Chilenischer Tenor behauptet sich in Berlin

Seit 2012 ist er festes Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin. Diese – besonders für junge Sänger – hochbegehrte Stellung erhielt der sympathische Chilene, nachdem er in den letzten Jahren wiederholt seine Begabung unter Beweis stellen konnte. Wie kommt ein junger, unbekannter südamerikanischer Sänger an eine der großen europäischen Opernbühnen und schafft es, dort gleich im ersten Jahr seines Engagements Traumrollen wie den Tamino in Mozarts «Zauberflöte» zu singen?

«Man braucht immer jemanden, der einen leitet»

 

 

Der Weg in die deutsche Hauptstadt – eines der wichtigen Kulturzentren der Welt – war weit und nicht einfach. Álvaro Zambrano ist in La Serena geboren. Die Eltern sind musikbegeistert und sorgten dafür, dass der Junge Klavierspielen lernte: «Als ich in der 2. Grundschulklasse war, fing ich an der Escuela Experimental de Música Jorge Peña Hen an. Die Klavierausbildung absolvierte ich bis zum IV medio».

Eines der Pflichtfächer auf der Musikschule war Chorgesang. Aus diesem Zwang sollte sich ein Steckenpferd entwickeln: Álvaro entdeckte relativ früh seine Freude am Singen, die allmählich größer wurde und schließlich sein Interesse am Klavier weit übertroff. Zudem erlitt er einen Unfall, bei dem er sich einen Arm verletzte, mitunter ein weiterer Grund, sich vom Klavier zu distanzieren und dem Singen näher zu kommen. Als er die Oberstufe beendete, stand für ihn fest, dass er Gesang studieren würde.

Die Sache hatte allerdings einen Haken: Eine Ausbildung dieser Art musste in Santiago erfolgen, was mit großen Unkosten verbunden war. So trug er sich eine Zeit lang mit dem Gedanken herum, in La Serena einer Musikpädagogenausbildung nachzugehen. Der Drang zum Singen war jedoch stärker und nicht aufzuhalten. Er reiste auf gut Glück in die Hauptstadt und meldete sich am Instituto de Música der Pontificia Universidad Católica zum Vorsingen an.

Seine Aufnahmeprüfung war vollends überzeugend. Die anwesende Gesangslehrerin Ahlke Scheffelt merkte sogleich mit ihrem Gespür für begabte Musiker und gute Stimmen, dass Zambrano Aussichten hatte. Sie riet dem jungen Mann, seine Stimme weiter ausbilden zu lassen. Mit dieser Bestätigung von berufener Stelle konnte der angehende Künstler seine Zweifel beiseite legen.

Die folgenden vier Jahre studierte er an der Católica, danach machte er privat mit Ahlke Scheffelt weiter und sammelte in verschiedenen Chören praktische Erfahrungen. Damals gelangte er zur Überzeugung, dass  er  Chorsänger bleiben würde, «weil ich meine Stimme klein fand». Diese Perspektive befriedigte ihn jedoch nicht. Der Drang, im Ausland eine Solistenkarriere zu machen, war größer. Er besprach diese Möglichkeit mit seiner Lehrerin, und erhielt den Bescheid: «Ich bereite Dich vor, um draußen vorzusingen». Damit nicht genug, «hat sie alles organisiert!», verrät er, und seine Dankbarkeit ist beim Erzählen nicht zu überhören.

 

«Ich wollte mich auf die Probe stellen»

Zambrano sang in Freiburg und in Mannheim vor. Er wurde in beiden Hochschulen angenommen. Unterdessen hatte Scheffelt in Chile ein Stipendium organisiert, was ihm ermöglichte, sich ohne finanziellen Druck in Deutschland ausbilden zu lassen. So konnte er mit Reginaldo Pinheiro in Freiburg studieren. Nach drei Jahren «wollte ich mich auf die Probe stellen und habe an zwei Häusern vorgesungen». An der Deutschen Oper Berlin hatte er dabei auf Anhieb Erfolg. «Das hatte ich eigentlich erwartet», gibt er zu. Man bot ihm kleine und mittlere Rollen wie Gastone in «Traviata» und Arturo in «Lucia», sowie den begehrten «Zauberflöten»-Tamino an. Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen.

