«Chily Dog» träumt vom Himalaya

Andrés Zegers ist so etwas wie der chilenische Reinhold Messner. Der Bergsteiger hat viele hohe Andengipfel in Rekordzeit erklommen. Jetzt will er mehr: Sein nächstes Ziel heißt Himalaya.

Nicht nur Skifahrern ist der Name La Parva ein Begriff. Auch viele Bergsteiger zieht es oft von Santiago aus in das Skigebiet, um von dort aus weiter zu marschieren und einen der bekannten Berge zu erwandern. La Parva sowie der Vorgipfel La Falsa Parva besitzen eine Höhe bis zu 3.970 Metern, es folgt auf gleicher Strecke der Pintor mit 4.200 Metern und schließlich ganz am Ende der Leonera mit 4.940 Metern. Letzterer kann bei sehr guter Kondition als lange Tagestour bewältigt werden. Üblich ist aber eine Übernachtung im Zeltlager. Und was, wenn alle vier Gipfel hintereinander bestiegen werden sollen?

So lautete die Vorgabe des Wettbewerbs «Desafío Cumbres Mountain Hardware», an dem Ende April einige der besten Bergsteiger Chiles teilnahmen. Zum Beispiel Ernesto Olivares, der schon auf dem Mount Everest und dem gefürchteten Nanga Parbat stand. Und auch Andrés Zegers, Mitglied des Deutschen Andenvereins (DAV) Santiago, von Beruf professioneller Bergsteiger und -führer. Sie und andere sollten die 25 Kilometer lange Strecke mit einem Höhenunterschied von 2.300 Metern auf Zeit zurücklegen.

Der Gewinner schaffte es in unglaublichen viereinhalb Stunden, Andrés Zegers wurde sechster, Ernesto Olivares war gar nicht unter den ersten zehn vertreten. «Ich bin am Anfang etwas zu schnell gelaufen, das habe ich später gemerkt», erläutert Andrés Zegers nüchtern. Ob er sein Abschneiden nun als gut oder schlecht einstuft, mag man als Laie nicht heraus zu hören.

Nur einen Monat zuvor war er ganz alleine ohne Konkurrenz auf die Gipfel gestürmt. In 31 Stunden bewältigte der Ausnahmesportler den Cerro Plomo (5.424 Meter), Litoria (5.352 m), Altar (5.180 m) und La Paloma (4.910 m) der Reihe nach. Startpunkt war ebenfalls La Parva um zwei Uhr morgens. Um neun Uhr stand er bereits auf dem Plomo, der von Santiago aus gut sichtbar ist. Über einen Gletscher gings dann abwärts und wieder hinauf zum nächsten Gipfel. Es war das erste Mal, dass ein Bergsteiger diese Kette in Angriff nahm.

In den Alpen wäre eine solche Route wahrscheinlich schon längst ein Klassiker, von vielen Bergsteigern bewältigt und erprobt, meint Andrés Zegers bescheiden über seinen Rekord. Auf einer Reise vor zwei Jahren nach Südtirol lernte der Deutsch-Chilene nicht nur die gemütlichen Berghütten dort lieben, sondern war auch von der Leidenschaft fasziniert, mit der die Einwohner wandern. «Es war schön zu sehen, wie der Großvater mit dem Sohn oder Enkel in die Berge geht. Es gibt dort eine viel stärkere Tradition, für die auch einiges getan wird. Manch Elfjähriger weiß in den Alpen besser mit den Kletterseilen umzugehen als ein Bergführer hier in Chile.»

 

Im Eiltempo hinauf

Andrés Zegers nimmt zwar an solchen Wettbewerben wie dem «Desafío Cumbres Mountain Hardware» teil. «Doch das tue ich aus Marketinggründen. Ich muss schließlich Werbung für mich machen», erklärt der 42-Jährige. Was ihn persönlich reizt, ist vielmehr etwas anderes. «Es gibt in Chile eine unglaubliche Auswahl an Bergen, um sie zu besteigen. Doch es fehlt an Visionen, neue Dinge zu entdecken und sie zu wagen.»

Andrés Zegers hat einiges gewagt und auch geschafft. Er war der erste Chilene, der im Nationalpark Torres del Paine den 2.800 Meter hohen Felskoloss Torre Central erklomm. In Nordchile bewältigte er als Erster den Vulkan Parinacota (6.330 Meter) in einer Tagestour, die hin und zurück 17 Stunden in Anspruch nahm. Den in der Zentralzone gelegenen 6.107 Meter hohen Marmolejo – im Jahr 1928 erstmals von drei Mitgliedern des Deutschen Andenvereins (DAV) Santiago bestiegen – schaffte er in 19,40 Stunden. Und ebenfalls einen Rekord legte Andrés Zegers beim Huascarán Sur hin. Für den 6.768 Meter hohen Gipfel im peruanischen Gebirgsmassiv Cordillera Blanca brauchte er 23,53 Stunden – rauf und auch wieder runter.

