«In Chile bleibt die Familie zusammen»

Als Claudia Fehlandt vor drei Jahren vom Club Manquehue gefragt wurde, ob sie die Vizepräsidentschaft übernehmen könnte, zögerte sie nicht, dieses Amt anzunehmen. Sie fühlte, dass sie und ihre Familie dem Club viel zu verdanken hatten und dass sie nun auf diese Weise etwas zurückgeben konnte. Schließlich war der Club ein wichtiger Bestandteil im arbeitsteiligen Erziehungssystem, das sie und ihr Mann praktiziert haben.

4100_p16_1

«Der Club Manquehue ist für uns deutsch-chilenische Familien so etwas wie die Verlängerung des eigenen Gartens. Wir verbringen viel Zeit im Club, und wir fühlen uns dort so gut aufgehoben. Er ist eine soziale und kulturelle Institution, wo wir uns mit anderen Familien immer wieder treffen», beschreibt die hochgewachsene blonde Deutsch-Chilenin die Rolle des Clubs für ihr Familienleben und die Erziehung ihrer drei Kinder:

Inzwischen ist Felipe 25, Ricardo 23 und Camila 20. Alle drei haben Hockey im Club Manquehue gespielt, und Ricardo kickt bis heute dort jeden Tag Fußball. Das verbindet ihn mit seinem Vater, ebenfalls leidenschaftlicher Fußballspieler. Die Jüngste, Camila, hat inzwischen andere Angebote entdeckt: Zumba und den Fitnessraum.

 

Einwandererfamilie aus Osorno

Claudia Fehlandt Eggers stammt aus zwei deutschen Einwandererfamilien der ersten Stunde – eben denen, die seit den 1850er Jahren den Süden Chiles mit urbar gemacht haben. Ihre Familie mütterlicherseits hat sich in der Gegend von Osorno, in Chahuilco, 25 Kilometer in Richtung Küste, niedergelassen.

Sie selbst ist auch in Osorno aufgewachsen, ging dort auf die Deutsche Schule. Doch schon mit neun Jahren verabschiedet sie sich vom Süden Chiles. Zwischen ihrem neunten und elften Lebensjahr lebte die Familie in Deutschland, weil ihr Vater eine Stellung bei Bayer annahm. Die Familie lebte in dem kleinen Ort Leichlingen im Raum Köln-Leverkusen. Anschließend wurde ihr Vater nach Santiago versetzt. Seitdem ist die Großstadt ihre Heimat. Hier hat sie geheiratet und ihr Leben eingerichtet. Die Familie war dabei immer das Wichtigste für sie.

Auch wenn sie sich selbstständig gemacht hat und sich seit vielen Jahren als erfolgreiche Geschäftsfrau bezeichnen kann, so hatte der Familienzusammenhalt für sie immer höchste Priorität. «Hier in Chile bleibt die Familie zusammen», erklärt Claudia Fehlandt. Nach ihrem Empfinden hat die Familie hier einen höheren Stellenwert im Leben der Menschen als in Deutschland. «Es ist ein gesundes Zusammenleben», beschreibt sie das Modell, das sie kennt und das sie in ihrer eigenen Ehe zusammen mit ihrem Mann auf ihre eigene Art praktiziert hat.

 

Arbeitsteilung

Ihren Mann hat sie sehr jung kennengelernt. Sie war 19, evangelisch-lutherisch und Deutsch-Chilenin in siebter Generation. Ihr Mann ist Chilene und katholisch. Was sie vereint, ist, dass sie beide Betriebswirtschaft studiert haben. Für ihr Familienleben machten sie untereinander ihr eigenes System aus.

Heute, nachdem die Kinder erwachsen sind, kann das Paar zufrieden feststellen, dass ihr System funktioniert und beste Ergebnisse erzielt hat. Die Arbeitsteilung, die sie und ihr Mann abmachten, sah folgendermaßen aus: Sie war zuständig für Schule und Sportverein und ihr Mann für die religiöse Erziehung der Kinder. Die Kinder gingen auf die Deutsche Schule Santiago, wurden im Club Manquehue angemeldet und katholisch erzogen.

