«Darf Mama dir die Socken anziehen?»

Der Saal im Extensionszentrum der Universidad Católica war überfüllt, als die deutsche Forscherin Prof. Dr. Heidemarie Keller am 18. März eine Konferenz über kulturelle Einflüsse auf die menschliche Entwicklung gab. Rund 450 Teilnehmer kamen zu dem Seminar, das vom Interdisziplinären Zentrum für interkulturelle und indigene Studien und dem Programm für Anthropologie der Católica organisiert worden war.

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Heidi Keller beobachtet seit Jahrzehnten Mütter in aller Welt dabei, wie sie mit ihren Babys umgehen und sprechen und hat daraus Schlüsse über die Auswirkungen unterschiedlicher Bindungsmuster auf das spätere Verhalten gezogen.

Das Forschungsgebiet von Heidi Keller befindet sich in der Schnittmenge zwischen Psychologie und Anthropologie. «Alles hat universelle und gleichzeitig kulturspezifische Aspekte», sagt Keller. Kulturspezifische Besonderheiten hat sie in vielen Ländern untersucht: Neben Langzeitstudien mit der Ethnie der Nso in Kamerun hat sie unter anderem in Deutschland, den USA, Italien, Griechenland, Indien, China, Brasilien, Mexiko und Costa Rica geforscht.

Bei ihren Langzeitstudien haben Heidi Keller und ihr Team untersucht, wie mit Babys und Kindern in bäuerlichen Gemeinschaften und in der städtischen Mittelschicht gesprochen und umgegangen wird. «In traditionellen Bauerngemeinschaften passen Kinder mit drei Jahren schon auf jüngere Kinder auf», erzählt Keller. Das hat sie ebenso in Indien, Brasilien oder in Kamerun gesehen. Kinder helfen von früh an selbstständig im Haushalt. Keiner sagt ihnen, wie viel Wasser sie holen sollen, verdeutlicht sie das Thema Handlungsautonomie, das zusammen mit Selbstbestimmtheit und sozialer Verbundenheit Gegenstand ihrer Feldstudien ist.

«In der westlichen Mittelschicht fragen die Mütter die Kinder immer, wie es ihnen geht, was sie fühlen und denken. Eine westliche Mutter fragt: ‚Darf Mama dir die Socken anziehen? Darf morgen die Oma kommen oder willst du lieber alleine spielen?‘ Bei uns gibt es auch viel Lob», erklärt die Forscherin. In bäuerlichen Gesellschaften hingegen gibt es nicht so viel sprachliches Verhandeln, es würde nicht gefragt, was ein Kind denkt oder fühlt. Es gibt weniger Blickkontakt, dafür mehr Körperkontakt. In den bäuerlichen Gesellschaften stünde das Kind nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber es sei auch niemals allein.

 

«Wir weinen nicht.»

«Bei uns hingegen stehen die Kinder oft im Zentrum. Aber sie sollen auch alleine sein können. In bäuerlichen Gesellschaften kommt es viel mehr zu einer Symbiose mit der Gemeinschaft. So sagt die Mutter zum Beispiel: ‚Wir weinen nicht‘.» Auch durch die Aufgaben, die kleine Kinder schon ganz selbstverständlich übernehmen, würde ein anderes Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft gebildet. Zudem hat Keller eine hierarische Art der Verbundenheit festgestellt. «Die Eltern müssen respektiert werden». Dennoch hätte sie nicht weniger Autonomie bei den Kindern festgestellt. «Es ist eine andere Art von Autonomie als bei uns. Es ist Handlungsautonomie. Die Vorstellungen davon, was gut ist für Babys, hat Konsequenzen für die Beziehungen im späteren Leben», fasst sie zusammen.

Heidi Keller, Jahrgang 1945, ist seit 1984 Professorin für Psychologie an der Universität Osnabrück, wo sie gleichzeitig Leiterin des Fachgebietes Entwicklung und Kultur ist. Studiert hat sie Psychologie, Zoologie, Physiologie, Philosophie und Soziologie. Sie ist in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen tätig, hatte Gastprofessuren in den USA, Indien und Costa Rica inne und leitet seit 2008 die Forschungsgruppe «Kultur, Lernen und Entwicklung» des Niedersächsischen Instituts für Frühkindliche Bildung und Entwicklung. Ihr «Handbuch der Kleinkindforschung» ist bereits in vierter Auflage erschienen.

