«Nichts geht über Information aus erster Quelle»

Cristóbal Giesen, Musiker und Konzertveranstalter

Cristóbal Giesen: «Kammermusik ist Kunst für die große Minderheit.» Foto: Walter Krumbach
Cristóbal Giesen: «Kammermusik ist Kunst für die große Minderheit.» Foto: Walter Krumbach

 

Die Sociedad Federico Chopin de Chile wurde 1991 von der Pianistin Flora Guerra und anderen Persönlichkeiten aus der Kulturszene ins Leben gerufen. Ziel der neuen Gesellschaft ist es, Werk und Vermächtnis des großen polnischen Komponisten kundzugeben, junge Talente zu fördern und aller fünf Jahre einen chilenischen Teilnehmer zum Chopin-Wettbewerb nach Warschau zu entsenden.

 

Von Walter Krumbach

Zusätzlich ist die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Chopin-Gesellschaften, die weltweit aktiv sind, ausschlaggebend. Diese Vorhaben sind bis heute unverändert gültig.

Heute ist Cristóbal Giesen der Vorsitzende dieser chilenischen Organisation. Die Unterstützung junger, begabter Pianisten ist ihm besonderes Anliegen: «Dabei ist unsere Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen bereits Tradition», erzählt er, «zunächst war es die Nationalbibliothek, wo unsere Künstler auftraten, später das Teatro Municipal, welches für uns ein sehr wichtiger Förderer ist, und im Deutsch-Chilenischen Bund treten diejenigen unserer Musiker auf, die uns als besonders verheißungsvoll erscheinen. Es sind ganz junge Leute, die aber bereits entschieden haben, Berufspianisten zu werden».

Die Aufgabe der Sociedad Federico Chopin, junge Pianisten zu fördern, sieht er als «eine Mission, die wir mittels der Verbindungen, die wir mit seriösen Institutionen der Musikwelt pflegen, durchführen. Mit ihnen organisieren wir Konzerte». Das bedeutet zum Beispiel, «dass immer ein hochqualitativer Flügel eingesetzt wird, und dass die interne Organisation sehr gut funktioniert». Der Leitgedanke dabei ist, den Pianisten die bestmögliche berufliche Plattform zur Verfügung zu stellen, wenn sie sich dem Publikum vorstellen.

Darüber hinaus pflegt die Gesellschaft Kontakte mit etlichen Einrichtungen im Ausland. Ihr Hauptinteresse dabei ist, den Künstlern die Möglichkeit einer Weiterbildung, vornehmlich an europäischen Hochschulen, zu ermöglichen. «Dies ist bekanntlich eine Laufbahn, die kein Ende hat», betont Giesen, «man hört nie auf zu lernen!».

Aller zwei Jahre findet das «Certamen Flora Guerra» im Gedenken an die Gründerin der Vereinigung statt. Es ist ein Wettbewerb, in dem die führenden Pianisten jeder neuen Generation ausgewählt werden. Die zehnte Folge wird im kommenden Jahr stattfinden.

Cristóbal Giesen ist Flora Guerras Sohn. Elternhaus und Schule prägten ihn in der Liebe zur Musik, die er später zum Beruf machte. Nicht nur, dass einem der berufliche Lebensweg vorgezeichnet ist, weil man eine herausragende Musikerin als Mutter hat. Im Elternhaus wurde die Kultur auch vom Vater, der kein Musiker war, gezielt gefördert. «Außerdem hatte ich das Glück, in der Schweizer Schule Matthäus Kubli als Musiklehrer zu haben», erinnert sich Giesen, «mit dem wir Werke wie den „Struwwelpeter“ aufgeführt haben».

Nach dem Schulabschluss entschied er sich für den Musikerberuf. Die Mutter schenkte ihm zu Weihnachten eine Geige: «Ich ließ mich von Ernesto Ledermann ausbilden, ein großer Violinist und außergewöhnlicher Gentleman, der immer einen Anzug trug und dessen Hemden mit Manschettenknöpfen bestückt waren. Es waren halt andere Zeiten», schmunzelt Giesen.

Sein «endgültiges» Instrument, für welches er sich entschied, um seinen Beruf auszuüben, wurde allerdings die Bratsche. Als Musiker war er später nicht nur im Inland tätig, sondern auch auf internationalen Bühnen. So in Hamburg Ende der 1980er Jahre, als er bei den Hamburger Symphonikern spielte. «Außerdem hatte ich einen festen Vertrag mit dem Ensemble von Andrew Lloyd Webber, um in seinem Musical „Phantom of the Opera“, teilzunehmen. Man musste immerzu dasselbe spielen, achtmal pro Woche, was furchtbar langweilig war. Aber Ende des Monats kassierte man einen Riesenscheck».

