Deutsche Frauenpower

Den Berliner Mauerfall und die Wiedervereinigung hat Cornelia Sonnenberg nicht mehr direkt in ihrer Heimat miterlebt. Doch dafür konnte sie die rasante wirtschaftliche Entwicklung Chiles in den vergangenen drei Jahrzehnten durch ihr Wirken in der Auslandshandelskammer (AHK) hautnah mitverfolgen und aktiv mitgestalten.

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Von Arne Dettmann

Werden Deutsche hierzulande gefragt, weshalb sie ausgerechnet nach Chile kamen, dem Land am Ende der Welt, dann lautet die Antwort meist: entweder wegen der Arbeit oder der Liebe. Im Fall von Cornelia Sonnenberg trifft beides zu.
Und das kam so: Geboren wurde sie 1961 in der Hansestadt Wismar an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in der Landeshauptstadt Schwerin. Später studierte sie in Berlin Wirtschaftsgeschichte, obwohl ihr Journalistik eigentlich lieber gewesen wäre. «Schreiben macht mir Spaß, doch just als ich 1980 in der DDR starten wollte, gab es keine freien Plätze.» Stattdessen studierte sie an der Hochschule für Ökonomie wirtschaftliche Zusammenhänge und eignete sich Wissen über regionale Integration an.
«Wahrscheinlich liegt hier mein Faible fürs Ausland begründet», erklärt Cornelia Sonnenberg rückblickend. Fest steht, dass die damals 25 Jahre junge Frau die Verhältnisse in der DDR als zu beengend empfand. Und dass die Mauer einmal fallen würde, daran war überhaupt nicht zu denken. Ein bis zur Rente vorgezeichnetes Leben schien ihr jedenfalls unattraktiv. «Ich fand die Option ins Ausland zu gehen sehr spannend.» Mit anderen Worten: «Ich wollte mehr!» Und somit ging sie 1986 mit ihrem chilenischen Mann und dem gemeinsamen Sohn den Schritt: Berlin – Santiago, ohne retour.

Aller Anfang ist schwer
Die ersten Jahre in Chile waren alles andere als einfach. Um sich und ihren Sohn nach der Trennung vom Partner über Wasser zu halten, habe sie sich mit vielen Halbtagsjobs durchs Leben geboxt. So gab sie nicht nur Deutschkurse beim Goethe-Institut, sondern arbeitete auch in der Projektevaluierung der Kindernothilfe. Das Geld war leider trotzdem oftmals knapp. Rettung versprach eine Zeitungsanzeige der deutschen Firma Hoechst, die eine Mitarbeiterin für den Bereich Import/Export suchte.
Der nächste berufliche Sprung erfolgte dann 1992, als die deutsche Auslandshandelskammer Chile einen neuen Leiter für den Messebereich einstellen wollte. Gemeinsam mit Marlene Grollmus – sie ist noch heute ihre Kollegin in der AHK – übernahm Cornelia Sonnenberg diese Aufgabe, bis sie schließlich nach vier Jahren von einer deutschen Firma abgeworben wurde.
«Ich dachte damals: Willst du diesen sicheren Job bei der AHK wirklich aufgeben?» Doch die zwei Jahre bei der deutschen Firma, die sich zu jener Zeit auf dem chilenischen Markt mit der sachgerechten Behandlung von Krankenhausabfällen etablieren wollte, wurden zu einem reichen Erfahrungsschatz, der ihr für die spätere Arbeit bei der Auslandshandelskammer sehr zugute kam.
Der damalige Geschäftsführer der AHK Chile, José Volker Rehnelt, hatte seine ehemalige tüchtige Mitarbeiterin nicht vergessen und holte Cornelia Sonnenberg wieder zurück ins Boot. Nun sollte sie den Firmenpool in der kommerziellen Abteilung – darunter fallen Beratung und Dienstleistungen für Firmen – der Kammer übernehmen. Mit Erfolg: Als sie dort anfing, waren es zwei Angestellte in dieser Sparte; heute arbeiten im kommerziellen Bereich zehn Mitarbeiter, die einen Umsatz von einer Million Euro erzielen.

