«Chile ist das Nordamerika der 50er Jahre»

Die Liste der Tätigkeiten von Franz Schubert (48) ist lang. So lang, dass sich einem die Frage aufdrängt: Wann schläft dieser Mann eigentlich? Wenn er nicht gerade Reisegruppen durch die schönsten Flecken Südamerikas führt, seine Gäste aus aller Welt in der Casa Chueca Lodge empfängt, Lamas züchtet, Wanderkarten zeichnet, Kinderbücher verlegt und privat mal den nächsten Vulkan besteigt – dann befindet er sich auf einer wohlverdienten Familienauszeit.

«Chile ist das Nordamerika der 50er Jahre», sagt Franz Schubert, «du kannst hier sehr viel starten, ohne große Risiken einzugehen und dich auf die nächsten 40 Jahre deines Lebens zu verschulden. Wir habe ein tolles Grundstück am Fluss, unser Pony auf der Wiese stehen und gehen ins eigene Restaurant essen. Das wäre in Europa undenkbar.»

Genau 20 Jahre ist es her, dass Franz Schubert den chilenischen Boden betreten hat, um zu bleiben. Gemeinsam mit Lebenspartnerin Kathrein Splett hat er das Unternehmen Turismo El Caminante gegründet, sich auf naturnahe Wanderreisen in Lateinamerika spezialisiert und in Talca eine neue Heimat gefunden. Aus einem kleinen Projekt ist mittlerweile ein ansehnlicher Betrieb geworden: Auf der Casa Chueca genießen Splett und Schubert mit ihren zwei Kindern, den Mitarbeitern und vielen Haustieren Bauernhof-Idylle und freuen sich über den regen Besuch ihrer Gäste.

 

Einstieg in den Tourismus

Franz Schubert ist gebürtiger Österreicher und liebt die Berge. Von ihrer geheimnisvollen Anziehungskraft wurde er in Jugendjahren, kurz vor dem Abschluss seiner Schule, erfasst, «relativ spät für einen Österreicher», wie er sagt, «aber ich bin in einem kleinen Dorf, zwischen Wien und Bratislava, in der Ebene aufgewachsen, da waren die Berge sehr weit weg.»

Nach der Schule studierte Schubert technische Chemie, machte im Anschluss eine Ausbildung zum Sanitäter, spielte mit dem Gedanken, als Rettungsfahrer zu arbeiten und schlug dann doch eine ganz andere Richtung ein. Mit 23 Jahren begann seine Tätigkeit beim deutschen Wanderreiseveranstalter Wikinger. «Ich habe damals großes Glück gehabt», sagt er. «Es herrschte eine große Nachfrage nach Reiseleitern, weil der Job so schlecht bezahlt war, dass ihn niemand machen wollte. So habe ich große Freiheiten genossen und jedes Monat aufs Neue mit dem Finger auf den Atlas zeigen und mir mein nächstes Reisedomizil aussuchen können.»

Dank seinem abenteuerlichen Beruf lernte Schubert im Laufe der Jahre immer mehr Flecken auf der Welt kennen – und auch seine Lebenspartnerin Kathrein Splett. Bei einem Reisleiterseminar in Deutschland sprang der Funken über. «Als ich Kati zum ersten Mal sah, war sie ganz in Weiß gekleidet», erzählt Schubert. «Sie betrat den Raum und da wurde auf einmal alles still in mir. Ich dachte mir: „Lieber Gott, wenn ich die bekomme, bin ich für den Rest meines Lebens zufrieden.“» Splett war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, in Schweden zur Schule gegangen, hat fünf Jahre in Brasilien studiert und gearbeitet und eine Ausbildung als Tourismus-Kauffrau abgeschlossen. Zwei Jahre nach ihrem ersten Treffen beschloss das Paar, sich in Chile niederzulassen.

 

Die Wahl fiel auf Chile

«Wir haben in über 50 Ländern im Tourismus gearbeitet», sagt Schubert, «Wandertouren geleitet, waren sowohl auf dem Fahrrad, als auch im Kanu unterwegs. Wir haben viel Erfahrung gesammelt und wollten nicht mehr von Europa aus Touren anbieten, sondern vor Ort leben und arbeiten.» Splett zog es nach Brasilien, dort ist die Bergwelt für Schuberts Geschmack aber nicht spektakulär genug. Die Wahl fiel auf Chile.

Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. «1989 ist Pinochet gegangen, 1993 sind wir gekommen. Touristisch gesehen war Chile damals ein weißer Fleck auf der Landkarte. Wir haben gewusst: Hier wird es einfach für uns sein, zu arbeiten.» Mit ihrem Reiseunternehmen Turismo El Caminante stieß das Paar in Europa auf großes Interesse. «Noch bevor wir den chilenischen Boden betreten haben, hatten wir schon unsere ersten Touren verkauft.»

