Der freundliche Feinbäcker von nebenan
Die Konditorei Roggendorf und ihr Besitzer sind längst über Concepción hinaus ein Begriff in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft. Doch beinahe wäre es nicht Chile, sondern Ägypten gewesen, wohin es Hugo Roggendorf nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug.
Hugo Roggendorf ist noch einer der wenigen Unternehmer vom alten – will heißen: väterlichen – Schlag. Als der Cóndor ihn in Concepción besucht, lädt der 88-Jährige nicht nur spontan zu einem leckeren Apfelstrudel ein, sondern führt seinen Gast auch gleich durch seine Konditorei. Hugo Roggendorf spricht jeden seiner Dutzenden Mitarbeiter freundlich mit dessen Vornamen an, macht Scherze und weiß ganz genau, wo die Kiste mit Rosinen sowie andere Zutaten für die Kuchen stehen oder welche Plätzchen gerade im Ofen backen. «Ich habe so gute Leute bei mir, so tüchtig und umgänglich – die würde ich nie austauschen wollen.»
Es wäre sicherlich nicht übertrieben, Hugo Roggendorf als eine Koryphäe von Concepción zu bezeichnen. Der rüstige Deutsche betreibt nicht nur ein Café im Zentrum (Calle O´Higgins) der südchilenischen Stadt sowie die besagte Konditorei in der Straße Los Carrera, die derzeit baulich vergrößert wird. Auch in der Hauptstadt im Viertel Las Condes (Rosario Sur) werden Pralinen, Torten, Kuchen und Kekse über den Ladentisch verkauft. In Santiago stellte Hugo Roggendort zudem im April dieses Jahres sein neues Buch «La receta de mi vida» vor, in dem er 35 seiner erfolgreichsten Rezepte verrät. Das Werk ist gespickt mit erstklassigen Fotos und wird innerhalb einer samtenen Schachtel mit feinen Pralinen geliefert, um die Lektüre zu versüßen.
Berchtesgadener Idyll
Doch ganz so zuckersüß ging es im Leben des eingewanderten Deutschen nicht immer zu. Und beinahe hätten die Wirren während und nach dem Zweiten Weltkrieg Hugo Roggendorf nach Ägypten anstatt nach Chile verschlagen. – Doch der chronologischen Reihe nach:
Hugo Roggendorf wurde 1922 im nordrhein-westfälischen Mönchengladbach geboren. Als er fünf Jahre alt war, siedelten seine Eltern ins bayerische Berchtesgaden in Süddeutschland um, wo die Familie einen Speiseeisladen namens «Oberstadt» betrieben. Bis Mitte der 30er-Jahre lebte der Junge in diesem Idyll aus Wäldern und Bergen, denen er seine schönsten Erinnerungen verdankt. «Herr, wen du lieb hast, den lässt du fallen in dieses Land», zitiert Hugo Roggendorf einen frommen Spruch über den südöstlichsten Zipfel Deutschlands. Hier lernte er als Sechsjähriger Skifahren, und hier kommt er noch heute hin, um alte Freunde von damals zu besuchen.
Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und schließlich dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war es mit der beschaulichen Ruhe endgültig vorbei. Hugo Roggendorf, der zuvor eine Ausbildung in Düsseldorf zum Konditor abgeschlossen hatte, wurde im Dezember 1940 zum Militärdienst eingezogen. Am 22. Juni 1941 griff das «Dritte Reich» die Sowjetunion an, und Hugo Roggendorf wurde als Nachrichtensoldat einer Panzerfunkabteilung aus Münster-Westfalen an die Front bei Smolensk abkommandiert.
Dort beim Fluss Beresina, wo schon Napoleon seinen Russlandfeldzug 1812 beenden musste, sollte auch bald für die Wehrmacht kein Weiterkommen mehr möglich sein. Die Schlacht von Stalingrad 1943/44 läutete schließlich den Wendepunkt des deutsch-sowjetischen Krieges ein, Hugo Roggendorfs Einheit wurde im Februar 1944 zur Sicherung der Front an den Fluss Kuban im Kaukasus nahe des Schwarzen Meeres versetzt. Doch auch dort war angesichts der feindlichen Übermacht nur noch der Rückzug angesagt. Von der Krimhalbinsel ging es mit einem Fährschiff in die rumänische Hafenstadt Konstanza.
«Es waren damals dramatische Momente. Wir wurden angegriffen und mussten über Leichen unserer eigenen Männer steigen, nur um der Gefangenschaft zu entgehen», berichtet Hugo Roggendorf, der seine grauenvollen Erlebnisse in seinem Buch «Mi historia» verarbeitet hat. Der Roten Armee konnte er allerdings letztendlich doch nicht entfliehen. «Ruki wyerj!» (Hände hoch!) und «Dawai, Foizy!» (Aufstehen, Fritz«) schallte es ihm bei vorgehaltenem Mündungslauf entgegen: Im schlesischen Breslau fiel der Landser Roggendorf den Russen in die Hände.
