«Cerro Navia war für mich Chile»

Sarah Schüssler kam vor einem Jahr mit 15 anderen jungen Deutschen nach Chile, um mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst «weltwärts» ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland zu absolvieren.

Für die anderen 18- bis 19-jährigen Abiturienten ihrer Gruppe war Sarah «steinalt»: Sie war schon 27 und ausgebildete Physiotherapeutin mit Berufserfahrung. Gegen die Erwartungen ihrer Entsendeorganisation, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), blieb Sarah das gesamte Jahr über bei ihrer chilenischen Gastfamilie in Cerro Navia wohnen, wo sie auch arbeitete. Auf diese Weise lernte sie intensiv eine Seite Chiles kennen, die vielen ausländischen Besuchern verschlossen bleibt.

«Für mich war Cerro Navia lange Zeit Chile, und ich war erstaunt, als ich nach Monaten sah, dass Chile auch noch ganz anders ist», erzählt die Freiwillige über den großen Stadtteil im Nordosten Santiagos, der auf dem Weg vom Flughafen Pudahuel in Richtung Providencia rechter Hand liegt. Dort, wo man von der Costanera Norte aus im Vorbeifahren eine Mapuche-Ruka erspäht, da ist Cerro Navia, eine Gemeinde mit rund 130.000 Einwohnern, die als eine der ärmsten in der Región Metropolitana eingestuft wird.

Sarah hat dort ihr «weltwärts»-Jahr bei der gemeinnützigen Stiftung «Cerro Navia Joven» absolviert, die vor 20 Jahren aus der solidarischen Basisarbeit der katholischen Kirche hervorgegangen ist und heute ein bedeutendes Sozialwerk für alle Altersstufen unterhält. Sie betreibt einen Kindergarten und eine Schule, arbeitet mit Jugendlichen in der Drogenprävention und mit Senioren in einer offenen Tagesstätte. Sarahs Einsatzplatz war in der Seniorentagesstätte. Zudem unterstützte sie das Team bei der Hauspflege von bettlägerigen alten Menschen.

 

Von Tieren und Menschen

Was hat die junge Baden-Württembergerin veranlasst, sich bei der GIZ für diesen Einsatzplatz zu bewerben? «Ich wollte gerne ein Projekt, das nahe an meinem Beruf dran ist», erklärt die Diplom-Physiotherapeutin. Mit 27 Jahren hatte sie schon einiges in ihrem Lebenslauf stehen. In Filderstadt bei Stuttgart geboren, ist sie in dem 20.000-Seelen-Ort Mössingen in ländlicher Umgebung aufgewachsen. In der Stadt Balingen hat sie die Waldorfschule besucht und wollte eigentlich Tiermedizin studieren. Aber dieser Wunsch hatte sich schon lange zerschlagen, da sie seit der Geburt unter Asthma und Neurodermitis litt und eindeutig gegen Tiere allergisch war.

Das hat Sarah jedoch nicht an ihrer Tierliebe gehindert. «Ich bin immer reiten gegangen, trotz Allergie», erzählt sie. Und als sie zwölf war, hat sie einen Esel freigekauft. Freigekauft? Ja, sie hätte diesen Esel immer gesehen und erfahren, dass er 40 Jahre alt war und getötet werden sollte. Da hat sie ihr Taschengeld angeboten und den Esel bei einem Onkel untergebracht, der Ziegen und Pferde hatte. Rosie hieß das Tier und lebte auf dieses Weise noch fünf weitere Jahre.

Mit 16 machte sie ein Praktikum in einer Tierarztpraxis. «Da hatte ich einen so starken Asthmaanfall, dass ich dachte, ich ersticke.» Tiermedizin sollte es eindeutig nicht sein. Wenn nicht Tiere, dann Menschen, aber irgendetwas mit Medizin, sagte sich Sarah in ihrer pragmatischen und positiven Art.

So machte sie nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus in der Herz- und Thoraxchirurgie. «Das waren schwer kranke Leute, viele nah am Tod.» Das war für sie jedoch keineswegs abschreckend, sondern vielmehr zeigte es ihr einen Bereich, für den es wert ist, sich zu engagieren. Da für Medizin die Abiturnote nicht reichte, entschied sie sich für eine dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin.

 

Fernweh

Gleichzeitig absolvierte sie ein ausbildungsbegleitendes Fernstudium an der Fachhochschule Nordhessen und erlangte so ein FH-Diplom in Physiotherapie. «Das war gerade neu, und ich habe mich dafür entschieden, da man damit auch im Ausland arbeiten kann, denn ich wollte gerne bei „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten.»

Ein unterschwelliges Fernweh muss Sarah wohl schon länger gehabt haben: Mit 16 machte sie einen vierwöchigen Schüleraustausch in Südafrika. «Das war schwierig», erinnert sie sich. «Ich war zu jung, war in einer farbigen Gastfamilie und lernte dort den Rassismus von der anderen Seite kennen.» Und mit 21 ging sie ganz alleine auf Entdeckungsreise für mehrere Wochen nach Kuba.