Die Reisenden, die Schubert und Splett quer durch Chile und Lateinamerika führen, brauchen einen Platz zum Schlafen. Vier Jahre nach ihrer Ankunft erwarben die beiden ein sieben Hektar großes Grundstück bei Talca und begannen mit dem Bau ihrer Casa Chueca Lodge am Ufer des Lircay-Flusses. «Hier in Talca kannst du ganz normal leben, da geht es nicht in jedem Gespräch um den Tourismus und das Geschäft», sagt Schubert, «und in der Region Maule gibt es großartige Ausflugsmöglichkeiten. Riesige Urwälder, Gletscher und Flüsse mit Trinkwasserqualität warten darauf, entdeckt zu werden.»

Rund 250 Kilometer von Santiago entfernt, zwischen den Naturreservaten Altos de Lircay und Siete Tazas, bietet die Hotelanlage ihren Gästen Swimmingpool, Fahrradverleih, Fitnessraum und vegetarisches Essen aus dem hauseigenen Gemüsegarten. «Wir sind ein sehr kinderfreundlicher Betrieb, zu uns kommen mittlerweile viele Familien. Wir haben einen Kinderspielplatz, einen Streichelzoo, halten Esel, Pferde, Hunde, Gänse und Hühner.»

 

Engagement und Umweltschutz

Mittlerweile ist Schuberts und Spletts Unternehmen sehr gewachsen. Neben Turismo El Caminante betreiben sie insgesamt vier touristische Herbergen, von Putre im Norden bis Pucón im Süden, veröffentlichen Wanderkarten und Kinderbücher, betreiben eine Plattform zur Registrierung von Reiseleitern, knüpfen Kontakte und verwalten ein Südamerika umspannendes Netzwerk aus Touristenführern, Trekkingguides und europäischen Immigranten.

«Ich weiß den Wert meines Lebens zu schätzen, und ich fühle mich ein wenig verpflichtet, etwas davon weiter zu reichen», sagt Schubert, «sei es an meine Familie, an meine Kinder, an unsere Mitarbeiter, die 400 Reiseleiter oder den vielen kleinen Unternehmern, die sich bei uns im Tourismus versuchen.»

Im Jahr 1997 gründete Splett die Stiftung Trekkingchile, seitdem setzt sich das Pärchen gemeinsam mit den sechs anderen Vorstandsmitgliedern für gemeinnützige Projekte, etwa im Bildungsbereich oder Umweltschutz ein. Um einen Ausgleich für den CO2-Ausstoß ihrer Kundschaft aus Übersee zu erzielen, hat die Stiftung mit der chilenischen Nationalparkverwaltung CONAF, dem Umweltministerium und der Universität Católica de Maule das Programm „FairChile“ gestartet: Für jeden Gast pflanzen Schubert und Splett einen Baum in geschütztem Gebiet. Mittlerweile beteiligen sich 50 Firmen in ganz Chile an dieser Aktion.

 

Leben zwischen den Kontinenten

Mit ihren Kindern Michay Alén (8) und Amayu Jolán (4) führen Schubert und Splett ein Leben zwischen den Kontinenten. In der Urlaubssaison wohnen sie auf der Casa Chueca, den chilenischen Winter verbringt die Familie aber in Deutschland. «Mehrere Jahre haben wir dort im Wohnwagen gelebt», erzählt Schubert, «erst heuer haben wir am bayrischen Chiemsee einen festen Wohnsitz. Und weil es uns hier so gut gefällt und die Schule sehr schön ist, überlegen wir uns, demnächst ein kleines Haus zu kaufen.»

Sein Hobby, das Bergsteigen, hat der Familienvater trotzdem nicht an den Nagel gehängt. «Nach wie vor reisen wir extrem viel in Südamerika», sagt er, «und privat war ich gerade erst im Iran, habe dort den höchsten Berg im Orient, Mount Damavand (5.671 Meter) und im Anschluss den Berg Ararat in Anatolien bestiegen.»

Im September geht es für die Schubert, Splett und die Kinder nach einem Familienurlaub in Österreich wieder zurück in die Heimat, denn: «Mit einem Teil des Herzens freut man sich immer aufs Neue, es ist schön in Europa. Aber wenn wir von Chile weggehen, haben wir ein schweres Herz. In Chile sind unsere Kinder geboren, hier fühlen wir uns zu Hause.»

 

Von Natalie Campbell

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