Deutsches Kriegskind findet das Glück in Chile

Ein einfacher, gefühlvoller Mann, loyal, aufrichtig, verantwortungsbewusst und absolut zuverlässig. Mit diesen und mehr Attributen wurde Peter Wessel vor Kurzem als «Manquehuino destacado» gewürdigt. Wohl kaum ein anderer hat sich so umfassend und so lange in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft engagiert wie der 82-jährige. Peter Wessel war ist als junger Mann mit 25 aus dem Nachkriegsdeutschland nach Chile gekommen und hat hier sein Glück gefunden.

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Bei unserem Treffen im Café Mozart in Luis Pasteur bestellt er Kuchen, weil er für Süßes eine Schwäche hat, wie er verrät. «Wie soll ich Ihnen meine Geschichte erzählen?» Am besten von Anfang an. Der Anfang der Geschichte, die er erzählt, handelt von Krieg, Bomben, dem Tod seines Vaters als Soldat und von der Flucht als Dreizehnjähriger. Seine Erinnerungen sind präzise und mit Daten belegt. Er erzählt sie sachlich und sagt wie ganz selbstverständlich: «Ich bin ein Kriegskind».
So wie der Zweite Weltkrieg hat wohl auch die Freie Hansestadt Danzig sein Leben geprägt, wo er 1932 geboren wurde. Jedenfalls spielt die Seefahrt darin eine ganz besondere Rolle. Er lernte Schifffahrtskaufmann und ist der Seefahrt in seiner beruflichen Laufbahn treu geblieben. Ebenso der Firma Ultramar, deren Wachsen er seit den Anfangsjahren miterlebt und begleitet hat. Niemand hat so lange wie er bei der großen chilenischen Transport- und Logistikgruppe gearbeitet: 56 Jahre lang.

Beschuss der Westerplatte
Peter Wessel war sieben, als der Krieg mit dem Beschuss der Westerplatte begann. «Am 1. September 1939 klapperten bei uns die Fensterscheiben». Sein Vater, der Lehrer gewesen war, war schon für den Polenfeldzug eingezogen worden. Der Sohn blieb mit der Mutter und der vier Jahre älteren Schwester zurück. 1941 begann der Krieg mit Russland, Anfang 1943 kam es zu der verheerenden Schlacht der 6. Armee um Stalingrad, in der sein Vater diente.
«Mein Vater ist vor Stalingrad verwundet worden und mit dem Rest der 6. Armee nach Südfrankreich gekommen, wo die Armee wieder aufgefüllt wurde. Sie musste dann wegen des Abfalls in Italien einmarschieren.» Ende 1944 sah er ihn bei einem Heimatbesuch das letzte Mal. Im Januar 1945 erhielt seine Mutter einen Brief aus Thorn, wo die Ostfront verlief. Sein Vater schrieb: «Ich werde nicht in russische Gefangenschaft gehen.» «Entweder hat er sich selbst getötet oder er ist im Krieg umgekommen», meint Peter Wessel. Seine Mutter habe ihn lange nicht für tot erklärt.

Untergang der «Wilhelm Gustloff»
«Mein Vater war weg, Danzig eingezingelt», berichtet er. Eine Fluchtmöglichkeit war es, an Bord des Schiffes «Wilhelm Gustloff» zu gehen. «Wir kannten es als Touristenschiff aus den 30er Jahren. Ein schönes großes Schiff.» Beinahe wären sie an Bord gegangen. Doch ein Marineoffizier warnte sie: ‚Nehmen Sie nie ein großes Schiff. Die werden als erstes torpediert‘. «Wir gingen auf ein kleines Schiff und fuhren im Konvoi Richtung Westen. Kurz vor Stettin passierte es dann: Fast 9.000 Flüchtlinge starben, als die «Wilhelm Gustloff» torpediert wurde.
Der Konvoi wurde aufgelöst und das Schiff der Familie Wessel fuhr nach Lübeck weiter, wo sie an Land gingen und von dort weiter in Richtung Berlin. «Dort kamen wir im Februar 1945 an, aber schon im März hörten wir Schüsse. Die Russen hatten die Oder überschritten. Wir versuchten, uns in den Westen abzusetzen». Streckenweise wurden sie von Soldaten in ihren Lkw mitgenommen, die auch über die Elbe wollten. Letztendlich siedelte sich die Familie Wessel vor den Toren Hamburgs in Reinbek an, innerhalb der englischen Zone. Seine Mutter arbeitete zunächst als Wäscherin in einer englischen Offiziersmesse und dann in der Küche. «Das war gut, weil sie immer mal etwas zu essen mit nach Hause brachte». Peter Wessels Aufgabe war es unterdessen, sich in die Schlangen zu stellen, um die Lebensmittelkarten einzulösen. 50 Gramm Fleisch pro Woche pro Person.
Wie bei vielen Kriegskindern ist ihm der Mangel an Essen besonders in Erinnerung geblieben. So auch die Fahrten der Kinder ins Alte Land, den taditionellen Obstplantagen südlich der Elbe. Peter Wessel hatte Glück, er bekam Arbeit bei einem Gärtner in Vier Landen und hatte eine Karte, mit der er legal Obst mitnehmen konnte.