Zambrano schlug seine Zelte in Berlin auf und sang, was man von ihm verlangte. An den ersten «Zauberflöte»-Abend erinnert er sich noch bestens: «In der Deutschen Oper ist jeden Abend Vorstellung. Deshalb hatte ich keine Gelegenheit, mit den anderen Sängern zu proben. Es handelte sich um eine Wiederaufnahme. Der Regieassistent erklärte mir, wohin ich mich wann bewegen musste, dann guckte ich mir die DVD-Aufzeichnung an und bereitete mich natürlich auch musikalisch gründlich vor».

Zwei Tage vor der Aufführung wurde der vorgesehene Dirigent ersetzt. Donald Runnicles, der am Haus eine leitende Position innehat, trat ans Pult. «Man bestellte mich zu einer Probe mit Herrn Runnicles und ich wurde furchtbar nervös», erzählt Zambrano lachend, «aber er hat mir, als wir fertig waren, gratuliert und gut zugeredet». Der Abend «lief gut», meint er bescheiden. Dies hatte zur Folge, dass er die gleiche Rolle für die  kommende Saison angeboten bekam.

Álvaro Zambranos Stimme ist «bis auf weiteres ein junger lyrischer Tenor», wie er meint. Er stellt sich vor, in der kommenden Zeit, Rollen wie Nemorino («Liebestrank»), Fenton («Falstaff») und vielleicht in einigen Jahren den «Traviata»-Alfredo und den Rodolfo der «Bohème» singen zu können, «obwohl diese Rolle mehr hohe Töne verlangt».

Zambrano hat nun einen festen Vertrag für ein Jahr mit der Deutschen Oper Berlin in der Tasche: «Ich habe bereits das Angebot erhalten, um ihn für die Spielzeit 2014-15 zu erneuern, was ich noch nicht entschieden habe, weil mein Agent und ich uns nicht absolut sicher sind, ob es das Beste für meine Entwicklung ist». Die Rollen sind zwar interessant und ihm «auf die Stimmbänder geschrieben», aber die wenigen Proben zusammen mit der Forderung nach höchstem Niveau «bedeuten doch einen großen Stress».

Die zweite Möglichkeit wäre, freischaffend zu arbeiten, «aber ohne es zu übereilen». Zambrano hat den Eindruck, dass der Aufstieg von Null zu der großen Bühne in Berlin äußerst schnell vonstatten ging, weshalb er jeden zukünftigen Schritt mit Vorsicht unternehmen will.

 

Begabung, Fleiß und Glück

Wie kam es zu diesem raschen Aufstieg? Zambrano ist begabt und fleißig, daran ist nicht zu zweifeln. Es kommt jedoch noch ein weiterer Umstand hinzu: «Ich habe Glück gehabt, viel Glück! Vor allem habe ich die richtigen Menschen kennengelernt. Kollegen, die mit mir zusammen studiert haben, die unglaubliche Stimmen haben, konnten mit diesem Glück manchmal nicht rechnen. Man braucht immer jemanden, der einen leitet. In diesem Zusammenhang muss ich sagen, dass Ahlke bis jetzt für mich die tragende Säule ist». Er überlegt einen Moment und wiederholt: «Bis jetzt. Ich studiere zwar seit vier Jahren nicht mehr mit ihr, aber bis heute ist sie mein Erdungskabel».

In Deutschland hat Zambrano sich gut einleben können. Die Studentenzeit in Freiburg fand er «angenehm entspannt», die Übersiedlung nach Berlin bereitete ihm keine weiteren Schwierigkeiten, nur: «Der Winter ist furchtbar hart!»

Das Leben in der traditionsreichen deutschen Hauptstadt versucht er zu genießen und sein Kollegenkreis ist denkbar international: «Über 50 Prozent der Sänger im Theater kommen aus Nordamerika», da etliche amerikanische Kollegen bestimmte Abkommen wahrnehmen, die ihnen ermöglichen, in Deutschland aufzutreten und viele Stipendiaten aus den USA  die Gelegenheit nutzen, in Berlin zu lernen.

Sein Plan auf längere Sicht ist, sich freischaffend einen Weg in der internationalen Opernwelt zu bahnen und «viel reisen, andere Kulturen kennenlernen». Die Heimat spielt hierbei auch eine Rolle: «Ich würde gerne öfter nach Chile kommen. Es tut mir gut, hierher zu reisen. Ich muss aber zugeben, dass ich sehr gelitten habe, als ich hier studierte. Die Möglichkeiten, vorwärts zu kommen, waren nicht gut. Als junger Sänger konnte man hier sehr wenig erreichen, wäre da nicht Ahlke gewesen, die immer alles organisiert hat.»

 

Von Walter Krumbach

 

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