Ewald Wetzstein, Hersteller von Federbetten: «Die Leute kannten mich als Marcelo»

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Ewald Wetzstein war 16, als eines Nachts die Gestapo das Haus durchsuchte, in dem er in Frankfurt untergekommen war. «Wie alt bist du?» fragten sie ihn, ließen ihn jedoch stehen und liefen weiter in den nächsten Stock. Dort nahmen sie einen Mann mit. Das erfuhr Ewald jedoch erst später.

Von Petra Wilken

Der 93-Jährige sitzt auf einem bequemen Sofa in seinem Wohnzimmer. Um sich herum hat er in greifbarer Nähe eine Chronik seines Heimatdorfes Treis an der Lumba, Kreis Gießen, liegen, und ein Buch über die Nachbarstadt Staden. Dazu eine Mappe mit Briefen und Zeitungsausschnitten. Die Bücher stecken voller Lesezeichen und sind mit handschriftlichen Vermerken versehen. Er liebt die geschichtlichen Anekdoten.

«In Treis wurde schon 1840 das Rauchen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen verboten». Jede Zuwiderhandlung wurde mit zwei Tagen Arrest bestraft. «No fumar», hat er ins Buch geschrieben. Er freut sich über diese erstaunliche Entdeckung in der Chronik. Das Rauchen hat Ewald Wetzstein noch nie gefallen. Er hat die schwachen Bronchien von seiner Mutter geerbt. Seit zwei Jahren ist er Tag und Nacht an eine Sauerstoffmaschine angeschlossen. Sie summt beständig neben dem Sofa vor sich hin.

Seinem guten Humor tut das keinen Abbruch. «Er hat von uns allen den besten», findet seine Enkelin Tamara. Sie und ihre Mutter Ivonne leben mit Ewald Wetzstein in der geräumigen Wohnung in Las Condes. Seine zweite Ehefrau Michelle wohnt dort nicht mit ihnen. Sie ist 30 Jahre jünger als ihr Mann und pflegt ihre eigene Mutter.

Ewald Wetzstein erzählt das genauso natürlich und ohne Umschweife wie die Geschichte der Flucht seiner jüdischen Familie aus Deutschland. Er erzählt sie  sachlich und ohne Verbitterung aus der Perspektive eines Mannes, der zufrieden auf die Ereignisse eines bewegten Lebens zurückblickt. Außerdem hat er Übung. Seine Geschichte ist in der lokalen Presse seines Heimatortes veröffentlicht worden und sogar im Buch einer US-amerikanischen Autorin über die Nazi-Verfolgung der Juden.  

Im Dorf Treis gab es seit dem 16. Jahrhundert eine jüdische Gemeinschaft. Damals lebten die Familien überwiegend in armen Verhältnissen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Vieh- und Kleinhändler, Lumpensammler oder Trödler.  Im 19. Jahrhundert emigrierten Juden aus Treis nach Frankfurt und bis in die USA. Auch ein Vorfahre von Ewald Wetzstein ging in die USA und gründete dort eine Wurstfabrik.

Der Vater von Ewald, Max Wetzstein, hatte eine kleine Schlachterei in Treis und die Mutter, Irma Hessenberger, betrieb im selben Haus oben einen Stoffhandel. Seine Mutter stammte aus Staden, wo es fünf reiche Bauern gab. «Im Frühling veranstaltete die Synagoge einen Ball, bei dem die jungen Leute einander vorgestellt wurden. Meine Mutter hatte Husten, aber ihre Eltern sagten, sie sei erkältet». Nach 20 und nach 40 Jahren Ehe habe sie immer noch Husten gehabt, und sein Vater habe sich scherzhaft bei seinen Schwiegereltern beschwert, sie hätten ihn betrogen. 

Ewald wurde 1922 geboren, und als er mit der Schule fertig war, ging er nach Frankfurt in eine Ausbildung als Mechaniker. Er lebte in einem jüdischen Wohnheim in Westend, das jedoch überfallen wurde, sodass er im Haus des Zahnarztes Lehmann unterkam. Während dieser Zeit waren sein Vater und sein Onkel Simon Wetzstein fünf Wochen lang im KZ Buchenwald in Haft. Nach ihrer Freilassung stand der Entschluss seines Vaters fest: «Wir können nicht mehr hier bleiben.»

Da sie Verwandte hatten, die Familie Schmidt, die bereits nach Chile ausgewandert waren, entschieden sie sich für dieses Land. Bald standen 17 gepackte Kisten in ihrem Hof in Treis. «Ihr wollt nach Chile gehen? Da sind in Chillán gerade 30.000 Menschen bei einem Erdbeben gestorben», warnte sie der Lehrer von Ewald. Seine Oma antwortete: «Lieber in Chile sterben als von Hitler getötet werden». Sie gingen zu fünft – es kamen die Großeltern und der Onkel  mit, der noch 1934 im Namen des Führers das Ehrenkreuz als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg verliehen bekommen hatte. Zwischen 1938 und 1939 gingen alle Juden aus Treis weg, die die Möglichkeit hatten. 1942 wurden die letzten deportiert.

