Claus Lindemann, Bürgermeister von Frutillar

«Die Musikwochen sind für die Ewigkeit bestimmt»

Claus Lindemann, Bürgermeister von Frutillar: «Ein Auto ohne Reifen taugt nicht.» Foto: Walter Krumbach
Claus Lindemann, Bürgermeister von Frutillar: «Ein Auto ohne Reifen taugt nicht.» Foto: Walter Krumbach

 

Von Walter Krumbach

Im Oktober 2016 wählte ihn die Stadtgemeinde zum Bürgermeister Frutillars. Der erfolgreiche Unternehmer hätte eigentlich schon Jahrzehnte davor diesen Posten innehaben können. Bereits während der Militärregierung bot man ihm die Ernennung an. «Ich habe es damals abgelehnt, weil ich fand, dass ein Bürgermeisterposten nur durch eine Wahl rechtsgültig ist», sagt er mit Nachdruck. Vor fünf Jahren kam dann die Aufforderung, sich zur Wahl zu stellen, was Lindemann ebenfalls ausschlug, «da der damalige Bürgermeister mit 71 Prozent der Stimmen gewählt worden war».

Vor zwei Jahren änderte sich diese Konstellation drastisch. Zahlreiche Bürger, die nach einem Wechsel in bestimmten öffentlichen Ämtern verlangten, taten ihre Meinung kund. Sogar Vertreter Lindemanns Gegenpartei sprachen ihn an, es sei notwendig, in Frutillar einen Kurswechsel vorzunehmen. Damals war das Misstrauen, das die beiden großen politischen Bündnisse gegeneinander hegten, in der Stadt am Llanquihue-See übermässig groß. Das Volk hielt nach einem glaubwürdigen Kandidaten Ausschau. So entschloss Lindemann, sich aufzustellen, und konnte mit 47 Prozent der Stimmen siegen.

Seine Familie, des heutigen Bürgermeisters Eltern und seine Geschwister, haben seit Jahzehnten den Werdegang der Stadt und damit auch seiner Einwohner, geholfen mitzuprägen. Grundlegend war etwa die Hilfe, die sie uneigennützig Notleidenden während einer großen Krise in den 1980-er Jahren gaben. Das hatte das Volk bei der letzten Wahl nicht vergessen und in dem Sinne drückte es seinen Vorzug bei der Stimmagbabe aus.

Als er das Amt übernahm, war sein Hauptanliegen – und es hört sich beinahe wie ein Leitsatz an – «nicht zu messen, wie viel Millionen die Personen erreichen, sondern wie viel Personen von den Millionen erreicht werden». Das politische Klima war in der Gemeinde alles andere als gut, was sich, wie Lindemann sich erinnert, auch bei den Beamten im Rathaus widerspiegelte: «Oft stimmten sie für einen Kandidaten, um ihre eigene Kontinuität zu garantieren. Es wurden separatistische Reden geschwungen, in denen es um Arme und Reiche, um das Frutillar von oben und das Frutillar von unten ging, dem ich mich nicht anschließen kann, weil wir nicht für die Gemeinde arbeiten können, wenn wir nicht eine einzige Gemeinde sind». Aus dem Grund haben er und seine Mitarbeiter sich zum Ziel gesetzt, das obere Frutillar zu entwickeln und zusätzlich ein «mittleres Frutillar», wie er es nennt, zu fördern, wo ein Bürgerzentrum mit einem Platz und einem Park entstehen wird. In den kommenden Monaten soll bereits eine Bibliothek dazu eingeweiht werden, die mit den modernsten Errungenschaften der Elektronik ausgestattet sein wird.

