Der mit dem Cello tanzt

6. Oktober 2011 von

An einem klassischen Beethoven-Streichquartett mitwirken und nachts in einem Salsa-Tanzlokal zu heißen Latino-Rhythmen wirbeln? Was als unvereinbar erscheint, ist für Martin Osten alles andere als ein Widerspruch. «Ein Cello kann man nicht verkrampft und stocksteif spielen», erklärt der deutsche Profi-Musiker, der beruflich schon durch die ganze Welt gereist ist und nun seit zwei Jahren an der Universidad Católica als Professor für Violoncello junge angehende Profi-Cellisten ausbildet.

Martin Osten mit seinem Cello, Baujahr 1866, von dem einflussreichen Geigenbauer Jean-Baptiste Vauillaume

 

Sicherlich: Cello spielen ist noch lange keine Religion. Und dennoch gibt es für Martin Osten – ähnlich wie im christlichen Glauben die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligen Geist – so etwas wie ein musikalisches Dreierbündnis: Da ist zum einen die intellektuelle Leistung, die Partitur-Analyse.. Doch das intellektuelle Verständnis des zu spielenden Musikwerks alleine mache noch keine richtige Musik. Erforderlich sei noch der körperliche Part, sprich die richtige Körperhaltung und das Erlernen von hochkomplexen Bewegungsabläufen zur Beherrschung des Instrumentes (genannt «Cellotechnik»). Und schließlich, drittens, die emotionale Expressivität: «Ich verlange stets von meinen Schülern, dass sie offen und expressiv sein müssen. Man braucht eine innerliche Faszination und Begeisterung, eine Passion, damit das Musikstück nicht gleichgültig und ausdruckslosbeim Hörer ankommt und in ihm etwas bewegt.»

Da verhält es sich ähnlich wie bei Salsa. Seit zehn Jahren geht Martin Osten – ob in Kuala Lumpur, Tokio oder Berlin – in Salsotecas, wo in erster Linie dieser lateinamerikanische Tanz aufgelegt wird. Während in der klassischen Tanzschule bei Walzer und Foxtrott – Martin war damals 14 Jahre alt – der zündende Funke nicht übersprang, verhielt es sich bei Salsa ganz anders. «Freunde schleppten mich damals mit zu einem Salsa-Kursus. Es hat total Spaß gemacht. Die Musik war für mich Ausdruck reiner Lebensfreude, die Rhythmen oft viel komplexer und interessanter als in der klassischen Musik, die Bewegungen cool und den ganzen Körper einbeziehend.»

Martin Osten absolvierte weitere Kurse, lernte verschiedene Stile und nahm sogar an zwei Salsa-Tanzshows teil. Doch mit diesen Leistungsdarbietungen war das Soll für ihn erfüllt. «Man läuft sonst in Gefahr, den Spaß am Tanzen zu verlieren.»

Und da verhält es sich wiederum wie beim Cello-Spielen. «Man merkt im Grunde sofort, ob jemand tatsächlich beseelt ein Musikstück inszeniert oder es einfach nur korrekt und ausdruckslos herunter exerziert.» Das Spielerische, Spontane und Inspirierte wie bei Salsa müsse bewahrt bleiben. Einen Tanz-Satz aus einer Cello-Suite von Bach vorzutragen bedeute oft, dass man mit dem Cello auch körperlich tanzen muss, erklärt Martin Osten. Dass in diesem Fall das Musikinstrument Cello sogar die äußerlichen Hüft- und Taillen-Rundungen einer Frau aufweist, ist für Martin Osten nur eine Bestätigung, sich voll und ganz auf diesen weiblichen «Tanzpartner» einzulassen.

 

Musik in der Muttermilch   

Musik habe er bereits mit der Muttermilch aufgesogen, erklärt Martin Osten. Der Vater spielte Bratsche, die Mutter übte sich in Geige und Gesang, zudem stand im Wohnzimmer ein Konzertflügel, unter dem Martin Osten bereits als Baby Beethoven und Bach lauschte. Mit sechs Jahren stieg der kleine Junge dann eine Etage höher und setzte sich selbst an den Flügel. «Meine Eltern zogen mich damals in Konzerte, Opern und andere musikalische Aufführungen. In einer Kirche war ich so sehr vom Orgelklang begeistert, so dass ich dachte: Das ist es!»

Doch nur vier Jahre später «überholte» das Cello das Klavier. «Es war die Liebe zum Klang, denn von allen Streichinstrumenten liegt das Cello der menschlichen Stimme am nächsten und ist vom Timbre am ergreifendsten.» Auch der weltberühmte Cellist Siegfried Palm sagte einmal: «Immer, wenn es in der Oper erotisch wird, muss das Cello her. Deshalb ist `Tristan´ die Cello-Oper par excellence.»

Martin Osten nahm fortan Cello-Unterricht, wenn auch nur ein Teil davon in seiner Heimatstadt Bonn. Denn sein Vater war als Diplomat tätig und zog somit alle drei Jahre mit Kind und Kegel in ein anderes Land. Seine ersten Lebensjahre verbrachte Martin Osten somit im Kamerun und Tschad, es folgten nach einer Zeit in Bonn Ungarn und schließlich Melbourne, Australien. «In Japan schließlich wurde ich von einem Cello-Lehrer unterrichtet, mit dem ich mich nur auf Französisch verständigen konnte.»

Doch das tat der musikalischen Karriere keinen Abbruch. Nachdem Martin Osten den deutschlandweiten Wettbewerb «Jugend musiziert» mit 16 Jahren gewonnen hatte, bestand an der zukünftigen beruflichen Laufbahn kein Zweifel mehr. Nach dem Abitur an einer American High-School in Tokyo ging es zunächst an die Universität der Künste in Berlin und dann per Stipendium jeweils ein Jahr an die University of Southern California in Los Angeles und die Rice University in Houston. Zurück in Deutschland folgte die angesehene Musikhochschule Lübeck, an der Martin Osten sein Studium mit dem Diplom beendete.

