Deutscher Diplomat mit Vorliebe zu lateinamerikanischer Politik

Es ist etwas absolut Außergewöhnliches, dass der Leiter des Referats für Wirtschaft, wissenschaftlich-technologische und entwicklungspolitische Zusammenarbeit der Deutschen Botschaft in Santiago einen chilenischen Nachnamen trägt. Der Grund ist denkbar einfach: sein Vater ist Chilene. Er lebt seit den 1970er Jahren in Deutschland und gründete dort seine Familie.

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Von Walter Krumbach

Christian Gayoso übernahm seine jetzige Aufgabe im Juli 2014. Die Bundesrepublik Deutschland setzt gegenwärtig den Akzent auf globale Themen, wie erneuerbare Energie, Energieeffizienz, Klima und Umwelt. Das bedeutet, dass Gayoso sich (nicht nur) mit diesen Bereichen auseinandersetzt. Dazu kommt Außenwirtschaftsförderung, was zum Beispiel bedeutet, deutsche Unternehmen zu fördern und zu beraten. Vor allem makroökonomische Berichterstattung nach Berlin zu senden, sowie die wissenschaftlich-technologische und die Entwicklungszusammenarbeit zu fördern.
Von großer Relevanz ist gegenwärtig die Zusammenarbeit auf dem Gebiet berufliche Bildung: «Wir haben heute mit Chile in diesem Bereich eine gute Kooperation», meint Gayoso, «und wir haben die Rohstoffpartnerschaft, die ihren jüngsten Höhepunkt hatte, als im Oktober die Präsidentin in Deutschland war und das Rohstoffforum in Berlin stattgefunden hat». Er glaubt außerdem, dass «ein weiteres Thema einen Aufschwung erleben wird: das Wasser, wegen der Knappheit, aber es geht auch um die Wassereffizienz. Was können wir tun, um Chile hierbei zu unterstützen».
Vor einigen Wochen fand in Valparaíso die Water-Week statt. Aus Deutschland waren Experten angereist, die über die Tätigkeiten, die in diesem Bereich dort geleistet werden, referierten: «Deutschland hat gute Normen und Kontrollmechanismen, um die Wasserqualität zu überwachen und das Grundwasser zu schützen. Ich denke, das kann hier auch durchaus ein Thema der Zusammenarbeit sein».
Unter den bereits erwähnten Themen und von seinem ganz persönlichen Standpunkt aus betrachtet, glaubt Christian Gayoso, dass die berufliche Bildung besonders wichtig ist: «Für die wirtschaftliche Weiterentwicklung ist sie essentiell», glaubt er, «und wir haben in Deutschland ein gutes System der Handwerkerausbildung». Christian Gayoso kommt aus einer ländlichen Region. «Da kann man beobachten, dass der Fliesenlegermeister ein höheres Ansehen und auch ein höheres Einkommen hat als vielleicht einer der vielen Rechtsanwälte, die sich dort niedergelassen haben. Mit diesem Potenzial können wir einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der beruflichen Bildung leisten ».

