Christina Hoehmann – Architektin und Designerin

Uralte Materialien und modernes Design

Christina Hoehmann geht es um die Wiedergewinnung unseres kulturellen Erbguts in Chile. Foto: Walter Krumbach
Christina Hoehmann geht es um die Wiedergewinnung unseres kulturellen Erbguts in Chile. Foto: Walter Krumbach

 

Im Kulturzentrum des Palacio de La Moneda ist zurzeit die sogenannte Aymara-Lampe ausgestellt. Es ist eine für das Esszimmer bestimmte Deckenlampe. Das Design und die Gestaltung sind von Christina Hoehmann.

 

Von Walter Krumbach

Sie erhielt für diese Schöpfung bereits mehrere Preise. Der Leuchtkörper aus Kaktusholz konnte bisher auf der Iberoamerikanischen Design-Biennale in Madrid, sowie in Guatemala und in Deutschland besichtigt werden.

«Um die Lampe nach Spanien zu transportieren, musste ich eine besondere Kategorie, die es bis dahin nicht gab, am SAG anmelden», erzählt die Designerin. «Niemand hatte diesen Kaktus vorher exportiert.» Dazu kam, dass diese Pflanzenart weltweit unter Schutz steht, weshalb sie auch in Spanien ein bürokratisches Verfahren eingeleitet werden musste, um ihren Einlass zu ermöglichen.

Seit der Jahrtausendwende arbeitet Christina Hoehmann mit Kunsthandwerkern zusammen. In der Atacama-Region bearbeiten diese Kaktusholz, welches durch seine typischen Färbungen und Maserungen auffällt. Wenn man es geschickt beim Entwerfen von Kunstgegenständen anwendet, entsteht dabei ein apartes Gebilde, das angenehm ins Auge fällt.

 

Kaktusholz als kulturelle Wiedergewinnung

«Kaktusholz wird von den Atacameños und den Aymaras verarbeitet», erzählt Christina Hoehmann. «Es besitzt eine schöne Struktur und dazu ist es eine kulturelle Wiedergewinnung, wenn man dieses Material verwendet», meint sie. Die Aymaras sammeln die Cardones, wie sich die Kaktusart nennt, in der Wüste. Es handelt sich um Exemplare, die umgefallen und somit trocken sind. Lebende Kakteen werden nicht benutzt. Sie sind weltweit gesetzlich geschützt. Die Designerin lässt sich von den geborgenen Pflanzen mit ausgesuchten Exemplaren beliefern, die sie anschließend verarbeitet.

Beim Entwurf der Lampe ließ sich sie sich von dem Gedanken leiten, «dass das Holz fliegt. Die Struktur ist sehr leicht, aus Akryl gefertigt, der Leuchtkörper ist ein Led-Band, und die dazugehörige Stromquelle wird an der Decke angebracht». Entscheidend an dem Entwurf und der Ausführung ist, dass das einzigartige Kaktusholz voll zur Geltung kommt.

Wie kam Christina Hoehmann auf dieses Rohmaterial? «Das ist eine lange Geschichte», lächelt sie. «Als Kinder waren wir oft mit unseren Eltern mit dem Kleinbus im Landinneren unterwegs. Wir besuchten Dörfer, nahmen mit ihren Einwohnern Kontakt auf und, was ich besonders wichtig finde, wir lernten das kulturelle Erbgut unseres Landes schätzen.»

Als sie Jahre später mit der Verarbeitung von Kakteen begann, waren diese als Rohstoff zur Herstellung von Kunstwerken von der Mehrzahl der Chilenen nicht besonders gefragt: «Die Leute fanden es damals unmodern und billig. Viel begehrter waren Importwaren. Erst später kam man hier auf den Geschmack, als man die Schönheit dieses Holzes zu würdigen lernte. Heute ist es absolut modern und sehr viele Designer arbeiten damit.»

 

Chilenischer Designerpreis 2007

Kakteen sind jedoch nicht das einzige Rohmaterial, das Christina Hoehmann verwendet. In ihrem Wohnzimmer befinden sich zwei sitzkissenartige, aus Weidengeflecht gefertigte Werke: «Die konnte ich in China, in Deutschland, in Kanada und in Argentinien ausstellen.» Sie erhielten 2007 den chilenischen Designerpreis. Ebenso verwertet sie Rinderhörner: «Die benutzte man früher so wie man heute Glas einsetzt, weil sie fast durchsichtig sind.» Dieses Material ermöglicht einen einzigartigen Effekt, wenn man dahinter eine Glühbirne anbringt: Das durchdringende Licht verändert die Textur des Gebildes vollkommen.