Andrés Zegers war in seiner bisherigen Laufbahn 35-mal auf dem Aconcagua, dem 6.962 Meter hohen «Dach Amerikas». Insgesamt hat er mehr als 100-mal 6.000er-Gipfel bestiegen. Die bis zu 1.000 Meter hohen Felswände des Monolithen El Capitán im Yosemite-Nationalpark im US-Bundesstaat Kalifornien ist er bisher 28-mal raufgekraxelt. Dort erhielt er von anderen Bergsteigern den Spitznamen «Chily Dog». Für die Entdeckung einer neuen Aufstiegsroute an der Südwand des Aconcaguas wurde er von der chilenischen Andenföderation 2012 zum besten Sportler des Jahres ausgezeichnet. Der DAV Santiago verlieh ihm im April dieses Jahres den «Eispickel in Gold», die höchste Trophäe des Vereins.

 

Grenzen überwinden

Doch «Chily Dog» will mehr. Wie alle großen Bergsteiger zieht es ihn hin zu den 8.000ern im Himalaya. «Das ist sicherlich ein Traum von mir. Auch hierbei geht es darum, neue Herausforderungen anzunehmen und die mentale Grenze zu überwinden, die dir einredet: `Das schaffst du nicht!´.»

Doch just in diesem Fall sind es nicht schwindelerregende Felsabgründe und spiegelglatte Eisflächen, die sich als schier unüberwindlich gestalten, sondern vielmehr Bürokratie und Geldsorgen. Eine Expedition nach Asien muss finanziert werden. Fördermöglichkeiten ausschöpfen und Sponsoren finden sind wiederum mit viel Papierkram und Geduld verbunden, besonders in Chile. Doch allzu viel Zeit, um Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, hat der 42-Jährige im Alltag nicht übrig. Andrés Zegers muss die Hälfte eines Tages dem Klettern widmen und Sport treiben, um nicht aus der Form zu kommen.

 

Stadtmensch auf Höhenflug

Es mag paradox klingen, aber Andrés Zegers bezeichnet sich selbst als Stadtmensch. Geboren wurde er nämlich in Santiago, und hier wuchs das Kind deutschsprachiger Eltern auch auf. Seine 1914 geborene Großmutter, die ihrem Enkel sogar einige Bergreisen finanzierte, sprach ebenfalls deutsch. Sein Vater wiederum fing an, diese Sprache zu lernen, als er einen internationalen Architekturpreis gewann und zur Verleihung nach Deutschland fahren sollte. Andrés selbst ist dieser Sprache nicht mächtig – und vielleicht wäre das noch eine Herausforderung, der er sich irgendwann stellen könnte.

Wer sein Haus im santiaguiner Stadtteil La Reina betritt, der findet alle Vermutungen und Vorstellungen bestätigt, die man von Bergsteigern eben haben kann: In der einen Ecke befindet sich eine Gesteinssammlung. Es sind Mitbringsel von verschiedenen Bergtouren, darunter quarzähnliche Brocken, die glänzen bis matt schimmern. Und in einer anderen Ecke – natürlich – das Material: Seile, Schnüren, Schlingen, ganze Schlüsselbunde voll mit Haken, Keilen, Klemmen und Karabinern.

Das Klettern war es auch, das am Beginn seiner Laufbahn den Anstoß gab, sich ganz dieser Disziplin zu widmen. «Wandern und Klettern, das war für mich ein Unterschied wie Spazieren gehen und Fliegen. Mir öffnete sich eine Welt.»

Der 42-Jährige hat schätzungsweise 500 neue Routen im Fels und an Eiswänden erforscht. Mitunter waren solche Hangeleien am Seil nicht ungefährlich, räumt er ein. Er sei mit der Zeit vorsichtiger geworden, sagt Andrés Zegers, der verheiratet ist und eine elfjährige Tochter hat. Doch Limits will er sich trotzdem nicht setzen. «Die Lust aufs Bergsteigen kommt aus meinem Inneren heraus. Und ich wäre frustriert, sollte ich nicht versuchen, meine Träume zu verwirklichen.»

Doch was zieht denn nun eigentlich die Menschen in die Berge, hin die unwirtliche Kälte, in eine im Grunde menschenfeindliche Umgebung? Andrés Zegers muss nicht lange überlegen: «Es ist die Verbundenheit mit der Natur. Man spürt ihre Kraft, man muss lernen, die Umwelt zu beobachten, die Wolken zu lesen, den Fels zu studieren.» Ginge es nur um reine körperliche Fitness, könnte man das auch ohne die Berge beim Krafttraining in der Stadt haben.

Den Einklang mit der Natur zu wahren postulierte auch der berühmte Bergsteiger Reinhold Messner mit seinem «alpinen Stil», also dem Anspruch, ohne exzessiven Einsatz von Technik zum Ziel zu gelangen. Dem jüngsten Vorschlag der nepalesischen Regierung, eine Leiter am berüchtigten Hillary Step, einer Felsstufe kurz vor dem Gipfel des Mount Everests zu installieren, kommentierte der große Pionier mit dem Wort «Pisten-Alpinismus».

Und auch bei Andrés Zegers stößt diese Vorstellung von vorpräparierten Wegen auf Ablehnung. «Viele Expedition verschandeln den Berg, indem sie Seile und Haken zurücklassen. Doch die Berge sollten nicht zum einem Disneyland verkommen. Wer möglichst einfach hinaufkommen will, dem fehlt es an Fantasie und Überzeugungen.»

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