Christian Bracker: «Beim Nachtisch wurde ich Repräsentant für Chile»

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Als Christian Bracker vor fast 30 Jahren in Chile den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, hatte der Hamburger bereits so einige Abenteuer in Südamerika hinter sich. Heute vermittelt seine Firma Bracker y Cia Ltda. deutsche Maschinen für die Lebensmittelbranche nicht nur nach Chile, sondern in zahlreiche Länder der Region.

Von Petra Wilken

Hätte Bracker seine Firma heute gegründet, würde er vermutlich auf Neudeutsch als «Entrepreneur» bezeichnet – Gründer eines Unternehmens, der eigenständig, verantwortungsbewusst und stets willensstark handelt, wie der französische Ausdruck definiert wird. Er passt jedenfalls auf den 57-jährigen Betriebswirt, da der Begriff auch eine gehörige Portion Mut und Durchhaltevermögen umfasst, was heute von jungen Start-ups als selbstverständlich erwartet wird. Eine gewisse Lebenseinstellung und die Fähigkeit immer wieder Innovationen hervorzubringen gehört auch mit dazu.

«In praktisch jedem chilenischen Haushalt gibt es Produkte, die mit unseren Maschinen hergestellt worden sind», beginnt Christian Bracker das Geschäft zu erklären. Sein Firmengebäude, ein einstöckiges Haus, Typ Bungalow, hat er auf einer Anhöhe gebaut. Von seinem Büro aus guckt er ins Grüne: auf hohe alte Eukalyptusbäume und einen gepflegten Vorgarten mit Rasenfläche und blühenden Büschen. Die Firma ist dort angesiedelt, wo die Familie Bracker auch auf einer weitläufigen Parzelle lebt: in Pirque. Für den Unternehmer ein Arbeitsweg von wenigen Minuten; für die elf Mitarbeiter auch keine weitere Entfernung als zu anderen Arbeitsplätzen in Providencia oder Las Condes – zumindest für die, die in La Florida wohnen.

Die Maschinen, die Bracker vermittelt, werden hauptsächlich in der Herstellung von Butter, Margarine, Käse und anderen Milchprodukten benötigt. Zudem hat sich die Firma ein weiteres Standbein im Bereich der Druckindustrie aufgebaut. Alle bedruckten Flaschen, die die größte Glasfabrik in Chile herstellt, sind mit Maschinen bearbeitet worden, die über die Repräsentanz von Bracker verkauft worden sind.

Die Firma stellt selbst keine Maschinen her, sondern hat sich auf Exklusivrepräsentanzen von «Hidden Champions» spezialisiert, wie Bracker die kleineren innovativen Technologie-Lieferer aus Deutschland bezeichnet. «Unser höchster Kostenfaktor sind Reisen. Im Moment ist ein Mitarbeiter in Peru unterwegs, nächste Woche ist er in Kolumbien. Im vergangenen Monat war ich nur drei oder vier Tage zuhause, sonst immer unterwegs».      

Häufiges Reisen gehört bei Christian Bracker schon lange dazu. Geboren und aufgewachsen ist er im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Sein Abitur machte er mit 21 an einem Wirtschaftsgymnasium in St. Pauli. «Ich bin lieber Segeln gegangen als zur Schule», kommentiert er den späten Abschluss. Seine anschließende Ausbildung war jedoch genau das Richtige für ihn. Er studierte nach dem «Hamburger Modell» an der Wirtschaftsakademie Hamburg (WAH), das als dreijähriges duales Studium mit praktischer Ausbildung in einer Firma und Blockunterricht angelegt ist. «Es ist auf die Ausbildung von Führungskräften für mittlere Betriebe spezialisiert», erklärt Bracker.

Seine praktische Ausbildung absolvierte er bei Theodor Wille & Co. Der Kieler hatte 1844 eine Kaffee-Export-Handlung in Brasilien aufgemacht. Nach seiner Rückkehr 1847 baute er das Unternehmen zu einem Handelsimperium aus. Die Firma exportierte inzwischen auch Zucker und Baumwolle nach Europa und betrieb eine Textilgroßhandlung in Sao Paulo. Später stieg das Unternehmen auch ins Reederei- und Versicherungsgeschäft ein. Zu Zeiten von Christian Bracker war die Gruppe mit Hauptsitz in Hamburg inzwischen in Händen der Familie Leisler Kiep. Der Name ist ein Begriff durch den bekannten CDU-Politiker Walther Leisler Kiep, der in diesem Mai verstorbenen ist.