Dazu kommt ein Raum, in dem Kunsthandwerker ihre Erzeugnisse anbieten können. Dies hat einen besonderen Grund: «In Chile haben wir 345 Gemeindeverwaltungen. Im Verzeichnis zwischen den wohlhabendsten und den ärmsten sind wir an 320. Stelle», vergleicht er, «es gibt nur 25 Gemeinden im Land, die ärmer sind als Frutillar!» Dazu kommt, dass 2014 und 2015 die Bevölkerung eine Zunahme der Armut um 5,9 Prozent verbuchte, «was bedeutet, dass die riesenhafte öffentliche Investition, die in Frutillar vorgenommen wird, die Arbeitsprobleme der Leute nicht gelöst hat». Jeden Morgen verlassen über 600 Arbeitskräfte Frutillar, um sich in Osorno, Purranque. Llanquihue, Puerto Varas und Puerto Montt ihr tägliches Brot zu verdienen. «Hier ist noch viel zu erledigen, eine soziale Vision der Dinge ist vonnöten», unterstreicht der Bürgermeister.

Einiges ist auf diesem Gebiet bereits getan worden. Hausfrauen haben Lehrgänge in Kunsthandwerk machen können, «aber es gibt keinen Ort, wo sie ihre Produkte verkaufen können. Im unteren Frutillar ist im Sommer die Nachfrage nach Verkaufslokalen riesig. Wem es gelingt, eines zu ergattern, wird Erfolg haben, aber den wenigsten glückt es». Lindemann hat daher verfügt, im oberen Stadtteil einen Grundbesitz zu erwerben, der diesen Geschäftsleuten zur Verfügung gestellt werden kann.

Weitere Aufgaben, die Lindemann reizen, sind «Straßen, die immer noch nicht betoniert worden sind und Bezirke, die noch kein Trinkwasser haben». Ebenso besitzen etliche Landgebiete noch keinen elektrischen Strom: «Ich hoffe, dass wir in drei Jahren eine Gemeinde sind, in der es keine Elektrizitätsprobleme auf dem Land mehr gibt». Danach möchte er das Trinkwassernetz auf den Landgebieten entwickeln: «Es gibt tiefe Brunnen, die gebaut wurden, weil die nötigen Mittel da waren, aber das Netz dazu existiert noch nicht. Ein Auto ohne Reifen taugt nun einmal nicht», lacht er, «ich weiß zwar, dass ich in dieser Periode das Wassernetz nicht vollenden kann, aber ich werde mich dafür einsetzen, dass wir es fertigstellen können».

Frutillars Bürgermeister ist – so ist es in den Satzungen der Musikwochen festgelegt – der zweite Vorsitzende im Vorstand des Festivals. «Es besteht kein Zweifel, dass das Rathaus hier ein Nebendarsteller ist», sagt er bescheiden, «es sind die anderen Direktoriumsmitglieder und die Liebhaber, welche die Mühe auf sich genommen haben. Wir sind Teil einiger Unterstützungen, die sich zum Beispiel in jährlichen Zuwendungen ausdrücken. In diesem Jahr hatten wir das Glück, sie verdoppeln zu können, denn schließlich feiert man nicht alle Tage den 50. Geburtstag». Im kommenden Jahr erhält das Rathaus einen Bus für knapp 40 Fahrgäste, darunter vier Behinderte auf ihren Rollstühlen: «Wir sind sehr stolz darauf, dass der Vorstand in Zusammenarbeit mit der Regionalregierung und uns diese Anschaffung tätigen konnte», womit er zur Überlegung kommt: «Ich glaube fest an die privaten Einrichtungen. Dass die Musikwochen ihr 50. Jubiläum begehen konnten, signalisiert, dass sie für die Ewigkeit bestimmt sind. Inzwischen werden viele Bürgermeister durch das Rathaus gehen, aber die Musikwochen werden unbeirrt fortbestehen». 

Claus Lindemann ist in Frutillar geboren. Er besuchte die Deutschen Schulen seiner Heimatstadt und Osornos. Nach seiner beruflichen Fortbildung war er an verschiedenen Privatunternehmen tätig. Heute sieht er seinen Posten als eine Ganzzeitbeschäftigung an, die er sichtlich genießt. Das kommt zweifelsohne durch seine Lebensauffassung: «Das Dasein ist sehr einfach und sehr leicht. Es gibt zwar Menschen, die es schwierig machen. Ich dagegen versuche, es allen leicht zu machen. Damit kommt man nicht immer gut an. Aber zumindest hat es mir geholfen, mit dem, was ich tue, zufrieden zu sein».

 

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