Conrado Venthur, Vorsitzender der Deutschen Schule Los Ángeles

Ohne Eile, ohne Pause

Conrado Venthur: Sich mit Menschen befassen heißt der Gesellschaft zurückgeben, was sie einem geschenkt hat. Foto: Walter Krumbach
Conrado Venthur: Sich mit Menschen befassen heißt der Gesellschaft zurückgeben, was sie einem geschenkt hat. Foto: Walter Krumbach

 

Seit 1994 ist er Vorstandsmitglied der Deutschen Schule Los Ángeles. Im Jahr 2008 wurde er zum Vorsitzenden gewählt. Den Posten hat er heute noch inne. «Himmel, wie die Zeit vergeht!», meint er überrascht, als er sich vergegenwärtigt, dass seit seiner Wahl zehn Jahre vergangen sind.

 

Von Walter Krumbach

Conrado Venthur verbrachte den größten Teil seines Lebens in Los Ángeles. Er wurde dort geboren und besuchte das Liceo Alemán del Verbo Divino der Stadt. Seine Kindheit und Jugend prägte die Beteiligung an der Pfadfinderbewegung. Die Bindung zu den Scouts hielt er auch später aufrecht. Als er bereits im Berufsleben war, leitete er eine Gruppe Pfadfinder des Liceo Alemán.

Das große Vergnügen an der Pfadfindertätigkeit kommt daher, «dass man spielend erfährt, was man für das Leben braucht. Man lernt als kleines Kind, Verantwortung mit anderen zu teilen. Das wirkt sich auch auf das Solidaritätsempfinden aus, wenn man etwa für eine Gruppe Nudeln kocht und diese plötzlich im Topf festkleben», lacht er. Ebenso erlernt der junge Pfadfinder ein Respektgefühl gegenüber der Natur, das ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr verlässt: «So entfernt man sich zum Beispiel von einen Campingplatz, indem man ihn in einem besseren Zustand hinterlässt, als wie man ihn vorgefunden hat», unterstreicht er.

Die Familie lebte in der Stadt. Das war mitunter auch ein Grund, weshalb die Venthurs die Schönheiten und die Großzügigkeit der Natur besonders zu schätzen wussten.

 

Maschinenbauingenieur an der Universidad de Concepción

Nach dem Schulabschluss ließ Conrado Venthur sich als Maschinenbauingenieur an der Universidad de Concepción ausbilden. Seinen beruflichen Einstieg hatte er an dem großen Kupferbergwerk von Chuquicamata. Obwohl sein Aufgabenbereich vielseitig und anregend war, kehrte er 1986 in seine Heimatstadt zurück. «Es war eine schöne Zeit, an einem abgelegenen Ort die ersten beruflichen Erfahrungen zu machen und die junge Familie aufzubauen und zu festigen», erinnert er sich, «aber es kam der Tag, an dem wir zurückkehren wollten. Meiner Mutter ging es damals gesundheitlich nicht gut, was ein weiterer Grund war, uns zur Rückreise zu entschließen».

Conrado Venthur gründete ein Automobil-Ersatzteilunternehmen. Zusätzlich «befasste ich mich mit anderen Dingen, die eine Art Rückerstattung an die Gesellschaft sind, für jenes, was sie mir gegeben hat, sowohl was Erziehung und Bildung, als auch was die geistige Entwicklung anbetrifft. Ich bin davon überzeugt, dass die Gesellschaft einen positiven Wandel durchmacht, wenn sie zur Bildung Zugang hat. Die beste Geldanlage, die ein Land vornehmen kann, ist in Bildung zu investieren».

Diese «Rückerstattung» verwirklicht Conrado Venthur als Mitglied verschiedener gemeinnütziger Einrichtungen: «Im Grunde geht es dabei darum, sich mit anderen Menschen befassen», sagt er. «Das bedeutet, dass man der Gesellschaft zurückgibt, was sie einem geschenkt hat». So war er zum Beispiel an der Gründung einer Feuerwehrkompanie beteiligt.

