Deutsche Technik und lateinamerikanische Gelassenheit

Seit Mitte Juli ist Ludwig Hecker neuer Geschäftsführer bei Ferrostaal Chile. Doch für den Deutschen stellen weder das Unternehmen noch das Land ein unbekanntes Terrain dar: Bereits von 1997 bis 2002 war der 46-Jährige hier in der Firma tätig. Und seine Ehefrau ist Deutsch-Chilenin.

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Und das kam so: Der gebürtige Bayer arbeitete Anfang der 90er Jahre in einem Ingenieur- und Planungsbüro im Bereich Haustechnik für den Großraum Bayerische Alpen, Oberbayern und München. Zu den herausragendsten Projekten zählte die Kanalsanierung der Theresienwiese in der bayerischen Hauptstadt, auf der jährlich das bekannte Oktoberfest gefeiert wird. Kostenpunkt damals: fünf Millionen D-Mark. Und auch die Installation der Sprinkleranlage im Franz-Josef-Strauß-Flughafen wurde unter seiner Leitung abgewickelt.

Doch dann bahnte sich ein Projekt ganz anderen Formates für ihn an. Die Deutsch-Chilenin Katja Riegel absolvierte 1990 ein Auslandspraktikum für Gartenarchitektur in München. Und es gab eine gemeinsame chilenische Freundin. Ludwig Hecker erinnert sich: «Eines Tages stand Katja dann zu Besuch vor unserer Haustür. Die war es dann.» Das Pärchen heiratete 1993. Und Ende des gleichen Jahres ging´s nach Chile. «Sie hatte Heimweh», erklärt Ludwig Hecker. Doch er räumt gerne ein, dass von seiner Seite auch eine gewisse Portion Neugier und die Lust auf neue Erfahrungen hinzu kamen.

 

Von Chile nach Mexiko

Vier Jahre lang arbeitete Ludwig Hecker bei der von seinem Schwiegervater Wilfred Riegel geleiteten deutsch-chilenischen Firma Coditec in Santiago und lernte dort von ihm das Handwerkszeug des Kaufmanns, bevor er 1997 zu Ferrostaal wechselte. Beim Industriedienstleistungsunternehmen mit Stammsitz in Essen wickelte er Vorhaben sowohl im Berg- als auch im Industrie-Anlagenbau ab.

Von 2002 bis 2004 war er schließlich in einem sogenannten Offset-Geschäft tätig: Unter dem damaligen Präsidenten Ricardo Lagos und der Verteidigungsministerin Michelle Bachelet sollte die chilenische Marine mit dem Kauf von deutschen Fregatten modernisiert werden. Ein Teil der Rüstungsgüter wird dabei nicht nur mit Geld, sondern mit Dienstleistungen und spezifischer Wirtschaftsförderung bis hin zu Investitionsprojekten bezahlt.

Schließlich stand jedoch ein neuer großer Wechsel an. Ludwig Hecker übernahm die Geschäftsleitung bei der Niederlassung des deutschen Baustoffherstellers Xella in Chile und folgte Ende 2009 folgte dem Ruf nach Monterrey in Mexiko, wo er für dasselbe Unternehmen als Geschäftsführer für den mexikanischen und US-amerikanischen Markt zuständig war. Und zwar rund fünf Jahre lang. «Es war eine sehr interessante Zeit, ich bin beruflich gut vorangekommen. Leider aber war das Leben auch sehr anstrengend.»

Gemeint sind die bewaffneten Konflikte zwischen Polizei- und Militäreinheiten auf der einen und Drogenbanden auf der anderen Seite, aber auch die Verteilungskämpfe der Kartelle untereinander. «Mexiko ist ganz klar fest im Griff des organisierten Verbrechens», urteilt Ludwig Hecker und führt den sogenannten Ejecutometro an. Diesen Index veröffentlichen die mexikanischen Zeitungen, und er zeigt nicht etwa die Smogbelastung, sondern die tägliche Zahl der Ermordeten dieses innerstaatlichen Krieges an. Laut Schätzungen hat der Drogenkrieg seit 2006 mehr als 70.000 Opfer gefordert.

«Als ausländischer Geschäftsmann war meine Strategie immer gewesen, möglichst nicht aufzufallen und Zurückhaltung zu üben», führt Ludwig Hecker bezüglich des Drogenkonflikts und der hohen Kriminalitätsrate in Mexiko aus. Doch auf Dauer wollte die Familie nicht ständig mit diesem Sicherheitsrisiko leben. «Als das Jobangebot aus Chile kam, meinte meine Frau nur: ´Das hat uns der Himmel geschickt.´ – Und ich habe sofort zugesagt.»

 

Solide und seriös

Chile hat sich in der Zwischenzeit verändert, wie Ludwig Hecker feststellen musste. «Die Mexikaner sind sehr nett und freundlich. Die Chilenen haben dagegen ein wenig von dieser lateinamerikanischen Leichtigkeit und Gelassenheit verloren. Sie sind im Umgang etwas nüchterner geworden.» Liegt das vielleicht an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung, in der Chile in den vergangenen 15 Jahren eine solide und konstante Wachstumsrate vorweisen konnte? Ludwig Hecker: «Chile ist in Sachen politischer und ökonomischer Stabilität ganz klar die Nummer eins in Lateinamerika. Es geht hier transparenter und seriöser zu, und der allgemeine Umgang ist wettbewerbsbezogen: zwar hat, aber fair.»

