«Die größte Herausforderung ist, dem Schüler einen Sinn zu geben»

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Mit 31 Jahren hat sich Tomás Recart eines nationalen Problems angenommen, das ihm auf der Seele brannte. Er gründete Enseña Chile, um mit praktischer Arbeit der Misere im Bildungswesen entgegenzuwirken. Das ist jetzt acht Jahre her, und heute hat die private Stiftung 69 Mitarbeiter.

 Von Petra Wilken

Der Ururgroßvater väterlicherseits von Tomás Recart war niemand weniger als der deutsche Ingenieur Teodoro Schmidt (1834-1924), der Temuco gründete. Eine weitere Berühmtheit unter den Vorfahren war der deutsche Konsul Guillermo Schacht, dem der Deutsche Brunnen im Parque Forestal als auch der «Palacio Schacht» zu verdanken ist, in dem heute die Kulturstiftung der Gemeindeverwaltung von Providencia untergebracht ist.

Tomás Recart kam 1977 als mittlerer von drei Brüdern in Caracas zur Welt. Die Familie lebte für zehn Jahre in den USA, sein Vater Víctor Recart war von dort aus von einer Bank für zwei Jahre nach Venezuela gesandt worden. Seit der Rückkehr 1980 lebte die Familie in Santiago, Tomás besuchte die Grange School.

Nachdem er Ingenieurswesen an der Universidad Católica studiert hatte, arbeitete er vier Jahre an deren Zentrum für staatliche Politiken und war für 30 Schulen der Gemeindeverwaltung von Puente Alto zuständig. «Während dieser Zeit wurde mir die Dimension der Probleme im öffentlichen Schulwesen an sozialen Brennpunkten bewusst.» In Tomás Recart begann der Wunsch zu wachsen, Lösungen für den desolaten Zustand des öffentlichen Schulwesens in den sozial schwächsten Gemeinden des Landes zu suchen. Als Herausforderung dazu bekam er 2006 eine Schule in Peñalolén geschenkt. Sie war damals die viertschlechteste in Chile. Heute hat sie die höchste Punktzahl in der landesweiten SIMCE-Prüfung erreicht: 280.

Doch Tomás Recart war klar, dass mit einer Schule allein kein Fortschritt erreicht werden kann. So suchte er weiter. Doch vorher heiratete er und ging zusammen mit seiner Frau Fernanda Rodríguez Campbell, mit der er inzwischen drei Kinder hat, zur Weiterbildung in die USA. In Harvard machte er zwischen 2006 und 2008 einen Master in öffentlicher Verwaltung und internationaler Entwicklung. Dort reifte in ihm die Idee, dass ein Netzwerk von Leadern benötigt wurde. Noch in Harvard begann er daran zu arbeiten, und bei seiner Rückkehr gründete er mit Freunden Enseña Chile.

Cóndor: Was macht Enseña Chile?

Tomás Recart: Die Mission von Enseña Chile ist es, ein Netzwerk von «Change Agents» aufzubauen. Wir arbeiten mit jungen Akademikern, deren Uniabschluss höchstens drei Jahre zurückliegt. Wir bereiten sie in einem Kurs auf ihre Aufgabe vor und vermitteln sie für zwei Jahre als Lehrer an eine öffentliche Schule in Problemvierteln. Die jeweilige Gemeindeverwaltung bezahlt ihr Gehalt, weil sie Lehrkräfte braucht. Im Moment unterrichten 180 Akademiker an 106 Schulen in acht Regionen – von Alto Hospicio bis Puerto Aysén.

 

Aus welchen Berufen kommen die Akademiker?

Die Palette ist sehr breit. In diesem Jahr haben wir Juristen, Ingenieure, Mathematiker, Bachelor in Literatur und Geschichte, Betriebswirte, Musiker, Künstler und viele mehr. In den acht Jahren, die die Stiftung existiert, haben wir insgesamt 10.600 Bewerber gehabt, aber wir wählen nur sechs Prozent von ihnen aus.

 

Welche Eigenschaften müssen die Bewerber mitbringen?

