünf Berufsschulen nach dem internationalen Qualitätsmanagement-System DIN ISO 29.990 erreicht.

Nach Sofofa hat er jetzt auch Fedeccal, den Verband der Schuhindustrie, als Kooperationspartner gewinnen können. Damit ist Dieter Bräuer wieder ganz in seinem Element. Doch der Reihe nach. Wie hat er sich dafür qualifiziert, als Entsandter im Programm ExperTS des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nach Chile zu kommen?

 

Seine eigenen Ideen ausleben

Nach seiner dualen Ausbildung hängte er noch zwei Jahre an der Schuh-Akademie in Pirmasens dran und studierte Betriebstechnik und Design. Damit erhielt er Anstellungen in namhaften Unternehmen wie Salamander, Schuh Union und Sioux France. Als er 30 wurde, wollte er jedoch seine eigenen Ideen ausleben und machte sich als freiberuflicher Schuhdesigner selbstständig. Gleichzeitig bildete er sich permanent weiter: Schuhmachermeister- und Ausbildereignungsprüfung, Unternehmensführung, Projektmanagement mit Projektleiterprüfung vor der IHK Bremen.

«Um in der schwierigen Anfangszeit über die Runden zu kommen, habe ich Naturfußbettschuhe unter dem Logo „Bräuer-Naturläufer“ produziert», erinnert er sich. «Doch dann ging alles sehr schnell, die ersten Aufträge, Auslandseinsätze in Italien, der Türkei, Tunesien, Ägypten, Sri Lanka, Chile und Ecuador.» Dank eines Fünf-Jahres-Exklusiv-Vertrages mit dem holländischen Chemiekonzern Akzo Nobel, der die Klimamembrane Sympatex für Schuhe entwickelt hatte, war der Durchbruch geschafft. 1995 erhielt er für eine Kinderkollektion auf der Schuhmesse in Pirmasens die Auszeichnung für das beste Design. Die Trophäe, ein beflügelter Merkur, sollte ihn daraufhin in die Welt hinaustragen.

Noch im selben Jahr ging er als Experte des CIM-Programms nach Chile, wo er die Geschäftsführung des «Instituto Tecnológico de Calzado» übernahm und die erste duale Berufsausbildung für Schuhfertiger im Land einführte. Gleichzeitig beriet er das traditionsreiche Familienunternehmen Guante bei der Modernisierung seiner Marke und entwickelte die hochwertige klassische Herrenlinie «President». Diese aufwendige Machart «Goodyear» ist bis heute die Nobelmarke des Unternehmens.

Nach Chile folgten vier Jahre als Berater der Schuhindustrie in Ecuador und anschließend acht Jahre in Tunesien. Danach kam er nach Chile zurück, zuerst als CIM-Experte am Bildungsministerium, und seit drei Jahren ist er nun als Projektleiter für die Aus- und Weiterbildung an der AHK im Einsatz.   

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit der technischen Ausbildung in Chile gemacht?

«In einem globalisierten und sich permanent veränderten Markt spielen Faktoren wie Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit eine Schüsselrolle, insbesondere für chilenische Unternehmen. Wie kann man aber effizient, produktiv und wettbewerbsfähig sein? Das geht nur mit qualifiziertem Fachpersonal, das auch in der Lage ist, eigenständig Verantwortung zu übernehmen. Positiv ist, dass es sich einige Unternehmerverbände zur Aufgabe gemacht haben, die Qualität der Ausbildung zu verbessern, enger mit der Industrie zu kooperieren und die Weiterbildung der Dozenten voranzutreiben, insbesondere in neuen didaktischen Methoden».   

 

Wie sehen Sie die chilenische Schuhindustrie heute?

«Als ich 2013 nach Chile zurückkam, sah ich den enormen Wandel, den sie durchgemacht hat. Unter den ersten einhundert Importfirmen sind nicht mal mehr fünf, die noch selber im Land produzieren. Viele, mit denen ich 1995 noch zusammengearbeitet habe, sind vom Markt verschwunden. Das lag aber nicht nur an der Konkurrenz aus Asien. Viele Firmen hatten schon vorher finanzielle Probleme, keine innovativen und auch keine produktiven und effizienten Prozesse. Doch inzwischen gibt es ein neues Szenarium, das mir sehr gut gefällt: kleine Firmen, die neue Produkte unter eigener Marke kreieren und selber vermarkten. Diese Firmen sind sehr flexibel und antworten schnell auf neue Modetendenzen.»

Wenn es nach im geht – hoffentlich mit echtem Leder. 

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