Längere Aufenthalte im Ausland können für Ehepaare ein unlösbares Problem sein, wenn beide Partner ihre jeweiligen beruflichen Bedürfnisse nicht abstimmen können. Bei Cristóbal Giesen und seiner Gattin Renate Flaskamp bestand nie eine derartige Schwierigkeit: «Eine Partnerschaft zwischen einem Musiker und einer Wissenschaftlerin, wie es bei uns der Fall ist, ist ein Idealfall. Es gibt keine Rivalitäten, vielmehr bewundert man sich gegenseitig», stellt er dankbar fest.

Fünf Jahre lebten sie in Norddeutschland, um danach in Santiago ihre Zelte aufzuschlagen. Cristóbal Giesen wurde von Andrés Rodríguez, dem damaligen Intendanten des Teatro Municipal, eingeladen, «um eine Art künstlerische Dienststelle einzurichten. Ich war dort der Verbindungsmann zwischen der Verwaltung und der künstlerischen Abteilung». Diese Aufgabe nahm er elf Jahre wahr. «Leider kam ich dabei nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung, die Bratsche zu spielen», bedauert er, «es war schon allein zeitlich nicht zu machen».

Noch heute widmet er sich, sooft er kann, dem Instrument, obwohl sich seine beruflichen Vorrangstellungen verschoben haben: Erst kürzlich war er an einem Kammerkonzert mit dem Cembalisten Lionel Party und dem Flötisten Franco Bonino beteiligt, mit denen er in den Casas de Lo Matta venezianische Barockwerke zum Besten gab.    

Nach der Municipal-Zeit erhielt Giesens Frau ein anregendes Angebot aus Brasilien. «Jetzt war es für mich an der Zeit, mich erkenntlich zu erweisen, nachdem sie mich nach Hamburg begleitet hatte», fand ihr Gatte, und flog mit ihr nach Rio de Janeiro. Die Reise stand unter einem guten Stern, sollte sich bald herausstellen, denn Giesen erhielt ein Angebot von dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo, die künstlerische Verwaltung zu übernehmen. Es war eine verantwortungsvolle Aufgabe, hat doch jenes Orchester den Ruf, eines der besten Lateinamerikas zu sein.

Im Jahr 2009 kehrte das Ehepaar nach Santiago zurück. Nach dieser zweiten Heimreise begann Giesens aktiver Einsatz in der Sociedad Federico Chopin. Außerdem wurde er unabhängig. Er begann, als Künstleragent zu arbeiten und Konzerte zu organisieren. «Dabei war von Anfang an ein besonderes Schwergewicht, den begabten chilenischen Musikern einen Platz einzuräumen», betont er. «Das ist in der Kammermusik besonders wichtig, weil es die Kunst für die große Minderheit ist!»

Aus dem Ausland vermittelt er Musiker, deren Werdegang er meist von Anfang an beobachten konnte. Giesens langjährige Erfahrung in der Musikwelt ermöglicht ihm zu entscheiden, wen er einzuladen hat, um einen guten Abend zu garantieren. «Wenn man mir sagt, dass jemand sehr erfolgreich ist, dann kaufe ich das nicht ab», sagt er mit Bestimmtheit, «ich muss vielmehr die Sicherheit haben, dass er mir gefällt, weil ich ihn gehört habe und seine Laufbahn kenne. Ich muss ein Konzert genießen können, denn sonst darf ich es nicht vorstellen. Nichts ist besser als Information aus erster Quelle».

Mit dieser Auffassung hat er so prominente Gruppen wie etwa die herausragenden Quartette Ariel, Borodin und Takács oder das Barockensemble Europa Galante unter Fabio Biondi im Inland auftreten lassen.

Cristóbal Giesen hat erreicht, was nicht vielen gelingt: er führt ein beruflich erfülltes Leben. Kann man da noch offene Wünsche haben? Ja, man kann: «Ich habe den Traum, ein Haus einzurichten, in dem das Vermächtnis meiner Mutter gepflegt wird. Dort könnten wir ihre drei Klaviere und ihr Archiv unterbringen und Kammerkonzerte veranstalten. Ich habe mich umgesehen, habe auch schöne Häuser gefunden. Einmal kehrte ich nach Monaten zu einem zurück, das mir aufgefallen war, aber es war kein Haus mehr da, sondern ein großes Loch, auf dem ein tolles Gebäude errichtet werden sollte».

Giesens Traum ist stichhaltig. Zum einen ist eine posthume Ehrung der großen Pianistin durchaus gerechtfertigt, und zum anderen ist jedes neue Kulturzentrum, das begabten Künstlern eine Auftrittsmöglichkeit bietet, für das Land eine frohe Botschaft. Man kann ihm nur wünschen, dass der Traum in Erfüllung geht. 

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