DCB-Berufskammerorchester im Anmarsch

Arrau-Saal, Teatro Municipal Santiago, Punkt 17 Uhr. Das Orquesta Filarmónica hat im Halbkreis zur Probe Platz genommen. Der Dirigent José Luis Domínguez steigt auf einen Podest, erhebt den Stab und alsbald erklingt der erste Satz des Dvořák-Cellokonzerts.

José Luis Domínguez leitet derzeit das Orquesta Filarmónica de Santiago. Der Dirigent will ein Berufskammerorchester des Deutsch-Chilenischen Bundes ins Leben rufen.
José Luis Domínguez leitet derzeit das Orquesta Filarmónica de Santiago. Der Dirigent will ein Berufskammerorchester des Deutsch-Chilenischen Bundes ins Leben rufen.

 

Er redet kein Wort, beobachtet aber umso aufmerksamer die Instrumentalisten, gibt ihnen Einsätze, lächelt aufmunternd. Der junge Solist Andrés Díaz artikuliert mit nervösem Ausdruck und kraftvoll ausladend. Nach Beendigung des Allegros, das Domínguez ohne Unterbrechung durchspielen ließ, gönnt er den Musikern eine kurze Verschnaufpause, spart sich jeglichen Kommentar und hebt den Taktstock zum Adagio ma non troppo, das er ebenfalls schweigend durchziehen lässt. Das Orchester folgt dem Leiter ohne Schwierigkeiten, daran ist kein Zweifel, aber weshalb hüllt er sich in Schweigen? Eine Frage, die es beim Gesprächstermin am übernächsten Tag unbedingt zu klären gilt.

 

Cóndor: Sie haben in keinem Moment unterbrochen und den zweiten Satz sofort nach dem ersten ohne Zwischendiskussion geprobt. Bedeutet das, dass das Werk bereits «saß», dass es nicht nötig war, Anweisungen zu geben?

Domínguez: Nein, durchaus nicht. So läuft normalerweise eine Probe mit Berufsmusikern ab, in diesem Fall, mit Leuten des Filarmónica, die ein sehr hohes Niveau besitzen. Bei diesem ersten Zusammentreffen mit dem Solisten war es mir wichtig, dass das Orchester den Solisten kennenlernte, wie er phrasierte, welche Tempi er nahm. Diese erste Lesung, wie wir Musiker so eine Probe nennen, erfolgt normalerweise ohne Unterbrechung. Es entsteht nie ein so großes Problem, als dass man anhalten müsste. Ich merke mir, welche Details verbessert werden müssen, was in der darauffolgenden Probe getan wurde. Danach haben wir es noch einmal gespielt und die Vorstellung war fabelhaft.

 

Sie haben Vivaldis «Gloria» mit dem Coro Singkreis Arturo Junge aufgeführt. Wie kam es dazu?

Ich bin mit Carlos Díaz seit langer Zeit befreundet. Vor einigen Monaten fragte er mich, ob ich ihm behilflich sein könnte, einige Musiker zu engagieren, um das «Gloria» zusammen mit dem Singkreis aufzuführen. Für wann habt ihr das Konzert angesetzt, fragte ich ihn. Er sagte mir das Datum, es war ein Sonntag, worauf ich ihm antwortete, dass ich es auch dirigieren könnte. Der Chor hat mich fasziniert. Die Tatsache, dass er nicht professionell ist, ist ein großer Vorteil.

 

Warum?

Weil alle, die in diesem Chor singen, nicht ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sondern mit Herz und Liebe zum Gesang und der Musik dabei sind. Das Ergebnis war sehr gut, fast professionell, möchte ich meinen. Was ihnen vielleicht technisch fehlen könnte, wird hervorragend mit dieser Liebe zur Musik wettgemacht. Einmal probten wir einen Satz und ich meinte, es hörte sich zu perfekt, zu artikuliert, an. Der Text erlaubte etwas mehr Freiheiten. Und, wie das so typisch ist, sagte einer: «Natürlich, Deutsche!» So hatte ich Gelegenheit, ihnen meine Meinung zu sagen und diesen Mythos niederzureißen.

Ich habe die Deutschen in ihrem Land erlebt und weiß, dass sie eines der liebenswürdigsten Völker sind, die es gibt. Sie sind diszipliniert, lieben die Ordnung, sind sehr großzügig. Disziplin ist eine Lebensform. Sie hat nicht den fast negativen Beigeschmack, den man diesem Wort bei uns zuerteilt. Sie respektieren ihren Nächsten, was eine Lebensart beinhaltet, die mich tief anspricht. Ich habe mich in Deutschland immer sehr wohl gefühlt, obwohl ich mich in der deutschen Sprache viele Jahre nicht geübt habe. Sie steckt in meiner Schreibtischschublade, aber wenn es nötig ist, werde ich sie schnell wieder herausholen.