Mit derselben Power ist Sarah ins Berufsleben eingestiegen. Drei Jahre arbeitete sie in einem Krankenhaus in Nürtigen auf der Palliativstation, der Onkologie und der Orthopädie. Zu dieser Zeit bedeutete ihr Weg zur Arbeit bis zu drei Stunden Autofahrt, gleichzeitig arbeitete sie oftmals zehn Stunden am Tag und machte zwei Jahre lang an den Wochenenden eine Fortbildung in manueller Therapie.

Ihr Körper gab ihr irgendwann die Rechnung. «Eines Tages saß ich in meinem Auto und konnte einfach nicht mehr weiter. Ich war nah am Burnout. „Wofür habe ich das alles gemacht“, habe ich mich gefragt? Ich habe dann den Job gewechselt und mich daran erinnert, was ich eigentlich mal wollte. Ärzte ohne Grenzen». Das war es zwar (noch) nicht, aber es wurde «weltwärts».

 

Auf nach Chile

Das Programm weltwärts ist 2008 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) als entwicklungspolitischer Lerndienst ins Leben gerufen worden. Seitdem sind über 16.000 junge Menschen mit diesem Programm ins Ausland gegangen und haben sich zwischen sechs und 24 Monate bei einer lokalen Partnerorganisation für Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Menschenrechte oder Kultur engagiert.

«Man musste schon einen Hürdenlauf machen», erinnert sich Sarah an das Auswahlverfahren der Freiwilligen bei der GIZ, wo sie die Stelle für Seniorenbetreuung in Cerro Navia fand. «Ich habe dann mein Auto verkauft und meine Kleidung an einen Second-Hand-Laden.» Mit den 100 Euro Taschengeld, die die Freiwilligen erhalten, wusste sie, würde sie in Chile nicht weit kommen. Zumindest nicht, wenn sie auch noch etwas vom Land sehen wollte, denn Unterkunft und Verpflegung in Gastfamilien ist ebenfalls von dem Freiwilligendienst abgedeckt.

«Am Anfang haben mich meine Kolleginnen nach Hause begleitet, weil sie Angst hatten, dass ich überfallen werde.» Den Senioren, die ins Zentrum von Cerro Navia Joven kämen, würde man es nicht ansehen, wie sie leben, meint sie. «Erst als ich Hausbesuche machte, wurde mir das Ausmaß der Armut bewusst. Sie leben zum Teil in menschenunwürdigen Verhältnissen.»

«Als ich länger hier war und mehr aus Cerro Navia herausgekommen bin, habe ich begriffen, wie dieses Land funktioniert, was ich als sehr ungerecht empfinde. Im Bus haben mich mal Leute gefragt, ob ich mich verlaufen hätte.» Die Reaktion, wenn sie sage, dass sie in Cerro Navia lebe, ärgere sie, weil Armut nicht gleich Kriminalität bedeute. «Ich bin hier auf stolze und starke Frauen getroffen, auf gute Menschen, auf Familien, die alles dafür tun, dass es ihre Kinder mal besser haben als sie selbst», unterstreicht sie.

 

Die zweite Familie

Untere Reihe: Sarah zwischen ihren Gasteltern Heriberto Higuera und Custodia Albiña. Dahinter ihre chilenischen Geschwister Isaias, Elli und David.

Ihre chilenische Gastfamilie ist für sie in diesem Jahr zu einer zweiten Familie geworden. Ihre Gastmutter Toya arbeitet als Erzieherin in einem Montessori-Kindergarten in Cerro Navia und ihr Gastvater Heriberto im Bauwesen. Ihr ältester «Gastbruder» Isaias (25) ist Tontechniker und wohnt nicht mehr Zuhause. Der jüngere heißt David (22) und macht bisher Aushilfsarbeiten auf dem Bau. «Schwester» Elli (17) möchte Krankenschwester werden, was sicherlich auch mit ihrer «großen Schwester» Sarah zu tun hat, die ihr zum Vorbild geworden ist.

Inzwischen ist Sarah zusammen mit den anderen Freiwilligen ihrer Entsendegruppe nach Deutschland zurückgekehrt. Diese war die letzte der GIZ, aber das «weltwärts»-Programm läuft über zahlreiche andere Entsendeorganisationen weiter.

Sarah nimmt wie alle Freiwilligen viele prägende Erlebnisse mit nach Hause. Die knapp 20-Jährigen sind in Chile erwachsen geworden, alle haben soziale Kompetenzen erworben, die sicherlich in einem Jahr sonst nicht zu erreichen sind.

Und Sarah hat noch einen anderen Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung gemacht: Sie hat sich in einen Chilenen verliebt. Da sie schon «steinalt» ist, wie die anderen Freiwilligen sie immer neckten, weiß sie, was sie will. Für sie ist es der Mann, den sie heiraten und mit dem sie Kinder haben wird. So steht sie wieder vor großen Herausforderungen: Zunächst wird ihr Freund nach Deutschland kommen, um dort seinen Doktor zu machen – und danach werden sie bestimmt in Chile leben.

 

Petra Wilken

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