«Sie schickten mich 1985 ins Orangensaftgeschäft nach New York und einige Monate später nach Sao Paulo», erzählt Bracker. Handelsimperium hin, Handelsimperium her – so elementare Dinge wie ein Arbeitsvisum für Brasilien waren nicht so einfach zu beschaffen. So reiste Bracker alle drei Monate in ein anderes Land aus, um sein Touristenvisum zu erneuern. Mal fuhr er mit dem Bus nach Paraguay, mal flog er nach Venezuela. Er kam auch nach Chile.

In Hamburg hatte er sich mit dem Deutsch-Chilenen Ricardo Schaub angefreundet. Dieser lud ihn 1986 ein, die Weihnachtstage mit seiner Familie in Zapallar zu verbringen. Das blieb nicht ohne Folgen. «Am 3. Januar 1986 lernte ich meine chilenische Frau kennen, am 5. Februar 1987 haben wir in Sao Paulo geheiratet».

Im März 1987 gingen beide zusammen nach Chile, um hier ihr gemeinsames Leben aufzubauen. Dabei hatte sich das Visa-Problem in Brasilien inzwischen gelöst. Das war auf einmal ganz schnell gegangen, wenn auch nicht gerade gentleman-like: Ein Mitbewerber der Firma hatte Christian Bracker angezeigt, weshalb er nach Asunción reiste. Am brasilianischen Konsulat beantragte er erneut ein Visum. Bei der ärztlichen Untersuchung traf er auf einen Arzt, der an der Klinik in Eppendorf studiert hatte. Innerhalb von wenigen Tagen war das Visum fertig.

Dennoch kündigte Christian Bracker. Sein Plan war, sich in Chile selbstständig zu machen. «Wir wohnten zuerst im Haus meiner Schwiegermutter. Kein Geschäft klappte», erinnert er sich an die schwierigen Anfangszeiten. Doch dann kam ihm das Glück ganz unerwartet zu Hilfe. «Mit meinem letzten Geld flog ich nach Deutschland, wo ich einen Termin bei der Firma Hahn in Lübeck hatte. Sie waren in der Branche Lebensmittelkonservierung tätig, und es gab Chancen, etwas in Chile aufzubauen. An der Rezeption wurde mir jedoch mitgeteilt, dass der Abteilungsleiter, mit dem ich den Termin hatte, verreist war. Auf einmal stand ein anderer Herr neben mir, der mich fragte, ob ich Zeit hätte, mit ihm Mittagessen zu gehen. Es stellte sich heraus, dass es der Firmeninhaber war, und als wir beim Nachtisch angekommen waren, war ich Repräsentant eines Büros in Chile».

Das Büro in Chile rechtfertigte sich zwar letztendlich nicht, aber Christian Bracker behielt die Vertretung von Hahn für Chile und begann auf dieser Basis, seine eigene Firma aufzubauen. Er spezialisierte sich auf die Repräsentanz von Maschinen für die Lebensmittelbranche, passte sich immer den Gegebenheiten des Marktes neu an und baute den Aktionsradius aus. Seit 2001 ist Bracker auch in anderen lateinamerikanischen Ländern vertreten: Argentinien, Uruguay, Peru, Brasilien und Kolumbien.

«Wir sind nach ISO 9001 zertifiziert, und schon seit 1998 sind wir Mitglied bei der Camchal. Ich nehme jetzt schon im siebten Jahr an einem ´Círculo de Emprendedores´ teil. Wir tauschen uns aus und lernen voneinander», beschreibt Bracker auch die Notwendigkeit, sich ständig fortzubilden.  

Seine Firma ist eigentlich ein Familienbetrieb: Seine Frau ist Mitbegründerin und seine Tochter Antje ist zeitweise halbtags in der Firma tätig, aber beide sind nicht wirklich aktiv in der Firma. Sein Sohn Philipp hingegen hat sich zunächst auf die Spuren des Vaters begeben: Nachdem er in Chile Betriebswirtschaftsingenieur studiert hat, ist er derzeit in einem Unternehmen in Hamburg beschäftigt.

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