Die vielen Auslandsaufenthalte setzten sich nahtlos fort. Martin Osten gab Kurse und Meisterklassen und spielte als freischaffender Künstler bei Dutzenden Festivals, Radio-Aufzeichnungen und Konzerten in den USA, England, Neuseeland, Malaysia, Spanien, Italien, Japan, Polen, Ungarn und anderen Ländern mit. In Deutschland unterrichtete er im Jahr 2000 als Violoncello-Lehrer an der Musikschule Eutin, von 2003 bis 2005 war er Dozent beim Zephyr Music Festival in Italien, und von 2005 bis 2006 Mitglied der Münchener Kammersolisten. Neben seiner Tätigkeit bei zahlreichen Symphonie-Orchestern musizierte der Cello-Virtuose zudem bei den Berliner Philharmonikern und dabei oftmals unter den «12 Cellisten der Berliner Philharmoniker», eine eigene Cello-Gruppe von internationalen Rang, die   eigene Tourneen und CD-Aufnahmen machen.

 

Der Ruf nach Chile

In der deutschen Hauptstadt war es schließlich, als Martin Osten vor zweieinhalb Jahren ein ganz besonderes, ja schicksalhaftes Telefonat annahm. An der anderen Leitung war Constanza Dörr, eine Deutsch-Chilenin und Freundin seiner Familie, die in Leipzig Gesang studiert hatte. Und sie teilte ihm ein spezielles Stellengesuch mit: Die Universidad Católica würde händeringend einen Nachfolger für die Cello-Klasse suchen. «Lateinamerika hatte mich schon immer interessiert: Die Sprache und vor allem die viel spontaneren und herzlicheren Menschen.» Der Cello-Musiker schickte seinen Lebenslauf – und ein halbes Jahr später war er in Chile.

Sein Engagement hierzulande erstreckt sich über seine derzeit zwölf Cello-Studenten, die er wochentags von 12 bis 18 Uhr in der Universität unterrichtet, hinaus. Im Februar gab Martin Osten ein Kammermusikkurs am Teatro del Lago in Frutillar. Dieser Kontakt kam nicht zufällig zustande: Martin Osten und Uli Bader-Schiess, Intendant des musikalischen Veranstaltungszentrums und Opernhauses in Frutillar, kennen sich bereits von ihrer gemeinsamen Berliner Studienzeit her. Und beim landesweiten chilenischen Cellisten-Treffen in diesem Jahr und auch schon vor zwei Jahren in Santiago, organisiert von der Fundación de Orquestas Juveniles e Infantiles (FOJI), gab der Experte Unterrichtseinheiten für den Nachwuchs.

«Das FOJI-Projekt halte ich nicht nur musikallisch, sondern auch sozial für äußerst wichtig, denn Kinder und Jugendliche lernen beim Musizieren eigenverantwortliche Disziplin, das Einordnen in Gruppen, also Teamgeist. Strukturelles Denken und die Konzentration werden gefördert und damit letztendlich auch das Selbstwertgefühl.»

Für den 41-Jährigen selbst wiederum bietet die Aufbauarbeit mit begabten jungen Cellisten hier in Chile nach seinen vorherigen rastlosen «Wanderjahren» nun eine nachhaltige, längerfristige Herausforderung: «Mein Traum ist es, hier die beste Cello-Klasse Südamerikas zu formen und auszubilden. Der Nachholbedarf in Chile ist groß, denn es fehlen noch gute Lehrer.» Während beispielsweise Deutschland mit seiner langen Musiktradition 130 Profi-Orchester aufweist, sind es in Chile nur fünf ganzjährig beschäftigte Profi-Orchester. Zudem mangele es – abgesehen von Frutillar mit seinem «spektakulären» Teatro del Lago, und dem neuen Kammermusiksaal im Centro Cultural Gabriela Mistral – an guten Konzertsäälen. «Doch meine Schüler sind sehr motiviert, sympathisch und und unglaublich lernbegierig und offen für Neues.. Das FOJI-Projekt hat zudem 300 Ensembles hervorgebracht. Es passiert also viel in Chile, das Potenzial verspricht eine gute Entwicklung.»

Überhaupt weist Martin Osten der Musik eine Schlüsselstellung in unserer heutigen Gesellschaft zu. «Das Leben heutzutage ist schnelllebig, überhastet, anstrengend und daher auch oberflächlicher geworden. Viele Menschen ermüden die permanenten Anforderungen, die uns überfluten. Wir sind längst nicht mehr die Herren von dem, was wir angefangen haben. Es fehlt `Erdung´, die Konzentration auf den Moment. Und da hat die Musik eine Chance, ein Gegengewicht zu bilden: Denn sie erfordert die Versenkung in den Augenblick, das Vertiefen anstatt das Verflachen, die Reflexion, das Innehalten. Zudem hat sie eine ungemein «menschenverbindende» Funktion und kann sogar zur Völkerverständigung betragen, und die Erde friedlicher, gewaltloser und lebenswerter machen.»

Also nur einfach Ohrstöpsel rein und Mp3-Spieler an? Nein, damit sei es längst nicht getan, widerspricht Martin Osten. «Abgespielte Musik vom Tonträger kann den ganz besonderen Moment von einer Aufführung niemals ersetzen.» Zwischen dem Musiker auf dem Podium und dem Publikum sollte  eine ganz besondere Beziehung und Verbindung entstehen, eine Magie des Augenblicks. «Einem Beethovenquartett zuzuhören kann dann spannender sein als jede Unterhaltung mit Worten.»

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