Einstieg in die Schifffahrt
Mit 18 machte er sein Abitur in Hamburg. Die Reedereien waren gerade dabei, ihre Liniendienste wieder aufzubauen. So ging er zwischen 1951 und 1953 bei Hapag in eine Lehre als Schifffahrtskaufmann. Zu dieser Zeit war der aus Blankenese stammende Albert von Appen bereits als Agent für Hapag und Lloyd in Chile ernannt und für die gesamte Westküste Südamerikas zuständig. Sie lernten sich in Hamburg kennen, und 1957 bekam Peter Wessel einen Vertrag von ihm mit Ultramar. Vorher jedoch arbeitete er noch in einem Schifffahrtskontor der Hapag in Frankfurt und wurde danach nach London geschickt, um Englisch zu lernen.
«Im September 1957 fuhr ich mit dem Frachtschiff Dahlbek nach Chile und kam am 12. Oktober, am Día de la Raza, in Valparaíso an», berichtet er. Als er in Santiago ankam, wurde er abgeholt und in eine Pension am Cerro Santa Lucía gebracht. «Gegenüber waren Wiesen damals. Es blühten Gänseblümchen und die Kastanien». Peter Wessel war in seinem neuen Zuhause angekommen.
Es dauerte nicht lange, bis er Herta Vinz kennenlernte – aus Deutschland wie er, und sie arbeitete auch bei Ultramar. Sie wurde seine «Polola», jedoch waren sie über längere Zeiten getrennt, da er nach Punta Arenas geschickt wurde. Als er wieder in Santiago ankam, hörte er, dass Herta wieder nach Deutschland zurück wollte und schon die Schiffspassage gebucht hatte. «Lassen Sie sie bloß nicht los. Heiraten Sie sie! Ich werde Ihnen die Hochzeit ausrichten». Der Ratschlag kam genau richtig, und das Angebot war überaus großzügig. Es kam von Albert von Appen, seinem Arbeitgeber, der ihm ein väterlicher Freund und Förderer geworden war.
Peter Wessel und Herta Vinz heirateten 1961. Don Alberto, wie ihn Peter Wessel bis heute respektvoll nennt, ermöglichte auch die Hochzeitsreise: mit einem Passagierschiff von Buenos Aires nach Genua und zurück per Flugzeug. 1962 wurde der Sohn Joachim geboren und 1968 kam die Tochter Patricia zur Welt. Das Ehepaar führte ein erfülltes Leben, konnte viel reisen, lief zusammen Ski. Sie teilten die Liebe zur Musik, seine Frau spielte Klavier, beide liebten Beethoven, Mozart und Schubert. Seinen 50-jährigen Geburtstag feierte Peter Wessel in Hamburg. 2006 machten sie eine letzte Nostalgiereise zusammen an die Mosel.
Das Glück währte bis Januar 2007, als seine Frau an Krebs starb. «Sie war zu gut für diese Welt», sagt Peter Wessel. Sein Blick verdunkelt sich. Noch heute fällt es ihm schwer zu akzeptieren, dass seine Frau nicht mehr da ist. Er lebt seitdem alleine in Santiago, weil seine beiden Kinder in Puerto Varas ihr Zuhause gefunden haben. Dorthin möchte er nicht ziehen, weil er das Klima in Santiago so schätzt.

Ultramar und die deutsch-chilenische Gemeinschaft
Zudem hat er natürlich hier in Santiago seine zahlreichen Aktivitäten. Erst nach und nach hat er sich von ihnen zurückgezogen. So ist er erst Ende 2013 bei Ultramar verabschiedet worden – mit 81 Jahren. «Don Alberto würde es nicht glauben, wie groß und bedeutend Ultramar heute ist», erinnert er sich an den Firmengründer, mit dem er sein Leben lang eine besondere Verbindung gehabt hat, ebenso wie mit seinen Söhnen Wolf und Sven von Appen.
Bei Ultramar war Peter Wessel zum Schluss auch für die Betreuung der Auszubildenden von Insalco zuständig. Seine Tätigkeiten in den deutsch-chilenischen Institutionen begann er in den 80-er Jahren, als er im Club Manquehue in die Aufnahme-Kommission berufen wurde, der er bis heute angehört. In den 90-er Jahren war er für zwei Perioden Mitglied des Direktoriums und schied Ende 1999 als Vizepräsident aus. Zur selben Zeit war er Mitglied im Vorstand des Cóndors, dem er als Präsident bis Ende des vergangenen Jahres treu war.
Dem DCB gehört er seit mehr als 20 Jahren an, war für zwei Perioden Vorsitzender des Vorstands und ist bis heute als Beirat im Vorstand und als solcher weiterhin im Komitee des Emil-Held-Archivs. Er erinnert sich sehr gerne an die Verleihung der Anwandter-Medaille, die von der «Liga» vergeben wird. «Ich wusste bis zur Zeremonie nicht, an wen die Medaille übergeben werden würde. Als dann mein Sohn Joachim auf dem Bühne erschien und die Laudatio auf seinen Vater hielt, war der Bann gebrochen», erzählt er.
Inzwischen hat er mehr Zeit für seine Kinder und vier Enkel – drei Mädchen und ein Junge zwischen 18 und 25 – und die Reisen nach Puerto Varas. «So habe ich genug zu tun», sagt Wessel. «Ich hätte ja gerne Geschichte studiert», erzählt er ganz zum Schluss. Sein eigenes Leben ist ein Teil davon – die Geschichte eines deutschen Kriegskindes.

Petra Wilken

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