Deutsche Sprache spielend lernen

Im vergangenen Jahr weihte die DS Santiago ihren neuen Kindergarten an der Straße Cerro Colorado ein. Er liegt «gleich um die Ecke» an der Abteilung Las Condes, wo die Oberstufe ihren Sitz hat. Der freundliche, geräumige Bau besitzt eine für die involvierten Pädagogen und Kinder ideale Infrastruktur, worauf seine Abteilungsleiterin Gabriela Werner besonders stolz ist.

Im März 2012, kurz vor dem Umzug in den neuen Standort, übernahm sie diesen verantwortungsvollen Posten. Allerdings kamen ihr sechs Jahre Erfahrung als stellvertretende Leiterin zugute.

Gabriela Werner arbeitet seit 1992 als Kindergärtnerin an der DS Santiago. Sie hatte an der Universidad Metropolitana de Ciencias de la Educación studiert, «weil bei der dortigen Kindergärtnerinnenausbildung die deutsche Sprache mit inbegriffen war». Nach dem abgeschlossenen Studium war sie zunächst zwei Jahre an einem privaten Kindergarten tätig, um anschließend bei der Deutschen Schule anzufangen.

300 Kinder werden in Cerro Colorado betreut. Eine ansehnliche Menge, möchte man meinen, die Kenntnisse, Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert. Wie wird man in einem Klassenraum mit 30 jungen Leben fertig? «Kinder sind lieb, sind offen, es ist einfach, mit ihnen umzugehen», protestiert Gabriela Werner auf unsere Frage, «es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Sie sind wissbegierig und der Kontakt zu ihnen ist immer etwas sehr Lebendiges. So ein Vormittag mit Kindern geht immer sehr, sehr schnell vorbei. Ich vermisse heute, im Klassenraum zu sein, um etwas mit ihnen zu unternehmen».

Gabriela Werner ist in Puerto Varas geboren und in Llanquihue aufgewachsen. In ihrer Heimatstadt besuchte sie den Kindergarten, die erste und die zweite Klasse machte sie in Puerto Varas, die dritte bis zur achten besuchte sie ihn Osorno. Damals waren die Straßen noch nicht so gut wie heute und die Kinder wurden ins Internat geschickt. Gabriela Werner meint dazu überraschend: «Das waren schöne Zeiten. Wir waren viele Kinder und meine beiden älteren Geschwister lebten ebenfalls in dem Internat. So entstand eine gute Atmosphäre für mich. Außerdem hatten wir Tanzstunde und Ballettunterricht. Es war ein Vorteil, mit anderen Menschen zusammen leben zu müssen. Das ist für mich etwas Positives gewesen.»

Als sie in die Oberstufe kam, meldete sie sich am Wirtschaftsgymnasium der DS Santiago an, wo sie sich als Sekretärin ausbilden ließ. Langsam war allerdings der Drang, einen Beruf auszuüben, wo sie ständig mit Menschen in Kontakt sein würde, größer. Dabei merkte sie, dass dieses Bedürfnis sich eher auf Kinder als auf Erwachsene bezog. Die Entscheidung, Kindergärtnerin zu werden, war nun lediglich eine Frage der Zeit. Heute ist sie absolut davon überzeugt, dass diese Berufswahl die endgültige und die richtige war.

 

Ideale Bedingungen

Nach 22 Jahren Tätigkeit an der DS Santiago weiß sie ihren Arbeitsplatz zu schätzen. Die Bedingungen sind sowohl für die Arbeitskräfte als auch für die Lernenden ideal. Im Jahre 2009 wurde ein neues Deutschkonzept eingeführt: In jedem Klassenraum betreuen zwei Erzieherinnen die Kinder. Eine spricht sie nur auf Deutsch, die andere nur auf Spanisch an. So haben weder Mutter- noch Fremdsprachler Kommunikationsschwierigkeiten, nicht einmal während der ersten Tage im Präkindergarten. Die erste Generation, mit der dieses Konzept angewandt wurde, besucht derzeitig die 3. Klasse.

«Wir haben mit ihr sehr gute Ergebnisse gehabt», versichert Gabriela Werner, «es wird mehr Deutsch gesprochen, mehr Deutsch verstanden. Was die Kinder nun spontan sprechen, das kommt ein bisschen später, aber sie verstehen in der Tat viel mehr als vorher, weil am Vormittag ständig beide Sprachen gesprochen werden».

Als Hauptaufgabe erachtet Gabriela Werner die Herstellung einer guten Verbindung zwischen dem Zuhause von jedem Kind und der Schule. «Wir bereiten die Kinder hier auf die erste Klasse vor», sagt sie, «wobei wir immer darauf achten, dass sie es im ,Spielstil‘ tun. Wir möchten nicht, dass die Kinder, wie es in anderen Schulen üblich ist, schon mit fünf oder sechs Jahren im Stil von einer ersten Klasse arbeiten. Alle ihre Aktivitäten sollen sie spielend bewältigen, damit sie sie sich wie zu Hause wohlfühlen, aber trotzdem dabei lernen. Andererseits wünschen wir, dass die Kinder hier glücklich sind, dass sie gerne in die Schule kommen, damit sie, wenn es ernster wird, das heißt, wenn sie in die erste Klasse kommen, dass sie vorbereitet sind, damit der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule harmonisch verläuft».

 

Die Angst der Eltern

Trotz der idealen erzieherischen, verwaltungstechnischen sowie infrastrukturmäßigen Voraussetzungen hat Gabriela Werner noch Träume, die darauf hin zielen, ihre Tätigkeit zu verbessern: «Als ich vor über 20 Jahren anfing, hatten die Eltern mehr Vertrauen. Heute fällt mir auf, dass sie mehr Angst haben als damals. Damit meine ich nicht nur unsere Eltern, sondern die Gesellschaft überhaupt. Man sieht es auf verschiedenen Gebieten. Man lebt in Angst und überlegt sich, was kann morgen oder übermorgen passieren. Man sollte aber eher das jetzt und heute genießen».

In ihrer Freizeit beschäftigt sich Gabriela Werner mit ihrem vierjährigen Sohn, der übrigens den Präkindergarten der DS Chicureo besucht. Eines ihrer Lieblingshobbys ist Lesen, welches sie gegenwärtig mit dem Jungen teilt: «Ich lese jeden Abend mit ihm Kinderbücher». Zur Literatur, die ihr behagt, kommt sie eigentlich kaum. Die muss bis zu den Sommerferien warten: «Ich habe sehr viele Bücher zu Hause – ich liebe Bücher!»

Wer viel liest, kann gute Tipps geben. Gabriela Werner empfiehlt auf unsere Bitte nach kurzem Überlegen «Die Säulen der Erde», den historischen Roman von Ken Follett. Überhaupt liest sie am liebsten Bücher, deren Inhalt auf einem geschichtlichen Hintergrund basiert.

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit besucht sie ihre Mutter in Llanquihue. Familienkontakte aufzufrischen und enger zu knüpfen tut bekanntlich gut, dazu bedeutet es ihr einen außergewöhnlichen Genuss, die großen satten grünen Wiesen des schönen Südens zu betrachten.

Wenn sie daheim ist, erfreut sie sich an ihrem Garten. «Als mein Sohn noch nicht geboren war, habe ich viel mehr Sport getrieben», erinnert sie sich. Besonders gern fuhr sie auf dem Fahrrad. Gegenwärtig hat sie sich andere Prioritäten gesetzt, und die allererste unter ihnen ist natürlich der Junge. «Den Sport vermisse ich ein bisschen, aber es wird wieder einmal kommen…»

 

Von Walter Krumbach

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*