Wir haben zehn Schlüsselkompetenzen definiert, darunter ein hoher Grad an Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen und die Fähigkeit auf das Umfeld Einfluss zu nehmen. Es reicht nicht aus zu sagen, dass man Änderungen möchte. Man muss etwas tun und zeigen, dass es möglich ist. Das soziale Umfeld, in dem sie ihren Einsatz haben, ist sehr, sehr schwierig. Es sind alle Probleme vereint – Familienprobleme, Bildungsprobleme, die prekären Wohnungen, der Transport, das Gesundheitswesen und Drogen; das Gewaltniveau ist enorm. Die Schulen hinken dort viele Jahre zurück.

Die größte Herausforderung ist nicht, den Stoff zu vermitteln, sondern dem Schüler einen Sinn zu geben. Die Situation, auf die unsere Lehrer treffen, ist einfach schrecklich. Da ist es leicht, in Depression zu fallen. 15 Prozent unserer Leute brechen den Einsatz ab. Deshalb treffen wir eine sehr rigorose Auswahl.

 

Wird die Bildungsreform bei Ihren Zielen hilfreich sein?

Erst einmal: Es sind vier Bildungsreformen – die für Inklusion, für die Lehrer, für das öffentliche Schulwesen und für die höhere Bildung. Das sind große Reformen, die leider nicht viel bringen werden. Ich sage das nicht, um Schuld zuzuweisen. Es ist einfach sehr schwer, die Situation der öffentlichen Schulbildung wirklich zu erfassen.

Da war zum Beispiel vorgesehen, einem Lehrer einen Bonus von 8.000 Pesos zu zahlen, wenn er an einer Schule im sozialen Brennpunkt unterrichtet. Das reicht nicht einmal für die öffentlichen Verkehrsmittel. Dem Lehrer müsste wegen der schwierigen Bedingungen das Doppelte gezahlt werden! Wenn ich sehe, dass Gebührenfreiheit für die höhere Bildung eingeführt wurde, dann ist das für mich ein Signal, dass die Schulen nicht so wichtig sind. 40 Prozent der Chilenen haben Zugang zur höheren Bildung. Die Förderung müsste prioritär an die 60 Prozent gehen, die keine Möglichkeiten des Zugangs zur höheren Bildung haben.

 

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Es müsste in die Kleinsten und in diejenigen investiert werden, die am stärksten sozial gefährdet sind. 52 Prozent der Chilenen gehen auf öffentliche Schulen in Problemvierteln. Die Zahl stimmt genau mit der PISA-Studie der OECD überein, die aussagt, dass 52 Prozent der Chilenen nicht über die Grundkompetenzen verfügen, um eine Anweisung zu verstehen und ihr zu folgen. Das ist ein sehr schlechtes Geschäft für Chile. Es gibt eine Volksweisheit, die lautet: Wenn du glaubst, dass Bildung teuer ist, dann probiere die Ignoranz aus».

 

Welche Ergebnisse hat Enseña Chile erzielt?

In acht Jahren haben wir 286 Lehrer ausgebildet. Ein Viertel von ihnen bleibt an den Schulen, ein weiteres Viertel arbeitet an Nichtregierungsorganisationen. Zehn Prozent gehen in den privaten Sektor, weitere zehn Prozent machen sich im Bildungssektor selbstständig. Einige gründen eine Schule, andere arbeiten im öffentlichen Dienst im Bereich Bildung, und wieder andere gehen ins Ausland, um weiter zu studieren.

 

Was erwarten Sie von der Politik?

Der Staat könnte nicht das tun, was wir tun. Wir können flexibel sein und unsere Programme jedes Jahr neu anpassen. Wir haben Enseña Chile gegründet, weil Chile Leader braucht, die die Probleme im Bildungswesen verstehen. In der Politik sehe ich viele Leute, die in Lösungen verliebt sind. Die Linke sagt: Die Lösung ist mehr Staat. Die Rechte: Die Lösung ist mehr Markt. Beides ist wichtig. In einigen Themen ist mehr Staat wichtig, in anderen mehr Markt. Es wäre ratsam, wenn man zusammenarbeiten würde.

 

Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Recart.

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