Berufung als Lehrerin gefunden

Daniela Gutiérrez Panay-Berríos wird am 6. März zum ersten Mal vor ihrer eigenen Schulklasse stehen. Nachdem die 32-Jährige im Dezember ihren Titel als Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache am Deutschen Lehrerbildungsinstitut Wilhelm von Humboldt (LBI) erhielt, hat sie direkt die Anstellung gefunden, von der sie geträumt hatte: eine erste Grundschulklasse an der Deutschen Schule Santiago. Genau so wie sie es sich vorgestellt hat.

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Die junge Chilenin entscheidet, das Interview mit dem Cóndor auf Deutsch zu führen. Sie fühlt sich sehr sicher dabei, nutzt jede Gelegenheit deutsch zu sprechen. Das Gespräch läuft reibungslos, man merkt lediglich an ihrem sympathischen Akzent, dass sie keine Muttersprachlerin ist. Sie hat Deutsch nicht in die Wiege gelegt bekommen, sondern hat die Sprache bewusst lernen müssen.

Obwohl es in ihrer Familie keine deutschen Wurzeln gibt, hat ihre Mutter für Daniela die Ursulinenschule in Maipú ausgesucht. Sie selbst hatte eine deutsche Nonnenschule in San Carlos besucht. «Meine Mutter wollte die beste Schule für mich». Das hat Tradition in Danielas Familie: Ihre Oma hatte eine französische Schule besucht. Daniela erinnert sich gerne an ihre Schulzeit, sie hat das Gefühl, an der Ursulinenschule eine sehr gute sprachliche Basis vermittelt bekommen zu haben.

 

Entscheidungen im Leben

Nach der Schule traf Daniela Gutiérrez allerdings eine Entscheidung, die sie sich nur schwer erklären kann: Sie studierte Architektur an der Universidad Mayor und schloss gleich einen Master in «Urban Economics» an. Die Stadt- und Verkehrsplanung und die Projektevaluierung haben ihr schon gefallen, aber alles, was mit der Gestaltung von Gebäuden zu tun hatte, eigentlich nicht. So hatte sie nur eine einzige kurze Anstellung in ihrem Beruf. «Für ein Architektenbüro habe ich ein Restaurant entworfen. Und das war’s», stellt sie trocken fest. «Ich habe mich schlecht gefühlt, wollte morgens nicht aufstehen», erzählt sie über ihre Schwierigkeiten in dieser Zeit, die man sich bei der selbstbewussten und zielsicheren Frau heute kaum vorstellen kann.

Im Jahr 2009 hat sie dann in einer Boutique im Drugstore in Providencia gearbeitet und sich immer wieder gefragt: Warum habe ich bloß Architektur studiert? Eine Schulfreundin gab ihr dann den entscheidenden Tipp: Wenn du gerne unterrichtest und Deutsch kannst, warum wirst du nicht Deutschlehrerin und studierst am LBI? Die Freundin, die nach der Schule Werbung studiert hatte, hatte sich bereits zur Lehrerin am LBI ausbilden lassen. «Ich habe mich einen Tag vor dem Erdbeben 2010 entschieden», erinnert sich Daniela ganz genau an den Moment an dem ihr Leben sich wendete.

Bei dieser Entscheidung hat sie sich zwei Dinge vorgenommen: Sie wollte für längere Zeit nach Deutschland gehen und nach Ende der Ausbildung eine Anstellung an der Deutschen Schule Santiago haben. Beide Wünsche sind in Erfüllung gegangen. «Mein Leben ist seitdem ganz anders. Alles läuft perfekt. Ich habe meine Berufung gefunden», strahlt Daniela. Und wenn sie von ihrem Studium am LBI erzählt, kommt sie aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.

