Cóndor fragt nach – kurz und bündig: Roman Feltscher, Lehrer der DS Osorno

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Roman Feltscher wurde im schweizerischen Thusis geboren, da wo der Rhein aus der Viamala-Schlucht hervorquellt und die Händler seit Jahrtausenden auf ihrer Reise über die Alpen Halt machten, wie er sagt. Im Jahr 1998 kam er mit der fünfköpfigen Familie nach Osorno, «vier von uns sind in der Schule „gelandet“ und haben sich da meist wohl gefühlt». Nach vier Jahren kehrte die Familie in die Schweiz zurück, damit der Nachwuchsdort eine Ausbildung erhielt. Seit Anfang 2015 sind seine Frau und er zurück in Osorno, «zurück zu all den Freunden, die wir hier gelassen haben und zurück in die herrliche Natur Südchiles.» An der DS Osorno ist Roman Feltscher derzeit auch Fachleiter für Deutsch.

 

Welche Erfahrungen haben Sie an der Deutschen Schule Osorno gemacht?

Ich habe gelernt, dass die Schüler hier an der DSO ganz ähnlich, aber doch ein bisschen anders sind als die in meiner Heimat. Sie sind weniger gut organisiert und selbstständig, was in Südamerika und im Umfeld, aus denen die Kinder und Jugendlichen kommen, auch nicht verwundert. Gleichzeitig sind sie aber bedeutend herzlicher und persönlicher als ihre Altersgenossen in Europa. Das ist für eine Lehrkraft sehr angenehm.

Wir Europäer verstehen nicht ganz, warum die chilenischen Schüler so viele Stunden in der Woche die Schulbank drücken müssen. Liegt es daran, dass in Chile Hausaufgaben ein viel schwierigeres Thema sind? Oder sind die Kinder hier einfach weniger gut konzentriert? Die Ergebnisse im internationalen Vergleich sind ja nicht so, dass man sagen könnte, dass die lange Unterrichtszeit sich auf die Ergebnisse so positiv auswirken würde.

Zum Glück ist unsere Schule aus meiner Sicht innovativ, versucht auch neue Dinge und hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Schüler, Eltern und Lehrpersonen. Wenn dies zusammenkommt mit einer Unterstützung der deutschen Sprache auf verschiedenen Ebenen, steht einer positiven Entwicklung nichts im Wege.

Was wollten Sie als Kind werden?

Mit fünf Jahren sagt ich meiner Großmutter: Ich will mal Lehrer werden. Später wollte ich Laborant und schließlich doch wieder Lehrer werden.

Wer war/ist Ihr Vorbild?

Ich bewundere Menschen, die bei schweren Unfällen einfach zugreifen können, die nicht einfach dastehen und zu Gaffern werden.

Wofür sind sie Ihren Eltern dankbar?

Sie haben mir Grenzen gesetzt und dazwischen immer auch Freiraum gelassen.

Was war ihr schlechtestes Schulfach?

Latein – die tote Sprache konnte mich nie zu Leistung motivieren.

Was macht Sie glücklich?

Wenn ich mit Freunden zusammen sein und ihre Freundschaft spüren darf, fühle ich mich glücklich. Wenn dann der Ort (irgendwo im herrlichen Niemandsland in Chile) und ein gemütliches Essen dazukommen, ist es einfach perfekt.

Was macht Ihnen Angst?

Angst weckt in mir die Gewaltbereitschaft an allen Ecken, angefangen in der Schule über die Auraucanía bis nach Arabien, wo Terror und Horror an der Tagesordnung stehen. Zum Glück fühle ich mich in Osorno heute noch sicher.

Worauf können Sie verzichten?

Wenn es notwendig ist, kann ich auf vieles verzichten, aber es «kostet», wie man in «Chilotendeutsch» so schön sagt.

Was ist Ihnen peinlich?

Wenn ich jemanden unwillentlich beleidige oder verletze, ist mir das sehr peinlich.

Wen beneiden Sie?

Ich beneide oft Menschen, die belastende Dinge einfach wegstecken können.

Mit wem würden Sie nie tauschen wollen?

Mit Bill Gates möchte ich nicht tauschen Da hätte ich viel zu viele Sorgen, was ich mit meinem Geld alles anfangen müsste.

Wen würden Sie gerne einmal treffen?

Es wäre cool meinen Ururgroßvater zu treffen, der nach Italien ausgewandert ist. Ich würde unheimlich gerne wissen, was ihn bewogen hat, das kleine Dorf in den Bergen zu verlassen und wie es ihm als «Zuckerbäcker» in der Fremde ergangen ist.

Was würden Sie niemals tun?

Ich möchte mich nie für Geld verkaufen müssen oder meine ureigenen Ideen aus finanziellen Gründen ändern wollen, das finde ich schrecklich.

Was können Sie überhaupt nicht ausstehen?

Streit und Aggression finde ich unerträglich, da laufe ich am liebsten weg, aber in der Schule geht das leider nicht immer, oft muss man trotzdem eine Lösung suchen, die für alle irgendwie tragbar ist.

Über welche Schwächen ärgern Sie sich?

Mein schlechtes Namengedächtnis ist manchmal echt peinlich, oft fällt mir ein Name im Augenblick einfach nicht ein.

Weshalb würden Sie nie aus Chile auswandern?

Sag niemals nie.

Wenn Sie einen Tag lang Präsident wären, was würden Sie ändern?

Ich würde all die extrem schnellen Veränderungen einen Gang runterschalten, zuerst einmal die Folgen überlegen und abwägen und dann mit Weitsicht planen.

Was sollten die Chilenen ernster nehmen?

Ich bin sicher, dass Chile die Berufsausbildung ihrer Jugendlichen, der Zukunft des Landes, ernster nehmen muss und noch mehr Alternativen zum Studium und zu technischen Schulen aufbauen müsste. Die duale Berufsausbildung ist noch viel zu wenig entwickelt, es fehlt an allen Ecken und Enden an qualifizierten Berufsleuten. Es sind doch nicht alle Jugendlichen für ein Studium an der Uni geeignet!

Welches Buch lesen Sie gerade?

Edith Wartons «Zeit der Unschuld»

Was machen Sie am liebsten in der Freizeit?

Die Natur Chiles ist herrlich, darum gehört Wandern im Wald, am See, am Meer oder in den Bergen zu den schönsten Dingen, die es in der Freizeit gibt.

Bei welchem Film haben Sie geweint?

Der Film «La vida es bella» hat mich tief berührt, die Geschichte eines Kindes im Konzentrationslager, eine Tragödie mit unheimlich viel tiefsinnigem Humor, die sehr ans Herz geht.

Wenn wollten sie schon lange ein Kompliment machen?

Es fällt mir nicht so leicht, Komplimente zu machen. Das größte gehört sicher meiner Frau, die mich coacht, bekocht, begleitet und ein nicht wegzudenkender Teil meines Alltags ist.

Was ertragen Sie mit Humor?

Wenn mich die Leute als stur bezeichnen, so finde ich das in Chile nicht so schlimm, denn ein bisschen stur muss man als Schweizer schon sein, damit man seine Ziele hier auch erreicht.

Was sollte Ihnen später einmal nachgesagt werden?

Dass ich mein Bestes gegeben und mich für die «Sache» eingesetzt habe.

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