Beziehungen ausbauen

Seit fünf Jahren ist er Direktoriumsmitglied der Schweizer Handelskammer in Santiago (offiziell Cámara Chileno-Suiza de Comercio A.G.). Vor zwei Jahren übernahm er den Vorsitz. Gonzalo Rojas‘ Beziehungen zur Schweiz rühren «ganz einfach daher», sagt er, «dass ich in Genf studiert habe». Er ließ sich als Wirtschaftsingenieur ausbilden und blieb danach in der Schweiz, um auf dem Arbeitsmarkt Erfahrungen zu sammeln: «Insgesamt lebte ich fast zehn Jahre dort.»

Texto foto: Gonzalo Rojas ist Präsident der Schweizer Handelskammer in Chile. Privatberuflich ist er als Head-Hunter tätig. Foto: Walter Krumbach
Texto foto: Gonzalo Rojas ist Präsident der Schweizer Handelskammer in Chile. Privatberuflich ist er als Head-Hunter tätig.
Foto: Walter Krumbach

Von Walter Krumbach

Rojas war im Bauwesen tätig: «Dabei habe ich die Mentalität der Schweizer kennengelernt und mich angepasst.» Dies meint er «im Unterschied zu anderen Chilenen, die in der Schweiz sind und bis zu einem gewissen Grade in einer Enklave leben. Ich habe viele Freundschaften aufbauen können».
Ist es für einen Südamerikaner schwer, sich in der Schweizer Gesellschaft integrieren zu können? «Für einen Chilenen ist es nicht einfach», hat er festgestellt, «weil unser Land von der Schweiz kulturell ziemlich viel abweicht. Die Strenge, die Präzision und die Korrektheit, mit der die Schweizer alles angehen, sind Eigenschaften, die in Chile nicht immer gegenwärtig sind».
Er wirft jedoch im gleichen Atemzug ein, dass «unser Land im lateinamerikanischen Kontext ein fortschrittlicher Staat ist, der sich diesem Qualitätsniveau nähert». An der Universität, hat er feststellen können, «dass es diesen Kollektivgeist, den wir in Chile haben, nicht gibt – dass man etwa um bestimmte Dinge kämpft, auf der Straße aufmarschiert und die Universität einnimmt. Dort beginnt der Unterricht um 8 Uhr morgens und es wird den ganzen Tag gearbeitet. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein Professor jemals im Unterricht gefehlt und erst recht nicht, dass die Universität eines Tages ihre Tätigkeit unterbrochen hätte. Diese Beständigkeit saugt man schließlich auf. Man verwandelt sich».
Es ist ein auf die positive Art ansteckendes Phänomen. Nach der Rückkehr in die Heimat erlebte es Gonzalo Rojas, dass er «als Europäer auffiel». Lachend gesteht er, dass man ihn damals «den Schweizer» nannte, weil er sich einiges abgeguckt hatte, «es war wie ein Lehrgang gewesen», versichert er.
Die Chilenisch-Schweizerische Handelskammer fördert die Beziehungen zwischen Chile und der Schweiz auf der Ebene der involvierten Unternehmen. Gonzalo Rojas beschreibt die Tätigkeit der Organisation knapp und direkt: «Schweizer Firmen, die in Chile ihre Zelte aufschlagen wollen, finden in der Kammer einen Ort, wo sie willkommen geheißen und auf dem Inlandmarkt beraten werden».
Diese Unterstützung hat zum Ziel, den Betrieben möglichst bald eine Integration auf dem lokalen Markt zu gewährleisten, «sowohl was die Wechselwirkung mit den verschiedenen Regierungsorganen und den Privatunternehmern angeht, als auch die Kontakte, die nötig erscheinen, um Geschäfte zu entwickeln».

Unterstützung ohne Profit
Rojas betont, dass die Handelskammer «keinen kommerziellen Service bietet, sondern darum bemüht ist, eine wahrhaftige Hilfe zu erteilen». Andererseits pflegt die Handelskammer mit den alteingesessenen chilenisch-schweizerischen Firmen enge Beziehungen. Diese «benötigen ein gewisses Networking», glaubt Gonzalo Rojas, «sie kennen sich untereinander und treffen sich regelmäßig».
Schließlich «haben wir noch die großen Schweizer Betriebe, deren Geschäftsführer das Land zu besuchen pflegen und mit der Kammer Kontakt aufnehmen, um diesem bilateralen Verhältnis ihren Beitrag zu leisten». Ebenso treffen sich diese Unternehmer untereinander, um Erfahrungen und Informationen über das Land auszutauschen. Diese sind oft nicht nur kommerzieller, sondern auch kultureller Art.
Zum anderen beraten die Handelskammer und die Schweizer Botschaft chilenische Firmen, die Interesse bekunden, ihre Produkte in die Schweiz zu exportieren. Dazu kommt auch die Swiss Global Enterprise als Vermittler in Frage, «welche vergleichsweise eine Art Schweizer Prochile ist», erläutert er. «Mit ihr haben wir ein gemeinsames Netzwerk und eine Business-Support-Infrastruktur, die den chilenischen Exporteuren mit Rat und Tat zur Seite steht».
Allerdings fließt der größere Strom bekanntlich von der Schweiz nach Chile: «Zu Beginn waren es die großen Firmen, die schon seit vielen Jahren unter uns weilen, wie Schindler oder Nestlé. Mit der Zeit kamen dann mittlere und kleinere Unternehmen dazu, die sehr fortgeschrittene Nischentechnologien entwickelt haben und damit nach Chile kommen, um diese modernen Produkte zu vermarkten. Die Kammer dient ihnen als eine Art ‚Landungsplattform‘, sie hilft ihnen bei der ersten Tuchfühlung, etwa damit sie die hiesige Kultur und die Spielregeln begreifen und hauptsächlich, um geschäftliche Verbindungen herzustellen. Hierbei können die Mitglieder der Kammer die ersten Interessenten sein».