Auch Ferrostaal sei gewachsen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 260 Angestellte und Vertragspartner. Noch immer würde zwar das klassische Geschäftsmodell im Vertrieb von Maschinen und Verbrauchsgütern sowie im Service des graphischen und Druckgewerbes sowie in der der Verpackungs- und Holz verarbeitenden Industrie liegen. Doch der Bergbau habe deutlich an Bedeutung gewonnen. In der Codelco-Kupfermine «El Teniente», wo Ferrostaal die Wartungsarbeiten des Schienenequipments ausführt, wurde das Unternehmen als einer der sieben besten Dienstleister von insgesamt 300 gewählt. Ein Erfolg, der nicht von ungefähr kommt. «Wir bemühen uns im Service und der Produktlieferung integrale, effiziente, flexible und kundenorientierte Lösungen zu bieten.»

Und so sieht Ludwig Hecker für Ferrostaal auch zukünftig «große Möglichkeiten», wie er sagt, als Industriedienstleister auf dem chilenischen Markt zu agieren. Also Ende gut, alles gut?

Nicht ganz. «Mich haben die Verkehrsstaus in Santiago geschockt, als ich hier wieder herkam. Das ist ja schlimmer als in Mexiko City!» Teilweise bis zu 20 Minuten benötigt der Deutsche, um aus der Tiefgarage in der Straße Vitacura zu kommen, in der Ferrostaal seine Geschäftsbüros hat. Und dann braucht er noch einmal eine geschlagene Stunde, um sich durch den Feierabendverkehr zur nördlichen Gemeinde Colina zu quälen. «Wenn nicht bald die Straßen dieser Situation angepasst werden, führt das zum Chaos.»

 

Praktiker am Werk

In dem Vorort hat sich die Familie vor zwölf Jahren ein eigenes Haus gebaut, das während ihrer Abwesenheit vermietet wurde. Bei der Konstruktion hat der «Praktiker» Ludwig Hecker, wie er sich selbst bezeichnet, sein Wissen und seine Erfahrungen als Techniker einfließen lassen: Solaranlage und Fußbodenheizung sowie eine gute thermische Isolierung machen den Einsatz von Gasöfen überflüssig.

Überhaupt schwört der 46-Jähriger auf die duale Berufsausbildung, bei der Ausbildungsbetrieb und staatliche Berufsschule miteinander verzahnt werden und die er selbst in Deutschland genossen hat. Er machte zunächst eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauergesellen und legte im Anschluss nach zweijährigem Studium die Meisterprüfung ab. Es folgte berufsbegleitend im Ingenieurbüro eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker. «Mein heutiges Verständnis von technischen Zusammenhängen baut immer noch auf dieser Lehre auf. Das kaufmännische Wissen habe ich mir im Laufe der Zeit angeeignet.»

Das duale System mit seinem Praxisbezug garantiere der deutschen Wirtschaft gut ausgebildete Facharbeiter und wäre für Chile sicherlich ein Vorbild, um die große Herausforderung der Bildungsreform anzugehen, meint Ludwig Hecker. «Letztendlich geht es darum, nicht nur Akademiker auszubilden, sondern auch Fachkräfte, die im produzierenden Gewerbe durch weiterverarbeitete Produkte die Wertschöpfung erhöhen und somit dem Land einen Wohlstand zu verschaffen, der nicht nur überwiegend auf Rohstoffexporten beruht.»

In seiner Freizeit bemüht sich der Deutsche allerdings darum, solch knifflige Fragen nicht mit dem Familienleben zu vermischen. Das Paar hat drei Kinder: Die 21-jährige Sophie studiert Jura in Deutschland, die 17-jährige Ilona und die 5-jährige Felizitas besuchen die Ursulinen-Schule in Santiago. Der Vater selbst gärtnert gerne, spielt Golf und liebt Pferde.

Den Pferdesport wie Fahren und Reiten betreibt Ludwig Hecker leidenschaftlich schon seit Kindheitstagen. Als letztes von sechs Kindern wurde er auf dem Wiedenhof in Wörnsmühl geboren, einem Dorf im Süden von Bayern. Sein Zuhause war ein 500 Jahre alter Bauernhof, der sich seit mehreren Generationen in Familienbesitz befindet – eben ein ländliches Idyll. «Es ist dort einfach traumhaft schön, wie beim chilenischen Villarrica- oder Rupanco-See, nur ohne Vulkane.» Und auch die Lebensart und Mentalität seien sich ähnlich, so Ludwig Hecker. «Wir Bayern sind ja etwas entspannter und relaxter, vergleichbar mit den Lateinamerikanern. Das ist sicherlich ein Grund, weshalb es mir hier so gut gefällt.»

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