 

Freimaurerei – eine Schule fürs Leben

Den größten Stellenwert räumt er jedoch in seiner Freizeitbeschäftigung der Freimaurerei ein. «Ich bin sehr stolz darauf, Freimaurer zu sein, trotz allem, was über dieses Thema geredet wird», schmunzelt er. «Diese Institution hat gewisse Schandmale, Beurteilungen, die keine Begründung haben und die daher herrühren, dass die Freimaurerei von gewissen Leuten als eine Art Geheimbund wahrgenommen wird». Entscheidend erscheint ihm jedoch, «dass sie eine gute Schule fürs Leben war. Es handelt sich ja im Grunde um eine philosophische Einrichtung, die die Leute zum Nachdenken anregt und ihnen dabei einen anderen Sinn in ihrem Leben vermittelt, ohne weiß Gott die Menschen, die nicht zu uns gehören, dabei zu unterschätzen».

Die Thematik bereitet ihm sichtlich Genuss: «Man stellt sich viele Fragen über das Dasein, wie etwa woher ich komme oder welche Rolle ich hier zu spielen habe». In diesem Sinne sei er sehr sachlich vorgegangen: «Ich denke, dass es mir in den 30 Jahren, während denen ich Freimaurer bin, gut getan hat.»

Conrado Venthur spricht von seiner Teilnahme an der Freimaurerei ohne angestrengt zu überlegen oder sich schön klingende Sätze zurechtzulegen. Deswegen überzeugt er, wenn er sagt: «Ich habe meine Eigenschaft als Freimaurer nie verhüllt, wobei ich mich immer überaus respektvoll denjenigen gegenüber verhalten habe, die anders denken».

 

Carl-Anwandter-Medaille

Während der letzten Jahreshauptversammlung des Deutsch-Chilenischen Bundes wurde Conrado Venthur mit der Carl-Anwandter-Medaille ausgezeichnet. Als er davon erfuhr, war er zunächst überrascht, «weil es nicht in mein Schema passt. Aber nach einigen Erklärungen hat man mich überzeugt und es wäre eine Unaufmerksamkeit gewesen, die Ehrung nicht zu akzeptieren, obwohl ich weiterhin glaube, dass man sich hierbei geirrt hat», lacht er. Nichtsdestotrotz «nehme ich sie sehr stolz, aber gleichzeitig mit großer Bescheidenheit an».

Wer Conrado Venthur gut kennt, der empfindet ihn als eine Mixtur aus Don Quijote (der Idealist), Geschäftsmann (der Schaffende) und Philosoph (der Denkende). Er bringt es auf den Punkt, wenn er das Leben betrachtet: «Die Herausforderung des Menschen besteht darin, dass er mit jenem, was er denkt, was er sagt und was er tut, konsequent sein muss. Das gilt sowohl für die einfachsten Dinge im täglichen Leben, wie wenn man zwischen Grün und Rot an einer Ampel vorbeifährt, als auch für die wichtigen Dinge, wie die Beziehungen zwischen den Menschen und die Regeln des Geschäftslebens».

 

Deutsche Schule Los Ángeles

Conrado Venthur ist seit 38 Jahren «glücklich verheiratet», wobei er das Wort glücklich besonders betont. Er hat fünf Kinder, «alles stolze Absolventen der DS Los Ángeles», die ihm bisher fünf Enkel beschert haben.

Heute widmet er einen Großteil seiner Freizeit der DS Los Ángeles. Zu seiner langen Amtszeit im Vorstand meint er: «Es ist eine positive Zeit gewesen. Wir sind im Bereich der Unterrichtsqualität vorwärts gekommen, ebenso im Management und was den Umgang mit den geldlichen Mitteln anbetrifft. Aber hauptsächlich die Leistungen unseres Personals im Rahmen eines guten Arbeitsklimas haben sich positiv auf das Schulleben ausgewirkt, obwohl das Kennzeichen einer Schule eine ständige Dynamik des Wechsels und der Erneuerung ist». Venthur betont, dass «diese Leistung dank des gemeinsamen Einsatzes und der Teamarbeit von Schulleitern, Lehrern, der Verwaltung bis zu des Aushilfskräften der Schule möglich war». Rückblickend stellt er fest: «Es waren viele Jahre, ohne Eile, aber auch ohne Pause».

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