«Unsere Kinder sind gläubig», betont Claudia Fehlandt. Die religiösen Werte sind für sie ausschlaggebend, nicht ob sie der lutherischen oder der katholischen Kirche angehören. «Ich bin meiner Schwiegermutter dankbar. Sie hat das sehr gut gemacht», sagt sie.

Dass ihre Kinder Werte wie Solidarität und Nächstenliebe verinnerlicht haben, wurde auf einer gemeinsamen Reise vor einigen Jahren deutlich, als es zu einem Unfall kam, der von der Familie äußersten Zusammenhalt und Disziplin erforderte, um die gefährliche Situation zu meistern. Die Familie bestand die Probe gemeinsam mit Courage und gesundem Menschenverstand.

Aber nicht nur deshalb kann Claudia Fehlandt sagen, dass sie die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Die studierte Betriebswirtin gab ihre Anstellung bei der Bank Edwards auf, als ihr erster Sohn noch klein war. «Ich konnte bei seiner Einschulung nicht dabei sein», erzählt sie ein Erlebnis, das stellvertretend für viele Situationen stehen kann, die berufstätige Mütter durchstehen müssen. So machte sie sich selbstständig und gründete die Firma Fehlandt & Asociados.

 

Geschäft in entspannter Atmosphäre

«Ich habe mein Leben so aufgestellt, dass die Familie zuerst kommt», sagt die Geschäftsfrau in ihren Büroräumen im Pueblo del Inglés. Im Versammlungsraum steht ein «Jardín Zen» auf dem Tisch. Sie hat ihn von einem Freund geschenkt bekommen. «Wenn ich hier mit Kunden schwierige Themen bespreche, nehmen sie ganz automatisch die kleine Harke in die Hand und beginnen, im Sand Kreise zu ziehen. Das entspannt die Atmosphäre», erzählt sie.

Ihre Firma ist ein Beratungsunternehmen, das auf den Finanz- und Versicherungsmarkt spezialisiert ist. Claudia Fehlandt berät ihre Kunden bei der Optimierung von Management- und Organisationsprozessen. Viele ihrer Kunden sind Familienunternehmen. Gerade beim Wechsel von einer Generation zur nächsten würde Hilfe benötigt. «Die Beraterfirma hilft mit einem Blick von außen», fasst sie ihre Arbeit zusammen. «Guck dir das an und sag uns, was wir besser machen können».

Sie habe viel Glück gehabt mit ihrer Firma, meint sie. Jetzt, wo die Kinder groß sind, überlegt sie ihr Leben neu. Ihr ältester Sohn Felipe ist Unterleutnant beim chilenischen Heer, wo er sich zum Hubschrauberpiloten hat ausbilden lassen. Der zweitälteste Sohn Ricardo – der passionierte Fußballspieler – studiert Ingenieurswesen mit Schwerpunkt Transport an der Universidad Católica. Und die jüngste Tochter Camila studiert dort Journalismus.

«Die Kinder kommen immer noch von der Uni zu mir zum Essen», erzählt Claudia Fehlandt. Das sei so wie früher, als sie vormittags in die Schule, dann zum Essen zu ihr und nachmittags in den Club Manquehue gegangen seien. Die beiden jüngeren wohnen auch nach wie vor Zuhause.

Dennoch weiß Claudia Fehlandt, dass das nicht ewig so sein wird und sie bald ihre eigenen Wege gehen werden. «Ich hoffe, dass ich dann noch lange arbeiten kann, denn es macht mir viel Spaß», sagt sie. Doch auch wenn ihre Kinder schon eigene Kinder haben werden, wird sie mit Sicherheit nichts dagegen einzuwenden haben, wenn sie ab und zu bei ihr im Büro vorbeikommen, um mit ihr zusammen Mittag zu essen.

 

Petra Wilken

 

Fotolectura:

Claudia Fehlandt Eggers stammt gebürtig aus Osorno. Sie ist Geschäftsfrau und Vizepräsidentin vom Club Manquehue in Santiago.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*