Leiterin der AHK Chile
Die letzte berufliche Sprosse erklomm Cornelia Sonnenberg 2007, als die Stelle der Hauptgeschäftsführung frei wurde. Normalerweise übernimmt der DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) als Dachorganisation der 120 AHK-Standorte weltweit die Entsendung der jeweiligen Leiter. Doch als sich Cornelia Sonnenberg als lokale Fachkraft auf den Posten bewarb, machte der DIHK eine Ausnahme. «Und so lange man sich hier nicht zur Ruhe setzt, sondern zeigt, dass man sich einbringt, gibt es auch solche Chancen.»
So wurde sie zur Geschäftsführerin der inzwischen größten binationalen Handelskammer in Chile. Mit ihren 40 Mitarbeitern, die einen jährlichen Umsatz von drei Millionen Euro erwirtschaften, und den 640 Mitgliederfirmen zählt die AHK Chile unter allen Vertretungen zu den Top 15. Ein tolles Team sei das Geheimnis dieses Erfolgs, ebenso wie ihr Mann, der sie uneingeschränkt unterstützt und ihr den Rücken frei hält.
Seit der Zeit, als Cornelia Sonnenberg bei der Handelskammer anfing, hat sich viel getan. Die AHKs sollen generell die Unternehmensinteressen vertreten und die wechselseitigen Handelsbeziehungen fördern. Doch längst setzt die AHK Chile – auch bekannt als Deutsch-Chilenische Industrie- und Handelskammer (Camchal) – eigene Akzente. Erneuerbare Energien, Bergbau, Hightech-Lösungen, Retail und Agro seien Themen, bei denen die Camchal möglichst frühzeitig Neuerungen an die Unternehmen heranbringt, so Cornelia Sonnenberg.
«Wir haben festgestellt, dass bei der Einführung von Innovationen oftmals hier in Chile die Kenntnisse fehlen. Dann heißt es: „Es ist ja schön, dass sich die Deutschen einen solchen Luxus leisten, aber wir können damit nichts anfangen.“» Daher biete die Kammer – beispielsweise für Erneuerbare Energien und Umwelttechnik – Weiterbildungsprogramme sowie Beratungen an. Ausbildungsprogramme zum «Innovationsmanager» oder zum «Energy Manager» ermöglichen es zudem, von deutschen Erfahrungen und erfolgreichen Beispielen zu profitieren. «Das ist das A und O für Chile. Handel und Technologietransfer können nur gefördert werden, wenn vor Ort das notwendige Wissen vorhanden ist.»

Entwicklungsschub in Chile
Sich in diesem positiven Sinne für Deutschland und Chile zu engagieren gebe ihr ein gutes Gefühl sowie die Zufriedenheit, etwas zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen beider Länder beizutragen. Chile habe aber nicht nur in den vergangenen Jahrzehnten einen gewaltigen Entwicklungsschub erfahren. Auch die Menschen hätten sich verändert. «Ich glaube, die Chilenen sind heute offener geworden und interessieren sich mehr dafür, was in anderen Erdteilen passiert. Santiago ist viel internationaler geworden.»
Außerdem sei die Grundeinstellung der Unternehmer heute anders. «Die Firmen zeigen mehr unternehmerische Verantwortung und wollen sich zum Beispiel auch stärker bei der beruflichen Bildung engagieren, ein Trend, den wir als Kammer massiv mit Beratung und Best-Practice-Transfer unterstützen.»
Ihre Tätigkeit in der Handelskammer hat es Cornelia Sonnenberg auch erlaubt, stets den Kontakt zu Deutschland zu halten. «Wir Deutschen neigen bekanntermaßen dazu, über uns selbst immer schlecht zu reden. Doch aus der Ferne finde ich es bewundernswert, wie in Deutschland große Zukunftsthemen gemeinsam von vielen Akteuren angegangen werden. Da stellt man sich die Frage: „Wo wollen wir hin?“ – Und dann werden Hightech-Strategien oder Bildungspakte in einem großen Dialog entworfen und umgesetzt.»
Hingegen bedauert hat sie, dass sie den historischen Moment der Wiedervereinigung nicht direkt miterleben durfte. Doch ein «Stück» Heimat konnte sie trotzdem nach Chile holen: Vor zehn Jahren überredeten ihr Mann Mauricio und sie ihre Eltern, hierher nach Santiago zu ziehen. «Das war sicherlich für sie eine schwierige, für mich aber eine wunderbare Entscheidung.» Die Eltern haben sich gut eingelebt. Ihr Vater geht regelmäßig zum Skatspielen in den Club Manquehue, und beide genießen ihre chilenische Familie.
Somit gibt es für Cornelia Sonnenberg, die hier in Chile «hängen geblieben ist», wie sie selbst scherzhaft sagt, keinen Grund wieder nach Deutschland zu gehen. Der älteste Sohn arbeitet zwar in Hannover, doch die anderen beiden Kinder leben hier in Santiago. «Die Leichtigkeit des Seins der Chilenen, ihre Spontanität, aber auch das schöne Wetter gefallen mir. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, die ganze Zeit unter einem grauen Himmel zu leben.»
Dennoch empfinde sie jeden Besuch in ihrer alten Heimat – insbesondere Berlin – bereichernd. Der Umgang der Menschen dort sei zwar formaler, doch die Weltläufigkeit vieler Bürger, die Gespräche mit visionären Köpfen, die Transparenz und Ehrlichkeit, das Gefühl der Sicherheit und das gute Funktionieren der Infrastruktur würde sie einfach genießen. Und so können auch fast drei Jahrzehnte Chile und die Liebe zur südamerikanischen Wahlheimat eines nicht überdecken: «Ich fühle mich absolut als Deutsche. Und das ist auch gut so.»

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