 

Aufenthalt in Deutschland

Schon 1999, mit 17, war sie mit dem vom Deutsch-Chilenischen Bund organisierten Schüleraustausch in Deutschland gewesen. Drei Monate hatte sie damals bei Hamburg in einer deutschen Familie gelebt und war zur Schule gegangen. Das LBI-Studium sieht vor, dass alle Studierenden für etwa zweieinhalb Monate nach Deutschland gehen, um vier Wochen lang Kurse an einer Pädagogischen Hochschule zu belegen und Praktika an Schulen zu absolvieren. Daniela schaffte es jedoch, insgesamt sieben Monate in Deutschland zu bleiben. Sie studierte das Sommersemester 2012 an der PH in Heidelberg, wo sie zwölf Fächer belegte. Am liebsten erinnert sie sich an Druck/Grafik und das Fach Märchen. Nebenbei arbeitete sie in einem Café und verdiente sich etwas Geld.

Zudem absolvierte sie zwei Schulpraktika, eines in Wiesbaden, wo sie das Glück hatte, bei der Familie einer Deutschen wohnen zu können, die sie vorher in Chile bei sich Zuhause aufgenommen hatte. «Ich habe meine deutschen Eltern gefunden», sagt Daniela über sie. Bis heute telefonieren sie regelmäßig zu allen wichtigen Familienanlässen miteinander.

Das zweite Praktikum absolvierte sie an einer Reformpädagogischen Schule in Rostock. Dieses Modell der Werkstattschule, in dem die Kinder bis zur vierten Klasse alle zusammen unterrichtet werden und anschließend jeweils zwei Jahrgänge zusammengelegt sind, hat ihr sehr gut gefallen.

Überhaupt gefällt ihr vieles an Deutschland: «die Leute, die Organisation, die Pünktlichkeit, dass die Städte nicht so groß sind, die Sicherheit, auch die Landschaften, die Multikulturalität», zählt sie auf. «Das mit der Multikulturalität fängt hier gerade erst an. Es fehlt hier noch», fügt sie hinzu.

 

Fahrt durch Europa

Als sie 1999 zum Schüleraustausch in Deutschland war, nutzte sie die Gelegenheit und reiste mit fünf Freundinnen durch Europa nach Frankreich, Spanien, Italien und mit der Fähre von Brindisi aus nach Patras in Griechenland. «Ich musste meine Freundinnen davon überzeugen, denn sie wollten eigentlich nicht nach Griechenland». Die Fahrt mit der Fähre dauerte 17 Stunden. «Das kam uns unglaublich lang vor, denn es war ja länger als der Flug von Chile nach Europa».

Für Daniela war dies jedoch der wichtigste Teil der Reise, denn ihr Urgroßvater ist Grieche gewesen. «Er war Seemann und hat Söhne und Töchter in ganz Südamerika hinterlassen», erzählt Daniela. Ihr Opa hat diesen sagenumwobenen Vater leider nie kennengelernt. Zumindest weiß Daniela, wo ihre Vorfahren herkommen: väterlicherseits aus Griechenland und mütterlicherseits aus Spanien. Keine deutschen Spuren im Stammbaum, die Danielas Vorlieben erklären würden.

Die Sommerzeit nutzt sie nun, um deutsche Literatur zu lesen und sich so auf ihren Start als Lehrerin von Erstklässlern vorzubereiten. Sie freut sich schon sehr auf die Kinder. Eigentlich hatte sie immer im Kopf, dritte und vierte Klassen zu unterrichten. Bei einem Praktikum an der Deutschen Schule 2011 hatte sie jedoch eine erste Grundschulklasse. «Ich habe mich in die Klasse verliebt. Die Kleinen sind so süß», sagt sie.

Ihre Fächer an der Deutschen Schule Santiago werden Deutsch, Sachkunde und Naturkunde sein. Später einmal möchte sie auch Mathematik und Kunst unterrichten, weil sie ihr durch die Architektur sehr nahe liegen. Und dann fällt ihr doch ein Grund ein, warum sie Architektur studiert hat. «Architektur zu studieren war gut für mich, weil ich gelernt habe, dass man es immer wieder versuchen muss, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Wenn ich ein Modell abgegeben habe und es war nicht perfekt, hat mein Professor gesagt: ‚Mach es nochmal, versuche es‘. Bis er dann gesagt hat: ‚Jetzt ist es gut. Jetzt hast du es geschafft’».

 

Von Petra Wilken

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