Christina Hoehmann will ihre Erzeugnisse nicht allein als Kunstwerke verstanden wissen. Es geht ihr eher darum, dass sie auch einen Dienst erfüllen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie deshalb mengenweise hergestellt werden müssen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Von der Aymara-Lampe hat sie in Zusammenarbeit mit einer Firma um die zehn Exemplare fertigen lassen.

Das erfolgreiche Projekt ist somit abgeschlossen. Andere werden mit Bestimmtheit folgen, darüber besteht kein Zweifel. Gegenwärtig widmet sich Christina Hoehmann der Neugestaltung von Innenräumen sowie dem Entwurf und der Herstellung von Möbeln: «Wenn ich merke, dass mein Kunde Interesse zeigt, versuche ich, mit bestimmten Materialien, wie Binsen, Kakteen, Weidenruten oder den schönen Hölzern aus den Wäldern des Südens zu arbeiten.»

 

Lampe aus Maisblättern

Im vergangenen Jahr fertigte sie eine Lampe aus Maisblättern. Beim Einschalten kommen die Äderchen der Pflanze voll zur Geltung. Dieses Projekt erarbeitete sie mit Gemeinschaften aus der Gegend von San Fernando. Überhaupt hält sie bei jedem Ausflug, den sie unternimmt, nach Werkstoffen Ausschau: «Jedes Mal, wenn ich eine Reise unternehme, suche ich nach Möglichkeiten, um neue Pläne zu entwickeln.»

Christina Hoehmann ist in Viña del Mar geboren und aufgewachsen. Sie besuchte die Deutsche Schule Valparaíso. Als die Zeit der Berufswahl heranrückte, äußerte ihr Vater den Wunsch, dass sie Architektur studieren möge. «Aber ich war ein bisschen rebellisch», runzelt sie die Stirn, «und außerdem kannte ich die Innenarchitekturlaufbahn von Verwandten in Deutschland, die diesen Beruf ausübten und der mir sehr zusagte.»

Also studierte sie an der Universidad Viña del Mar diese damals im Inland absolut neuartige Berufsrichtung: «Es war wie bei der Bauhaus», vergleicht sie, «wir hatten Workshops, wo wir selber wie Handwerker gearbeitet haben.» Der Lernprozess hatte somit eine praktische Komponente, die sich als äußerst wertvoll herausstellte.

Wie sie ihr Diplom hatte, musste sie feststellen, dass es keine Innenarchitekturwerkstätten gab. Also begann sie bei Architekten wie Matías Klotz, Felipe Assadi und Humberto Eliash zu arbeiten. Hierbei stellte sich immer deutlicher heraus, «dass ich ein Architektendiplom benötigte, um einen Arbeitsraum zu haben».

 

Firmengründung Ruka

Damals gründete sie ihr Unternehmen, das den Namen Ruka trägt. Tagsüber arbeitete sie dort und nachts studierte sie Architektur an der UNIACC. Diese Hochschule war mit ihren mit modernster Elektronik ausgerüsteten Geräten eine zeitgemäße Ausbildungsstätte, «also genau das Gegenteil von meiner Universität in Viña. Alles wurde mit Computern und 3D-Geräten in Angriff genommen».

So hatte Christina Hoehmann «eine sehr gute Mischung von Kenntnissen mitbekommen», die sie nunmehr in ihrem Unternehmen anwenden konnte. Ruka hat sich darauf spezialisiert, Entwürfe zu erarbeiten, bei denen die von Christina Hoehmann geschätzten Materialien aus der Natur verwendet werden können. Zusammenfassend definiert sie ihre Produkte als «moderne Möbel, die unser Erbgut über bestimmte Grundbestandteile, die verwendet werden, wiedergewinnen».

Zwar widmet sie sich heute hauptsächlich der Architektur und der Innenarchitektur, aber die Möbel- und Lampenschöpfungen sind ihre besondere Liebe. Sie werden nicht in Serie hergestellt, sondern in wenigen Exemplaren. Der Inhaber eines Ruka-Produktes kann sich daher bewusst sein, dass er ein Fast-Unikat sein Eigen nennt.

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