Fachkräfte sind vonnöten
Die chilenische Wirtschaft, die Industrie braucht Fachkräfte. Da «wir auf dem Gebiet so viel anzubieten haben, kann man viel tun», glaubt er. Gayoso gibt dabei zu bedenken, «dass wir sicherlich nicht das deutsche Modell eins zu eins nach Chile übertragen können. Dazu sind die Ausgangsbedingungen zu unterschiedlich. Aber es gibt bestimmt einige Elemente, die man in Chile stärker verankern könnte und damit insgesamt das Niveau der Berufsbildung anheben, dann wäre schon ein wichtiger Schritt getan». Für das Land hätte dies allerdings nur Erfolg, so Gayoso, «wenn es auf einer strukturellen Ebene erfolgt. Ich habe den Eindruck, dass die chilenische Regierung daran ein großes Interesse hat und es auch selber als ein Thema erkannt hat, bei dem sie viel tun kann».
Hierbei handelt es sich um längerfristige Projekte: «Das kann ich mit Sicherheit nicht abschließen», lächelt er, «mein Nachfolger auch nicht und viele darauffolgende werden wahrscheinlich auch daran arbeiten müssen, aber wenn man keinen Anfang macht, dann kann man auch nicht zum Ende kommen».
Christian Gayoso kam in Frankfurt am Main zur Welt. Er wuchs in Bitburg, der Stadt der beliebten Biersorte «Bitburger Pils» in der Eifel auf. Dort machte er auch sein Abitur, um anschließend in Trier Politik und Geschichte zu studieren. Im Jahr 2003 machte er in der Deutschen Botschaft in Santiago ein Praktikum, 2004 verbrachte er ein Dreivierteljahr in Buenos Aires, wo er in der Deutsch-Argentinischen Handelskammer und bei einer Senatorin zwei Praktika absolvierte. «Das war sehr interessant, weil ich die Senatorin ins Plenum begleiten durfte», erinnert er sich; «damals fiel mir eine andere Senatorin besonders auf, weil sie immer mit einer besonders großen Gruppe von Beratern hereinkam und jeden Tag neue Outfits defilierte und jedesmal mit ‚Hola gente, cómo están‘, grüßte. Es war Cristina Fernández. Sie hat damals schon einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen».
Seine Abschlussarbeit schrieb er über Argentinien unter der Präsidentschaft von Néstor Kirchner. Nachdem er sein Studium erfolgreich beendet hatte, arbeitete er für einen Bundestagsabgeordneten in Mannheim. Nach einem Jahr entschloss er sich, zu promovieren. In den folgenden drei Jahren schrieb er seine Arbeit über «Konflikt und Kooperation in der chilenischen Concertación». Dies bedeutete, sich täglich über viele Stunden «intensivst mit Chile zu beschäftigen».
Er flog nach Santiago, um einige Interviews zu führen, weil er gewisse Thesen, die er in der Arbeit entwickelt hatte, überprüfen wollte: «Ich war davon beeindruckt, wie leicht es in Chile war, Zugang zu hochrangigen Persönlichkeiten zu bekommen». Gayoso wandte sich zum Beispiel per E-Mail an Patricio Aylwin, mit der Bitte, ihn treffen zu dürfen, um ihn zu diesen Dingen zu befragen. Eine Woche später hatte er einen Termin bei dem ehemaligen Staatspräsidenten. Ebenso erging es ihm mit Ricardo Lagos, Edgardo Boeninger und Carlos Ominami: «Alle waren bereit, einen Studenten aus Deutschland, von dem sie vorher nie etwas gehört hatten, zu empfangen und mit ihm über seine Thesen zu sprechen. Das fand ich sehr beeindruckend». Die Promotion war erfolgreich und erschien später im Nomos-Verlag.

In Berlin mit Brasilien im Visier
2010 ging er ins Auswärtige Amt und absolvierte die Diplomaten-Akademie. Nachdem er die Ausbildung abgeschlossen hatte, wurde er in die Zentrale des Auswärtigen Amts versetzt, wo er als Länderreferent für Brasilien tätig war. «Das war höchst interessant», findet er, «weil da wahnsinnig viel passiert ist. Man denke nur an die Massendemonstrationen und die Vorbereitungen auf die Fußball-WM im Jahre 2014 und alles, was damit verbunden war».
Seit Mitte 2014 lebt Christian Gayoso mit seiner Familie in Santiago. «Man kann hier sehr gut leben», hat er festgestellt. Sowohl er als auch seine Frau hatten Chile vorher kennengelernt, «insofern war der Einstieg für uns einfach. Wir hatten keinen Kaltstart». Gewöhnungsbedürftig schien ihm die große Stadt Santiago mit ihrem Smoganteil – «und die Preise – die sind ja sehr hoch, vor allem die der Grundnahrungsmittel, wie Butter und Milch».
Für seine Hobbys hat er wenig Zeit, nicht nur wegen seinem Arbeitsaufwand. Bekanntlich haben Diplomaten auch abends – wenn der gewöhnliche Mensch seinem Vergnügen nachgeht – Verpflichtungen, und dazu kommen in diesem Fall zwei kleine Kinder, «die beanspruchen Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit». Gayoso liebt Lesen und entspannt beim Ausdauersport, «ich habe aber beides lange nicht mehr machen können. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich außerdem mehr Fernsehserien anschauen. Es gibt da grandiose Geschichten, besonders die politischen wie ‚House of Cards‘. Es macht sehr großen Spaß, das zu gucken und dabei kann ich sehr gut entspannen».
Diplomaten verbringen eine große Zeit ihres beruflichen Lebens im Ausland. Damit gehören sie zu den wenigen privilegierten dieser Erde, die sich ihre Wirkungsstätten aussuchen (oder zumindest anfordern) können. Christian Gayosos Lieblingsbestimmung für die Zukunft wäre New York: «Eine großartige Stadt, Sitz der Vereinten Nationen und damit für Diplomaten sehr interessant. Als ‚Welthauptstadt‘ wo vieles zusammenfließt und entscheidende Weichen gestellt werden, da einmal mitzuwirken zu dürfen, das wäre schon toll…»

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