Im Chor haben sie sich über meinen Standpunkt gefreut, wir haben gemeinsam gelacht und verstehen uns bestens. Es ist für mich schon eine glückliche Fügung, dass diese Zusammenarbeit zustande kam, denn ich hatte mir schon vorher überlegt, wie ich meine Tätigkeit mit der deutsch-chilenischen Gemeinschaft verknüpfen könnte, wie man etwa die kulturellen Aspekte dieser Gemeinschaft stärken könnte, die einen grundlegenden Beitrag zum heutigen Chile geleistet hat. Sie hat eine Lebensform mitgebracht, eine Ordnung, einen Geist. Und jetzt haben wir eine Tür geöffnet, die wir nicht wieder schließen werden.

 

Bedeutet das, dass die Möglichkeit besteht, weitere Projekte mit dem Singkreis auszuarbeiten?

Nicht nur mit diesem Chor. Carlos und ich haben einen Traum, der in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann. Unsere Grundidee ist es, ein Berufskammerorchester des DCBs ins Leben zu rufen, in dem die besten Musiker mitwirken, die in diesem Land leben. Um dieses Projekt sowohl den zuständigen Instanzen sowohl in Chile und in Deutschland vorzustellen, bin ich dabei, eine Konzertsaison auszuarbeiten und welches der bürgerlich-gesellschaftliche Ansatz sein müsste, in dem dieses Ensemble wirken soll. Man denke zum Beispiel an die zahlreichen Deutschen Schulen in Chile. In denen könnte man Bildungskonzerten mit Meisterklassen die Pforten öffnen.

Ich glaube, dass dieses Orchester ein außerordentlich gutes Niveau haben wird und, da wenige Musiker in ihm spielen werden, es sehr ortsbeweglich sein wird. Es wird daher überallhin Tourneen veranstalten können, wo in Chile und Lateinamerika deutsche Gemeinschaften leben. Carlos hat bereits mit der deutschen Gemeinschaft in Kolumbien Kontakt aufgenommen. Das ist ein erster Schritt, um über die Musik eine interkulturelle Beziehung herzustellen.

Wir wollen es mit Ausländern besetzen, die in Chile ansässig sind, sowie mit Chilenen, die eine Beziehung zu Deutschland haben. Mit diesem Ensemble könnten wir Tourneen auf Landesebene organisieren. Aber das wäre nur der Anfang. Mittelfristig müssten wir nach Deutschland oder besser noch in den deutschsprachigen Raum Europas reisen.

Über die Beziehungen der Kulturabteilung des DCBs möchten wir außerdem einen jungen deutschen Komponisten ausfindig machen, um ihm ein Werk für dieses Orchester aufzutragen. Wir würden es uraufführen und eine Platte aufnehmen.

Carlos sagte mir, dass sie daran interessiert sind, dass ich die künstlerische Leitung des Orchesters übernehme. Für mich ist es ein Traum, von dem ich weiß, dass er sich bewahrheiten kann, weil er in Bezug auf die nötigen finanziellen Mittel keine größere Herausforderung darstellt. Ich denke, dass der Grundetat zum Unterhalt eines Streicherquintetts verwendet werden sollte. So hat zum Beispiel das Orpheus Orchestra begonnen. Dieser Gruppe würden jedes Mal, wenn ein größeres Ensemble eingesetzt werden müsste, die nötigen zusätzlichen Musiker hinzugezogen. Das könnten Chilenen sein, die in Deutschland studieren, oder ehemalige Studenten, die bereits aus Deutschland zurückgekehrt sind. Die Möglichkeiten sind unendlich.

 

Wann könnte die erste Saison beginnen?

In wenigen Wochen werde ich ein Programmprojekt ausarbeiten, um es dem Vorstand, den Unternehmern und möglichen Sponsoren vorzustellen. Wenn das klappt, könnten wir spätestens im Mai beginnen. Chile verdient es, ein Kammerorchester von internationalem Niveau zu haben. Diese Möglichkeit haben wir, sie ist da! Ich kenne die Musiker, ich kann sie Ihnen nennen, aber da sie nichts davon wissen, werde ich es nicht tun (lacht). Dieses Ensemble hat, bevor es überhaupt existiert, das Potenzial zum besten Kammerorchester Lateinamerikas. Als passionierter Musiker, der ich bin, kann ich es mir nicht leisten, so eine Möglichkeit fallen zu lassen.

 

In welcher Reihenfolge sollten die Konzerte stattfinden?

Zu Beginn sollte durchschnittlich ein Programm pro Monat über die Bühne gehen. Wir würden jede Folge auf einem offiziellen Konzert vorstellen. Der ideale Ort hierfür ist der Manquehue-Sportverein. Das haben wir bei der Aufführung des «Gloria» von Vivaldi festgestellt. Je nach Bedarf des DCBs oder der Gemeinschaft könnte jedes Konzert dann beliebig oft wiederholt werden.

 

An welches Repertoire haben Sie für die erste Zeit gedacht?

Wir sollten mit dem großen Bach beginnen, seinen Brandenburgischen Konzerten, dem Musikalischen Opfer; dann Mozarts Sinfonien, die er mit acht Jahren geschrieben hat, das sind regelrechte Kleinodien – und sobald das Orchester seinen Klang entwickelt hat, also bereits im ersten Jahr, sollten wir eine Uraufführung eines zeitgenössischen deutschen Komponisten vorstellen können.

 

Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg!

 

Die Fragen stellte Walter Krumbach.

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