«Als wir in Hamburg an Bord gingen, spielten sie im Hafen ganz laut das Lied ‚Auf Wiedersehen‘. Das hat der Jumbo in der Anfangszeit immer gespielt, bevor das Geschäft abends geschlossen wurde», erinnert sich Wetzstein. Sie legten am 1. Juli 1939 ab und fuhren über Lissabon, Rio de Janeiro und die Magellanstraße. Das Schiff machte eine Wochen Zwischenstopp in Punta Arenas, die Passagiere verbrachten es gut, seine Mutter habe mit dem Kapitän getanzt. Der habe nicht nach Deutschland zurück gewollt, weil man schon wusste, dass bald der Krieg ausbrechen würde. Am 18. August 1939 kamen sie Valparaíso an, und der Kapitän musste doch zurück.

In der Anfangszeit in Chile half die Familie Schmidt den Wetzstein viel. Der Onkel hatte eine kleine Metallfabrik in der Straße Pedro de Valdivia aufgebaut, wo Ewald als Mechaniker anfangen konnte. «Kannst du Spanisch?» fragte er ihn. «Ja, buenas noches», antwortete er. Die Schmidts hatten auch ein kleines Haus in Manuel Montt angemietet, nur ein paar Schritte von Irarrázaval entfernt, das die Wetzsteins übernahmen. «Meine Oma hat den Keller gesucht, aber es gab keinen Keller. Dann hat sie den Dachboden gesucht, aber es gab keinen Dachboden».

Dennoch wurde in dem flachen einstöckigen Haus Platz für eine Manufaktur geschaffen, und auf die Hauswand «Sacos de Dormir – Plumones – Fábrica Marcelo» geschrieben. «Mein Vater hieß Max, aber wir haben das lieber in Marcelo umgewandelt. Die Schlafsäcke waren meine Idee». Das Hauptgeschäft waren jedoch zuerst die Federbetten, die der Familienbetrieb herstellte. «Wir haben in einem Zimmer angefangen zu arbeiten, doch dann ist alles größer geworden.»

Der Verkauf von Federbetten kam bei der deutschen Gemeinschaft gut an. Die Fábrica Marcelo belieferte sogar den ersten Jumbo. «Wir hatten aber immer hauptsächlich Privatkunden», erzählt Wetzstein und nennt viele namhafte Familien. Nach dem Tod seines Vaters führte er das Geschäft weiter. «Viele kennen mich als Marcelo».

Ewald Wetzstein ist dort seit einigen Jahren nicht mehr aktiv, aber die Fábrica Marcelo gibt es noch immer. Seine Tochter Ivonne hält sie aufrecht. «Aber durch die Importe aus China ist das Geschäft schlecht», erzählt er. Das hellblau und türkis gestrichene Backsteinhaus hat noch immer die gleiche Aufschrift wie vor 75 Jahren. Auch drinnen in dem engen Verkaufsraum scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Ware stapelt sich bis unter die Decke, der Kunde kann sich kaum drehen. Das Geschäft passt bestens in das kulturhistorische Stadtviertel von Ñuñoa.  

Im Kundenkreis der Fabrik lernte Wetzstein seine erste Frau kennen: Alicia Löwenstein, ebenfalls Jüdin, aus Westfalen. Ihr Sohn Roberto wanderte nach Israel aus, aber die Tochter Ivonne blieb in Chile. «Alicia ist leider in Chile krank geworden und starb schon mit 50 Jahren an Krebs», berichtet Wetzstein. Inzwischen ist er seit 20 Jahren mit Michelle verheiratet, die in Cochabamba zur Welt kam, aber auch deutschstämmig ist. «Unser erstes Date hatten wir im Restaurant Giratorio. Ich habe sie mit meinem Dodge abgeholt. Hatte immer große Autos, davor hatte ich ein Oldsmobile. Nach und nach konnte ich Michelle erobern».

Mit Michelle reiste er auch mehrmals nach Deutschland. 1997 war er vom Bürgermeister eingeladen worden, als in Treis eine Gedenktafel am Standort der ehemaligen Synagoge feierlich enthüllt wurde. Das Wohnhaus der Familie Wetzstein hatte gleich neben der Synagoge gestanden. Seine Schulfreundin Maria schenkte ihm damals die Chronik ihres Heimatdorfes. «Damit du Treis nie vergisst», hat sie als Widmung hineingeschrieben.

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