Auswandern aus der Heimat
Nach dem Krieg und der Rückkehr in die Heimat begann der mühselige Kampf von Millionen Deutschen um eine Existenz – auch für die Roggendorfs. Vater, Mutter, Sohn und Tochter bauten mit eigenen Händen ihr zerstörtes Haus in Mönchengladbach aus den Trümmern wieder auf. Beim weit verbreiteten Tauschhandel im Nachkriegsdeutschland hielten sie sich zunächst mit der – heimlichen und illegalen – Schnapsherstellung sowie den Betrieb einer Ölmühle über Wasser. Und im Jahr 1947 arbeitete die Familie wieder in einer provisorisch eingerichteten Konditorei.
Doch in Mitten der schwierigen Aufbaujahre träumte Hugo Roggendorf bereits von einem anderen, neuen Leben fernab von Deutschland. Nicht wenige Deutsche suchten damals ihr Glück in einem anderen Erdteil und wanderten aus. Und beinahe hätte für Hugo Roggendorf dieses neue Land Ägypten geheißen. Ein Freund aus alten Tagen, der während des Krieges in der Luftwaffe in dem nordafrikanischen Staat gedient hatte, überredete Roggendorf zur Übersiedlung ins ehemalige Land der Pharaonen.
«Doch Ägypten hat ja keinen Schnee. Und was soll ich dort als passionierter Skifahrer?», erzählt heute Hugo Roggendorf ironisch. Tatsächlich aber war es in Hamburg ein Vortrag über Chile, der ihn letztendlich in seiner Entscheidung umstimmte. In einer Cóndor-Ausgabe im Jahr 1952 setzte der Konditormeister eine Suchanzeige hinein – und bekam Antwort aus Concepción vom Café «Astoria».
Kurzum: Hugo Roggendorf überzeugte auch seine Frau Ruth, und gemeinsam brach das Paar am 18. Juli 1953 auf dem französischen Schiff «Lavoisier» von Hamburg gen Buenos Aires auf. Mit dem Zug ging es von Argentinien aus über die Anden nach Santiago, wo Hugo Roggendorf auf Einladung von Eugen Fuchs, der Bruder seines zukünftigen Arbeitgebers in Concepción, ihn zu seinem ersten Pisco Sour einlud.
Aller Anfang ist schwer
Die ersten Jahre waren nicht leicht, erinnert sich heute Hugo Roggendorf. Im Jahr 1955 versuchte er sich mit einem Geschäftspartner selbstständig zu machen und eine eigene Konditorei namens «Marabú» aufzubauen. «Das ist schief gegangen», erzählt der 88-Jährige.
Nun mussten sprichwörtlich kleinere Brote gebacken werden. Mit Hilfe nur eines kleinen Backofens versorgte Roggendorf zunächst die Zuschauer vom Kino «Astor» mit Rahmenbonbons. Der Erlös wurde auf die hohe Kante gelegt, um einen elektrischen Industrieherd zu kaufen. Und schon bald baute sich Roggendorf schließlich dank leckerer Berliner, Strudel und Hochzeitstorten einen größeren Kundenstamm auf. Und auch die Familie wuchs: Seine Tochter Claudia wurde 1956, Tochter Helga im Jahr 1960 geboren.
Aus dem anfänglich kleinen Laden in der Straße Barros Arana in den 50er-Jahren haben sich bis heute die eingangs geschilderten Konditoreien entwickelt. Das Rezept dieses geschäftlichen Erfolgs ist für den ausgebildeten Feinbäcker selbst kein großes Geheimnis. In Chile mit einem soliden Handwerksberuf aus Deutschland auf den Markt zu treten und gute Qualität zu liefern, sei ein wichtiger Faktor gewesen. Und: «Ich glaube, ich habe durch meine Geradlinigkeit und Ehrlichkeit überall Zuspruch erfahren. Meine Rechnungen habe ich immer pünktlich gezahlt, denn ich brauchte das gute Renommee bei Zulieferern und Kunden. Zudem ist es meine Eigenart, auf die Leute zuzugehen und sie freundlich anzusprechen. Ich habe stets das soziale Umfeld, in dem wir wohnten, gut gekannt.»
Seit einem halben Jahrhundert lebt Hugo Roggendorf nun schon in Chile. Die chilenische Staatsangehörigkeit hat er nicht angenommen. «Ich will ja schließlich hier kein Präsident werden.» Doch nach Deutschland möchte der 88-Jährige auch nicht zurück. «Ich habe doch meinen Kundenstamm hier in Chile.»
Und was vermisst ein deutscher Konditormeister von drüben? «Heringe mit Pellkartoffeln, Grünkohl, Bratwurst und Kohlrabi.» Doch das sind ausschließlich Gaumenfreuden. Mit ein wenig Wehmut berichtet Hugo Roggendorf zudem von der Zither, einem typischen Volksinstrument der Alpenländer, das er als Junge spielen lernte. Mit Nostalgie verweist er dabei auf Anton Karas, den unvergessenen Zither-Virtuosen aus Wien, der die Musik zum weltberühmten Filmklassiker «Der dritte Mann» komponierte. Roggendorf: «Die Zither klingt einfach zu schön. Wie schade, mein Instrument ging damals durch Bombeneinwirkung im Zweiten Weltkrieg kaputt. Und danach hatte ich keine Zeit und kein Geld, mir eine neue Zither zuzulegen und zu üben.» – Nicht ausgeschlossen, dass Hugo Roggendorf dieses verloren gegangene Hobby nicht doch noch einmal aufnimmt.