Verbinden, beraten, entwickeln
Gonzalo Rojas ist davon überzeugt, dass er als Vorsitzender eine verbindende Rolle zu spielen hat, der den leitenden Instanzen der verschiedenen Unternehmen, die unser Land besuchen, beratend beisteht. «Das tue ich sehr gerne», sagt er mit Nachdruck, «es nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, aber der Grundgedanke ist, dass die Kammer sich solide weiterentwickelt und in Zusammenarbeit mit der Botschaft die bilateralen sowie die Beziehungen zwischen den Betrieben ausbaut».
Privat widmet sich Gonzalo Rojas dem Head-Hunting. Er arbeitet für die Genfer Firma B-Aron Conseil, die für ihre Auftraggeber leitende Angestellte sucht. Grundsätzlich befasst er sich mit dem Finanz- und dem Industriebereich. «Diese Arbeit ist zyklisch», erzählt er, «zuweilen hat man sehr viel zu tun und dann gibt es Perioden, wo weniger Arbeit anfällt. Das ist vom Standpunkt des Umgangs mit der Zeit sehr angenehm.
Natürlich ist es keine leichte Aufgabe, da jeder Arbeitsplatz, für den ich Kandidaten suche und bewerte, Knowhow eines Experten voraussetzt. So ist heutzutage zum Beispiel ein Logistik-Leiter ein hochspezialisierter Fachmann. Den muss ich erkennen können. Das stellt für mich eine Herausforderung dar».
Dazu ist Personenkenntnis vonnöten, «was man Arbeitspsychologie nennt», erläutert Gonzalo Rojas, «was bedeutet, zu verstehen, was man unter Führungsfähigkeiten versteht, was Team-Arbeit ist, was es heißt, verwickelte Situationen zu handhaben, wie man Konflikte in den Firmen löst. Das alles sind Fertigkeiten, die eine führende Kraft im Griff zu haben hat». Der Experte bringt es auf den Punkt: «Ein Manager kann es sich heute nicht leisten, als Leiter unfähig zu sein. Er mag ein guter Fachmann sein, aber wenn er nicht führen kann, dann wird er nicht weit kommen».
Rojas betont, dass dieses nicht nur für Privatunternehmen gültig ist, sondern auch für den öffentlichen Bereich. In der Tat sucht Rojas für die Staatsverwaltung gezielt Manager aus. Zurzeit konzentriert er sich auf das Inland. Für die nahe Zukunft ist jedoch geplant, die Auslese auch für Länder der Region wie Kolumbien und Peru zu besorgen.
Gonzalo Rojas ist verheiratet und hat drei Kinder. Er gesteht, dass er «viele» Hobbys hat, von denen er das liebste bedauerlicherweise nicht mit der gewünschten Häufigkeit genießen kann: er unternimmt leidenschaftlich gern Kulturreisen. Damit meint er, sich mit dem Rucksack unters Volk zu mischen, mit den Leuten direkt Verbindung aufzunehmen und mittels Gesprächen sich über Geschichte und Gastronomie zu informieren.
Während seiner Studentenzeit hat er West- und Osteuropa kennengelernt: «Prag ist eine unvergessliche Stadt», schwärmt er, «auch Ägypten und Israel – Abu Simbel, Luxor und das Museum in Kairo sind sehr empfehlenswert, das kulturelle Erbe, das die alten Ägypter hinterlassen haben, ist einmalig».
Lateinamerika wiederum kennt er fast so gut wie seine Westentasche. «Obwohl der Planet schon allzu sehr besucht und befahren worden ist, glaube ich, dass es noch viele Orte gibt, die ich gerne bereisen würde, wenn ich einmal Zeit habe». Er besinnt sich einen Augenblick und fügt dann hinzu: «Hoffentlich klappt das noch vor der Pensionierung.»

 

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