Ihr Aufenthalt in Chile dauerte nur eine Woche. «Mehr war leider nicht möglich», sagt sie. Im  April geht es schon wieder weiter zu einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt nach Israel. Dabei hätte sie gerne mehr über Chile erfahren. Das Niveau der Konferenz und auch die Studienergebnisse des Fachbereiches Anthropologie der «Universidad Católica» haben sie beeindruckt.

Im Gespräch mit dem Cóndor erfährt sie Näheres über die deutsche Einwanderung in Chile und die Aufgabe der Wochenzeitung, zur Kulturbewahrung mit beizutragen. Heidi Keller hält das für den richtigen Weg: «Es ist interessant: Wenn wir Migranten erlauben, so zu sein, wie sie sind und ihre eigene Kultur zu leben, dann integrieren sie sich am besten». In Deutschland seien muslimische Iraner am besten integriert, und die am schlechtesten integrierte Gruppe seien katholische Italiener.

«Es gibt bei uns viele Missverständnisse in Bezug auf die Integration von Migranten». Weil ihre Forschung auch anwendungsorientiert ist, arbeiten sie und ihr Team in Kindertagesstätten. «Da gibt es viele falsche Ansätze», meint sie. «Die Erzieherinnen meinen, dass die Kinder aus Migrantenfamilien in der Kita genauso wie die deutschen Kinder sein müssten. Manche Eltern aus anderen Kulturen nehmen ihre Kinder dann wieder aus der Kita, weil sie finden, dass die Kinder zu Verhaltensweisen erzogen werden, mit denen sie nicht einverstanden sind. Ein Aspekt sei zum Beispiel der Respekt den Eltern gegenüber. Dieses Vorgehen sei der Integration eben nicht förderlich. «So schaffen wir uns soziale Probleme selber».

 

Wissenschaft ist auch Ideologie

Heidi Keller ist eine große Verfechterin der Bewahrung der Kulturen. 99 Prozent der Wissenschaft sei vom euro-amerikanischen Modell dominiert, dessen Bezugspunkt die westliche Mittelschicht sei. Dabei repräsentiere diese Gruppe nur fünf Prozent der Weltbevölkerung. «Wir exportieren diese Art von Wissenschaft», meint Keller. UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation arbeiteten nach diesem westlichen Modell. «Wissenschaft ist auf diese Art auch Ideologie», findet Keller.

Sie ist deshalb Vertreterin eines alternativen Modells, das die gleichberechtigte Existenz verschiedener kultureller Gruppen annimmt: Keller untersucht drei dieser Gruppen: die städtische Mittelschicht der westlichen Welt, die städtische Bevölkerung der Schwellenländer wie zum Beispiel Indien oder Brasilien und die agrarische Landbevölkerung. In der ersten Gruppe bekämen die Frauen mit Mitte 30 die Kinder, in der zweiten Gruppe zwischen 20 und 30 und in der dritten Gruppe zwischen 16 und 20 Jahren.

Dieser Ansatz wird zuweilen missverstanden, als wolle sie die Welt in drei Gruppen einteilen. «Über diese drei Gruppen wissen wir schon etwas, wenn auch unterschiedlich viel; über andere Gruppen wissen wir so gut wie nichts». Eine Kultur sei nicht mit einem Land gleichzusetzen, sondern in einem Land könnten zahlreiche unterschiedliche Kulturen existieren.

Ihre Auslandsaufenthalte geben Stoff für viele Geschichten her. So erzählt sie eine Anekdote aus Kamerun, wo sie seit 17 Jahren in einem abgelegenen Gebiet forscht. Die Volksgruppe der Nso lebt in einem traditionellen Königssystem. Der König bat sie vor einigen Jahren, das größte Heiligtum der Nso, eine Schalenfigur, wiederzubeschaffen, die die Gründerin des Stammes symbolisiert. Die Figur befindet sich im Magazin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Leider überschätzte der König ihre Einflussmöglichkeiten. Obwohl sie es sogar mit Unterstützung eines Anwaltes versuchte, hat sie die Rückgabe bisher nicht erreichen können.

«Es werden auch Gegenleistungen erwartet», sagt Heidi Keller. Sie hält das für gerechtfertigt. Die Anliegen der Kulturen, die ihr und ihren Mitarbeitern großzügig die Türen geöffnet haben, liegen ihr am Herzen. Schließlich hat sie viel von ihnen gelernt. «Nach unserer westlichen Bindungstheorie ist die Mutter die Hauptperson. Es gibt aber auch andere Bindungsmuster, wo nicht eine Person dominant ist, sondern die Gruppe. Wir können nicht davon ausgehen, dass unser Modell das einzige und richtige ist», schließt sie.

 

Petra Wilken

 

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